Fleetwood Mac Weltmeister in schlechter Laune

Nachdem Fleetwood Mac eine der erfolgreichsten Platten aller Zeiten abgeliefert hatten, stritten sie sich nur noch mehr und legten mit "Tusk" ein exaltiertes Meisterwerk nach. Das erscheint nun als luxuriöse Neuauflage.

Von

Herbert Worthington

Die 13 Monate, in denen Fleetwood Mac im Studio an ihrem Album "Tusk" arbeiteten, hat Stevie Nicks mal mit einer "Geiselhaft im Iran" verglichen. Ihrem Kollegen Lindsey Buckingham ist in Erinnerung geblieben, dass die Stimmung während der Sessions überwiegend feindselig gewesen sei. Das passt, denn Stevie Nicks, Lindsey Buckingham, Christine McVie, John McVie und Mick Fleetwood, gemeinsam besser bekannt als Fleetwood Mac, waren schon immer Weltmeister in schlechter Laune.

Schuld daran waren munterer Partnertausch innerhalb der Band, finsterere Eifersuchtsdramen, Drogenexzesse, allerlei Krankheiten und schwere charakterliche Defizite. Aber aus all den "Bad Vibrations" destillierten Fleetwood Mac eben auch umwerfende Songs und große Bestseller.

Der Turbo-Hit "Rumours", der bis heute mehr als 40 Millionen Mal verkauft wurde und noch immer auf Rang sechs der bestverkauften Alben aller Zeiten thront, war - was die Songtexte angeht - eine Sammlung von Abrechnungen, Schuldzuweisungen und Liebesklagen. Bester Stoff für eine Seifenoper.

Dauerberauschte Dinosaurier

Nach "Rumours" gingen sich die dafür verantwortlichen Musiker dann auch erst einmal aus dem Weg und ließen sich Zeit mit der Fortsetzung, zu der die Plattenfirma sie drängte. Es gibt eine unterhaltsame Fleetwood-Mac-Dokumentation aus jenen Jahren, in der Lindsey Buckingham zu sehen ist, wie er die Baustelle seiner aktuellen Mega-Mansion begutachtet: Da stolziert er mit mürrischem Gesicht an halbfertigen Tennisplätzen und diversen Pools vorbei und zetert, wie kostspielig das alles sei und dass er sich seine frisch gegründete Familie mit kleinen Kindern eigentlich gar nicht leisten könne.

Und dass eben deshalb das nächste Fleetwood-Mac-Album "Tusk" ein Doppelalbum mit möglichst vielen seiner Songs werden müsse, damit sich das alles überhaupt für ihn rechnet. Aber bei aller Exzentrik und Egomanie war Buckingham auch immer der abenteuerlustigste Songwriter bei Fleetwood Mac.

Nachdem Fleetwood Mac - 1967 in London von Mick Fleetwood als Bluesband gestartet - nach ihrem frühen Hit "Albatros" in England so langsam die Luft ausging, verpflanzte Fleetwood die Band 1975 nach Kalifornien und heuerte das junge Hippiepaar Stevie Nicks und Lindsey Buckingham an, was sich als genialer Schachzug erwies, da die beiden den sagenhaft erfolgreichen kalifornischen Softrock-Sound mitbrachten.

"Rumours" erschien dann 1977 zur Blütezeit des Punkrock. Es verkaufte sich absurd gut, die dafür verantwortlichen Künstler wurden aber von Medienmenschen als dauerberauschte Dinosaurier belächelt. Zumindest Lindsey Buckingham wurmte das.

Studio auf der Toilette

In Interviews jener Zeit wies er amüsierte Journalisten gerne darauf hin, dass er The Clash, Gang Of Four und The Ramones schätzt. Jedenfalls übernahm Buckingham dann die Regie bei "Tusk", aber nicht nur um Kasse zu machen, sondern auch um den Sound der Band aufzufrischen. In seinem neuen Palast hatte er sich ein Studio einbauen lassen, inklusive einer Toilette mit Schlagzeug, und begann zu experimentieren.

Und auch wenn sich die Musiker untereinander nicht grün waren, wurde "Tusk" doch ein Triumph. Das fängt schon mit dem herrlich seltsamen Cover an, auf dem ein Hund, warum auch immer, in eine Jeans beißt. Aber die darin verpackte Musik ist tatsächlich grandios; insbesondere die Beiträge von Lindsey Buckingham. Der von ihm verfasste Titelsong "Tusk" machte klar, dass Fleetwood Mac in der Gegenwart angekommen waren. Die sechseinhalb Minuten lange Stevie-Nicks-Nummer "Sara" erinnerte an bewährte Qualitäten der Band.

Kommerziell betrachtet war "Tusk" für Fleetwood-Mac-Verhältnisse ein Flop, mit vier Millionen verkauften Exemplaren, also zehn Prozent dessen, was der Vorgänger "Rumours" umsetzte. Aber vielen Experten gilt "Tusk" längst als Meisterwerk der Band. Der US-"Rolling Stone" führt das Album unter den "500 besten aller Zeiten". Nachgewachsene Kollegen wie Tame Impala, R.E.M. oder Bonnie Prince Billy spielten Songs daraus nach. Und Camper Van Beethoven coverten "Tusk" gleich komplett.

Nun ist eine umfangreiche "Tusk"-Deluxe-Ausgabe erschienen. Auf fünf CDs und zwei Vinylplatten werden ein frisch restaurierter Album-Mix geboten sowie haufenweise Demos, Outtakes und Konzertaufnahmen. Grandios klingt auch ein 5.1 Mix des Originals, der auf DVD beigepackt ist.

Nach "Tusk" begab sich die Band erstmal auf eine ausgiebige Konzertreise. Da sie keine Lust hatten, so bald im Studio wieder zusammenzukommen, erschien danach das Album "In Concert", das die Band in Bestform und mit überraschendem Repertoire zeigt und nun auch auf Vinyl wieder aufgelegt wurde.

Dass Lindsey Buckingham während der Shows mehrfach im Halbdunkel nach Stevie Nicks getreten haben soll, ist eine andere Geschichte.

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
taglöhner 19.02.2016
1.
Oft erscheinen mir die Örtlichkeiten aus meiner Jugend inzwischen zwergenhaft. Bei der Musik ist es umgekehrt.
grabenkaempfer 19.02.2016
2.
wer es bekommen kann, sollte sich den Auftritt von Mich Fleetwood bei TopGear mal ansehen da gibt es noch einige interessante Sachen über diese Phase zu erfahren :-D
Django_DUS 19.02.2016
3.
Nach Rumours waren wir damals alle schwer enttäuscht von Tusk. Irgendwie klangen die Songs belanglos und der Titelsong war erst recht langweilig. Das kann ich heute nicht mehr nachvollziehen. Das Album hat sich über die Jahre zu einem meiner absoluten Favoriten entwickelt. Ob ich jetzt noch die Super-Deluxe Version brauche, weiß ich nicht. Die 2CD von vor ein paar Jahren erfüllt ihren Zweck tadellos. Mal sehen, wo die neue Version in einigen Monaten preislich landet.
busytraveller 19.02.2016
4. Nie belanglos
Obwohl Fleetwood Mac nie zu meinen ganz großen Favoriten gehörten und ich wenn schon die frühe Blues - Ära immer der späteren Pop - Ära der Band vorziehen würde, waren Sie dennoch nie belanglos. Dazu waren sie einfach zu gut. Tusk werde ich mir nach diesem Artikel noch einmal in Ruhe anhören.
grandelfe 19.02.2016
5. In der
war die Live-Performance mit ihren 3 (!) Gitarristen Peter Green, Jeremy Spencer & Danny Kirwan schon etwas besonderes. UK-Blues vom feinsten! Danach kam der wohlverdiente California-Mainstream, mit super-catchy Mitsing-Songs für eine ganze Generation und mehr.
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