Flashmob-Konzerte Protest-Party in der Bankfiliale

Wenn die EC-Karte zum Konzertticket wird: Die Hamburger Elektropunk-Band Caracho tritt spontan in Vorräumen von Bankfilialen auf und macht den Geldautomaten zur Bühne. Die Flashmobs sollen vorrangig Spaß machen - aber auch auf die Verfehlungen der Kulturpolitik aufmerksam machen.

SPIEGEL ONLINE

Von Martin Heller


Hinsetzen, Aufspringen, Tanzen. Alle machen mit. "Die Stadt brennt", grölen sie. Die Band hat ihr Publikum im Griff, obwohl die Leute eigentlich gar keinen Konzertbesuch geplant hatten.

Ort des Geschehens: der Vorraum einer Bankfiliale in Berlin-Neukölln. Es ist 22 Uhr, zwischen Geldautomaten und Kontoauszugsdruckern feiern mehrere Dutzend Menschen, die meisten völlig spontan. Einige haben Bier vom nahen Spätkauf geholt.

Das Neonlicht ist grell, die Musik laut. In der Deutschen Bank spielt Caracho aus Hamburg. Ihren Musikstil nennen sie "eine Mischung aus Elektro-Punk-Breakbeat-Indie-Pop". Der Sänger steigt auf einen Geldautomaten, wirbelt sein Mikrofon herum. Es ist eng. Beinahe stürzen die mitgebrachten Boxen um, zu wild ist der Tanz in dem engen Raum.

Darf man das?

Abgesprochen ist die nächtliche Tour durch Bankfilialen nicht, mit einer EC-Karte verschaffen sich die vier Bandmitglieder Zutritt. "Natürlich darf man so etwas", sagt Gitarrist Ivo Vossen nach einem der Kurzauftritte. "Das ist ein öffentlicher Raum", ergänzt Sänger Sven Lauer, "jeder hat eine EC-Karte, jeder mit einer EC-Karte ist legitimiert, da reinzugehen."

Auch das Fernbleiben von Ordnungshütern werten die Hamburger als Signal: "Wie man sehen kann, ist Grün-Weiß heute nicht erschienen. Das wird schon seine Gründe haben", so Lauer.

2008 hat die Band bei ähnlichen Auftritten bereits die Grenzen der Gastfreundschaft getestet. Damals sei auch die Polizei zu einem Flashmob in Berlin gekommen und habe Personalien aufgenommen. Mehr nicht. Den nächsten Auftritt könne die Band ja in einem anderen Polizeiabschnitt durchführen, hätten die Beamten damals gesagt, so Sven Lauer, "dann seien die Kollegen dort zuständig".

So wenig die Polizei mit den nächtlichen Events umzugehen weiß, so begeistert sind einige der spontanen Konzertbesucher. Eine Familie mit drei Kindern ist dabei. "Laterne-Gehen war gestern", ruft die Mutter, als der Tross zur nächsten Bank weiterzieht. Auch die drei Töchter finden es super, sie hätten "ja auch selbst eine Band".

Party mit politischer Botschaft

Dabei geht es beim musikalischen Banküberfall nicht nur um eine lustige Alternative zu Laternenumzügen. Die "Tour le Dispo" hat eine politische Botschaft: "Immer mehr Clubs schließen", schimpft Sven Lauer, die Kultursituation in Hamburg und anderen Städten gehe "rapide den Berg herunter".

Um auf die Probleme vieler Bands aufmerksam zu machen, haben sich Caracho neue Plätze gesucht, um auftreten zu können. "Es gibt so viele tolle Bands, die kein Mensch kennt, weil sie einfach mit den Problemen dieser Kulturmaschinerie kämpfen", klagt Lauer. Es werde immer schwieriger für Bands, ihre Musik einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. "Daher kann ich nur alle ermutigen, öffentliche Plätze und Räume zu besetzen und dort Musik zu machen", will der Bandleader noch sagen, bevor die Party-Gemeinde gemeinsam weiterzieht.

Zurück bleiben nur die Geldautomaten, das Neonlicht, ein paar leere Bierflaschen und der Geruch nach Schweiß.



insgesamt 13 Beiträge
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Kanzla87 22.10.2010
1. .
Die Legalität dieser Konzerte ist anzuzweifeln. Die Bankräume sind deren Privatbesitz, daher werte ich diese nicht sachgemäße Nutzung als Hausfriedensbruch.
Emmi 22.10.2010
2. Öffentlicher Raum?
Ob die betroffene Bank den Vorraum ihrer Filiale als öffentlichen Raum ansieht, wage ich mal zu bezweifeln. Wenn wie zu lesen "ein paar Bierflaschen" zurückbleiben (und vllt. noch mehr Dreck), dann macht das ja nicht die Stadtreinigung weg, sondern die Bank trägt die Kosten für die Reinigung. Und wenn einer auf den Geldautomaten klettert, sieht das die Bank sicher auch nicht so gern... Insofern ist das wohl nicht so ganz easy wie im Artikel vermittelt...
motormouth 22.10.2010
3. ...
Das ist sicher "Kunst" mit tiefgründig-sinngewaltigem Anspruch... Systemkritik, Religionskritik und überhaupt Kritik an allem Übel der Welt.
Indigo76 22.10.2010
4.
Zitat von Kanzla87Die Legalität dieser Konzerte ist anzuzweifeln. Die Bankräume sind deren Privatbesitz, daher werte ich diese nicht sachgemäße Nutzung als Hausfriedensbruch.
Hausfriedensbruch wäre das ganze nur dann, wenn sich die Band ohne Zustimmung der Bank Zutritt verschafft hätte. Aber die Bandmitglieder haben EC-Karten, sind damit Kunden und dürfen den Raum damit betreten. Was sie dann darin machen, hat nichts mehr mit Hausfriedensbruch zu tun, sondern könnte allerhöchstens den Tatbestand der Ruhestörung oder der Erregung öffentlichen Ergernisses erfüllen. Selbstverständlich könnte der Filialleiter der Bank vom Hausrecht gebrauch machen und die Band rausschmeissen, so wie er das bei jedem anderen Kunden auch tun kann, aber das scheint ja nicht zu passieren. Damit ist die ganze Sache legitim.
bilder_rahmen 22.10.2010
5. JUNGS!!! Jetzt seit ihr berühmt :-)
Wie geil! Ich musste mir gerade die Augen reiben. Es ist ja nicht so, dass Caracho die Tour Le Dispo zum ersten Mal machen, aber nun berichtet auch der Spiegel darüber - irre. Das geilste was ich bisher mit Caracho erlebt habe war bei der letzten Aktion "3 2 1 die Stadt ist meins" (Für das Hamburger Gängeviertel) das Konzert in der fahrenden U3. Sven, Omo, Ivo ihr habt's geschafft xD Lieben Gruß Simon aka lurp
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