Pianist Florian Uhlig: Fasching bei Schumann

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Florian Uhlig hat Ambitionen: Der Pianist spielt derzeit das gesamte Klavier-Solowerk von Robert Schumann ein. Jetzt liegt Folge vier vor - Schumanns Stücke aus seiner Zeit in Wien. Darunter auch der Faschingsschwank.

Pianist Florian Uhlig: Schumann genau genommen Fotos
Marco Borggreve

Von wegen Karneval! Der "Faschingsschwank aus Wien" des Komponisten Robert Schumann (1810-1856) ist alles andere als ein harmloser Spaß. Fünf Sätze mit insgesamt rund 20 Minuten Länge für einen Klaviervirtuosen: Die gespannte Atmosphäre, die allein im kurzen Intermezzo und im gleichfalls knappen Scherzino fast expressiv aufbricht, hat Beethovensche Fallhöhe. Uhlig thematisiert die Spannungen des "Schwanks" ohne sie auszugleichen, mit kraftvoller Hand und einem Händchen für zarteste Details. Denn es sind genau diese Widersprüche, die er liebt: "Die Musik ist teils wienerisch, vielleicht auch eine Spur ironisch, beschwingt, bisweilen euphorisch, dann wiederum im Intermezzo abgründig und düster - und das alles sehr resolut und mit geballter Faust".

Heikles Terrain für jeden Pianisten, gewohnte Gegend für Florian Uhlig, der seine Schumann-Kompetenz schon nachdrücklich bewiesen hat. Unter anderem mit seiner an dieser Stelle schon gewürdigten Interpretation der vertrackten f-moll-Sonate.

Und damit nicht genug: Uhlig - Wahl-Londoner und 1974 in Düsseldorf geboren - will das gesamte Solo-Piano-Werk Schumanns einspielen. 15 CDs sollen es werden mit den Werken fürs Piano. Die Komplett-Einspielung setzt künstlerisch und quantitativ Maßstäbe. Um sein umfangreiche Vorhaben interessant zu strukturieren, nimmt Uhlig die Stücke nicht stur chronologisch auf, sondern gliedert die CD-Kapitel inhaltlich. Mit "Charakterstücke" (unter anderem den flirrenden "Papillons") ging es los, jetzt legt Uhlig Folge IV vor: "Schumann in Wien", die die Jahre 1838/39 darstellt, als Schumann an der Donau eine sehr produktive Schaffensphase erlebt. Die CD enthält neben dem "Faschingsschwank" auch die betörende "Arabeske" op. 18 und die ebenso hochvirtuose "Humoreske" op. 20.

Wie aus einer Wolke heraus modelliert

Die "Arabeske" beflügelte Uhlig bei dieser CD besonders. Mit inniger Hingabe modelliert er das nur scheinbar kleine Stück wie aus einer Wolke heraus und spielt es so, wie er Schumann immer spielt: nie verträumt oder gar romantisierend verzärtelt, immer klar, strukturorientiert und penibel genau durchgeformt. Ein Schumann mit strengem Sentiment - kein Widerspruch bei Uhlig. Doch auch stets differenziert Uhlig mit peniblem Blick auf den Notentext: "Während Schumann sich in der zeitgleich entstandenen 'Humoreske' eher in ein halbstündiges, ununterbrochenes Verwirrspiel mit Formen, Farben und Figuren treiben lässt, behält der Komponist die Zügel im 'Faschingsschwank' fest in der Hand."

Ernsthaft und akribisch kümmerte sich der Virtuose auch um die musikwissenschaftliche Seite seiner Edition, allerdings mit fachlicher Unterstützung. "Ich habe das große Glück, mit dem herausragenden Schumann-Forscher Joachim Draheim an diesem Projekt zu arbeiten", sagt Uhlig. "Seine intensive Beschäftigung mit Leben und Werk Schumanns hat viele neue Erkenntnisse und mancherlei bis dato unbekannte Stücke und Skizzen zutage gefördert."

Feinarbeit folgt der Spurensuche: So gehören zu den Wiener Fundstücken auch edle Kleinigkeiten wie die "Vision" F-Dur aus den "Albumblättern" oder drei Kompositionen aus den "Bunten Blättern" op. 99, alle meist deutlich kürzer als zwei Minuten, aber stets unverkennbarer Schumann. Denn das ist eins der markanten Kennzeichen dieser Einspielungen: Florian Uhlig gelingt es auch in 60 Sekunden, "seinen" Schumann perfekt darzustellen. Verbessert eine dauernde monothematische Beschäftigung die pianistische Ausbeute? Uhlig sagt: "Diese Arbeit wird im Lauf der Zeit natürlich leichter, weil einem Schumann immer besser vertraut wird - das fängt schon mit seiner Handschrift an".

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