Popikone Françoise Hardy Die scheue Schöne

Bob Dylan, die Beatles und die Stones - sie alle umschwärmten in den Sechzigerjahren die französische Sängerin Françoise Hardy. Fünf ihrer wehmütig-schönen Alben wurden jetzt neu aufgelegt.

AFP

Als Bob Dylan in Mai 1966 ein Konzert im Pariser "L'Olympia" gab, ließ er das Publikum zur Pause wissen, dass er nur dann auf die Bühne zurückkäme, wenn ihn Françoise Hardy umgehend in seiner Garderobe aufsuchte. Die Französin, tatsächlich im Publikum anwesend, tat ihm den Gefallen, war aber nicht beeindruckt: Dylan habe lädiert ausgesehen und ein Gespräch sei sowieso nicht möglich gewesen, da er kein Französisch sprach und sie kein Englisch verstand, erinnerte sich Hardy. Später ging sie dann noch auf die Aftershow-Party, wo Dylan sich ins Zeug legte, um die Sängerin zu beeindrucken. In seinem Zimmer klampfte er für sie "Just Like a Woman" und "I Want You", aber Hardy, einen Kopf größer als Dylan, hielt ihn auf Abstand: "Er war kein attraktiver Mann und ich war ein naives Mädchen."

Damals, in der ersten Hälfte der Sechzigerjahre, war Françoise Hardy sehr jung berühmt geworden. Sie war 17, als sie sich zu ihrem Abitur aussuchen durfte, ob sie ein Radio oder eine Gitarre als Geschenk möchte. Sie entschied sich für letzteres, weil sie "schnell begriff, dass man darauf mit nur drei Akkorden schöne Melodien schreiben konnte".

Eines der ersten Lieder, das sie darauf zauberte, hieß "Tous les garçons et les filles". Das wurde von einer Plattenfirma angenommen, war nur als B-Seite einer Single geplant und betrübte die Künstlerin: "Wir spielten es in drei Stunden mit den vier schlechtesten Studio-Musikern von Paris ein." Der Erfolg kam trotzdem buchstäblich über Nacht.

Nach einem TV-Auftritt der schönen, wehmütig dreinblickenden jungen Frau, war die Grande Nation völlig aus dem Häuschen, und Françoise Hardy plötzlich ein Star der weit über die Grenzen Frankreichs hinaus strahlte. Abgesehen von "His Bobness" wurde sie auch von Mick Jagger umgarnt, der, wenn Hardy in London im Studio war, gerne mal "zufällig" hereinschneite. Paul McCartney und George Harrison führten sie zum Essen aus. Dass Hardy am Ende ihren coolen Landsmann, den Sänger Jacques Dutronc, ehelichte, passt perfekt zu dieser ungewöhnlichen Künstlerin, deren Mythos bis heute ungebrochen ist. Regisseure wie Wes Anderson und Richard Curtis ("Love Actually") nutzten ihre Songs in Soundtracks. Verehrer wie Iggy Pop, Malcolm McLaren und Damon Albarn lockten sie vors Mikrofon. Dabei bewahrte Hardy stets ihre elegante Unnahbarkeit.

Fünf frühe Alben aus ihrer langen und außergewöhnlichen Karriere sind nun wieder zu haben. Verantwortlich dafür ist das US-Label Light in the Attic, das auf detailverliebte Neuauflagen spezialisiert ist. Die Originalbänder wurden aufgepeppt, die Neuauflagen mit ausgiebigen Essays und Klappcovern ausgestattet.

Der Ruhm war ihr nicht geheuer

Françoise Hardy war ein einsames Kind. Der Vater hatte früh die Familie verlassen, ihre Mutter weder Geld noch Freunde. Erst das Gitarrengeschenk zum Schulabschluss brachte Schwung in ihr Leben. Die Melancholie, die Hardy von Beginn begleitete, wurde zu ihrem Markenzeichen: "Alle sind glücklich verliebt, nur ich bin ganz allein", sang sie damals - und berührte damit Millionen.

Natürlich half es, dass Hardy hochgewachsen und bildschön war und obendrein ein Gespür für Stil hatte, Modeschöpfer wie Paco Rabanne überhäuften sie alsbald mit Kleidung. Aber Hardy setzte auch musikalisch Akzente. Frankreich hatte eine eigenständige Musikszene, in der anglo-amerikanische Einflüsse weniger stark zum Tragen kamen. Stattdessen gaben verkopfte Chansoniers und grelle Pop-Songs den Ton an. Hardy wählte den Mittelweg: Chansons waren ihr zu vermufft, aber eigene Texte mit Substanz dennoch wichtig. Der Pop-Maschinerie setzte sie den Willen, eigene Entscheidungen zu treffen, entgegen.

Das Maß aller Dinge waren damals Singles mit vier Songs. Wenn man drei davon geliefert hatte, wurden die auf eine Langspielplatte gepresst. So entstanden dann auch die ersten beiden Alben von Françoise Hardy. Aber ab dem dritten Album mischte sie sich ein. Es begann damit, dass "Mon amie la rose" in London eingespielt wurde, was ein radikaler Schritt für einen Franzosen war. Fernab von Paris habe sie sich einfach freier gefühlt, sagte sie. Hardy wählte den Produzenten aus, kommandierte die Musiker herum, darunter ein Session-Gitarrist namens Jimmy Page, und schrieb die meisten Songs selbst. Das Resultat war großartig; zwölf behutsame Lieder, die französische Traditionen und englische Popkultur verzahnten und Hardys bemerkenswertes Talent ausstellten. Die Alben, die folgten, waren mindestens ebenso geglückt.

Aber Françoise Hardy war der Ruhm, der mit dem Erfolg einherging, nicht geheuer. Geplagt von Dauer-Lampenfieber verabschiedete sie sich 1968 für immer von den Konzertbühnen der Welt. Seitdem hat sie stattdessen in regelmäßigen Abständen überwiegend großartige Platten veröffentlicht.

Unweit des Champs-Élysées residiert Hardy seit vielen Jahren in einem bunkerähnlichen Apartment, in dem sie gerne brüllend laut Musik hört und sich mit Astrologie beschäftigt. Mittlerweile ist sie 72 Jahre alt, sieht immer noch toll aus - und hat ihr Interesse an neuer Musik bewahrt. Gerne mogelt sie sich in Konzerte, wenn das Licht verloschen ist, und lauscht neugierig im Hintergrund.

Bei einem Auftritt seiner Band Blur kam Damon Albarn einst zu Ohren, das Hardy anwesend sei. Die Einladung des Britpoppers, nach der Show hinter die Bühne zu kommen, nahm sie tatsächlich an. Die beiden sollen sich bestens verstanden haben, und Englisch spricht sie sowieso längst.

Anzeige


insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
licorne 08.04.2016
1. Ergänzung
Françoise Hardy war in der letzten Zeit oft und schwer krank. Nach einem Sturz lag sie wochenlang im Koma und trug viele Brüche davon. Dann bekam sie eine Lungenembolie und nun kämpft sie gegen einen Lymphdrüsenkrebs. Sie wohnt hauptsächlich in einem wunderschönen Haus in Korsika. Ihr Sohn Thomas Dutronc ist auch ein ausgezeichneter Gitarrist und Sänger.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.