Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Fotobuch über Wiener Staatsoper: Spiel mit vielen Unbekannten

Von

Fotobuch "Genesis": Ein langer Weg, bis die Bühne bebt Fotos
Lois Lammerhuber

Viel passiert, bevor der Vorhang sich hebt: Den Weg einer Opernpremiere von der Planung zur Aufführung beschreibt der Fotograf Lois Lammerhuber in seinem Buch "Genesis" - so farbig und detailversessen, dass nicht nur Fans staunen.

Als man im April 2015 in der Wiener Staatsoper die ersten Takte der "Don Pasquale"-Premiere hörte, war das wie immer die Ziellinie eines langen Laufes. Das Ergebnis eines vielschichtigen Teamworks, mehr als die Summe vieler Einzelteile, eben die Geburt eines Kunstwerkes. Ganz normale Spitzenklasse des Musiktheaters, wie man es in der österreichischen Metropole so gewohnt ist? Normal? Ja und nein: Routine bildet die Basis, damit funktioniert, was sich Kreative so ausdenken. Ein Spiel mit vielen Unbekannten. Der Volksmund spricht weise: Es gehört stets mehr zum Bild, als das Auge sieht. Wenn man sich einmal mit den ganzen Details erschlagen will, die zu einer Opernpremiere gehören: Das Buch "Genesis" hat sie alle, zumindest im Bild. Der Chef der herausgebenden Edition, Lois Lammerhuber, ist Fotograf, und er liebt die Bühne.

Von der Pressekonferenz zum Saisonstart 2015/2016 bis zur Premiere der Donizetti-Oper reicht der üppige Bilderbogen, für den der Direktor der Wiener Staatsoper, Dominique Meyer, den Text geschrieben hat. Detailreichtum, aber auch Fläche ist angesagt, keine Kritik, dafür viel Harmonie. Klar, dass man für ein solches Trumm von einem Buch am liebsten einen Sponsoren findet. Zum Glück bot sich die Staatsoper an der Donau an, die sich einen ganzen Stapel als "Herrenspende" für den Opernball 2016 leistete. Ein Lasttaxi wäre nach der rauschenden Ballnacht angebracht, denn der kiloschwere und großformatige Foliant passt nicht mal eben so ins Abendtäschchen.

Anzeige
Muss aber so sein, denn es geht ja um die ganz große Bilderbühne - auch für die vielen "kleinen" oder nicht so schillernden Rädchen im Opernbetrieb, die zwar wichtig sind, aber nie im Rampenlicht stehen. Ob Katharina Sedivy von der allgemeinen Verwaltung, Produktionsleiterin Michaela Stark oder der kaufmännische Geschäftsführer Thomas Platzer, sie alle sind mit gleicher Sorgfalt und Liebe abgelichtet wie Startenor Juan Diego Flórez oder Dirigent Jesús López Cobos.

Es kommt auf jeden an, vom Lichtteam bis zur Requisite, das ist die Botschaft des opulenten Buches, die auch in den stets gleich großen Fotoformaten für alle Beteiligten demonstriert wird. Posiert wurde wenig, meist hat Lois Lammerhuber scheinbar spontan "draufgehalten" - wobei sicher nichts zufällig war, aber das meiste dennoch erfrischend unverstellt wirkt und viel Bewegung zeigt. Auch das gehört zur Fotokunst. Nur so gelingt es, den Schwung und die Begeisterung der Akteure und Handwerker und Organisatoren lebendig einzufangen. Wo es hinter den Kulissen dann vielleicht dennoch mal geknirscht und gekracht hat, sieht man nicht. Aber am Ende kommt es bekanntlich eh nur auf das Ergebnis an.

Metzmacher macht's ganz anders

Ganz anders, wenn nicht diametral entgegengesetzt, beschäftigte sich Dirigent und Autor Ingo Metzmacher schon vor Jahren mit dem Entstehen einer Operninszenierung. In seinem kompakten Buch "Vorhang auf!" (Rowohlt, 2009) spann er zwischen Abhandlungen zu Opern von Mozart und Verdi bis zu Henze und Rihm einen roten Faden zu Etappen seiner historischen "Wozzeck"-Produktion 1998 in Hamburg. Kapitel für Kapitel geht es voran: Zusammen mit Avantgarde-Regisseur Peter Konwitschny (mit dem er häufig kooperierte) entwickelte er eine ebenso eigenwillige wie wirkungsvolle Version der Alban-Berg-Oper, die auch auf CD verewigt wurde.

Das Buch dokumentiert anschaulich, wie mühsam und kleinteilig die Arbeit voranging, von der ersten Idee bis zum Premieren-Applaus, über Kontroversen, Irrtümer und Zweifel bis zum zäh erkämpften Triumph. Tagebuchartig, ausschließlich über den Text erzählt, bescheiden, asketisch fast - und beeindruckend in manchen persönlichen Details.

Kunst als harte Arbeit und Ergebnis von Diskussion, Probieren und Verwerfen, Mut und Zusammenwirken von eigensinnigen Künstlern und verlässlichen Handwerkern. Zwei Arten der Darstellung von Kunstproduktion: Beide lohnen sich.

Anzeige

Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps
Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: