"Walküre" in Bayreuth 2013: Kriechen auf der Ölspur

Aus Bayreuth berichtet

Wagners "Walküre": Drama an der Bohrstelle Fotos
DPA/ Bayreuther Festspiele/ Enrico Nawrath

Zweite "Ring"-Etappe in Bayreuth: Jetzt war "Die Walküre" dran. Regisseur Frank Castorf verzichtete diesmal auf grelle Effekte, dafür leuchteten die Solisten wieder in schillernden Farben. Anja Kampe als Sieglinde war der Star des Abends.

Kurze Pause! Als wollte Regisseur Frank Castorf das grandiose Sänger-Ensemble des Abends nicht allzu sehr bei Arbeit stören, so sanft, fast betulich inszenierte er "Die Walküre", den ersten Tag (nach dem Vorabend "Rheingold") auf der Bayreuther Festspielbühne.

Dabei ist ja von Beginn an eine Menge los: Immerhin zeugt das Geschwisterpaar Sieglinde (Anja Kampe) und Siegmund (Johan Botha) im Haus des betrogenen Ehemanns Hunding (Franz-Josef Selig) in inzestuöser Weise den künftigen Helden Siegfried. Schon hier musikalische Perfektion: Anja Kampes Sieglinde brillierte mit betörender Höhe, sicherer Fülle, variantenreichem Spiel und emotionaler Bandbreite. Ihr Liebesduett mit dem bestens aufgelegten Strahle-Tenor Johan Botha rührte das Premierenpublikum so sehr, dass es schon zur ersten Pause einen für Bayreuth selten einhelligen Jubelsturm für Kampe gab. Aber auch ihr Ehemann Hunding in Gestalt des mächtigen Basses Franz-Josef Selig räumte ab wie sein Bühnen-Widersacher Botha. Da macht es wenig aus, dass sonst nicht viel passierte.

Frank Castorf hatte im Vorfeld seiner Inszenierung ja schon angekündigt, dass die zweite Station seiner Tour de "Ring" ein Ölbohrfeld in Aserbaidschan sein sollte: Öl ist das Gold von heute, Quelle der wirtschaftlichen und politischen Macht. Um diesen Rohstoff wird gekämpft, das ist nicht unbekannt. Auch die Geschichte dieses Phänomens. Aber diese Erkenntnis ist es dann auch schon, mehr Bilder als die ölverbohrte Tristesse fielen Castorf nicht ein, wenn auch sein Bühnenbildner Aleksandar Denic aus viel Holz ein phantasievolles Haus mit (Bohr-)Turm baute, dessen viele Räume durch die monumentale Bayreuther Drehbühne stets schnell neue Aspekte der Handlung abbilden konnten.

Alles dreht sich ums Öl

Ein Teil dieses Weltenhauses ist denn auch die Zeugungsstätte des kommenden Erlösers Siegfried, Ergebnis der Liebesnacht von Siegmund und Sieglinde, unter Kompromittierung des von einem Schlaftrunk sedierten Hausherrn Hunding. Als der bekannte Vollzug erfolgt, gibt es einen historischen Schwarzweißfilm von einer gelungenen Ölbohrung: eine mäßig originelle Metapher, aber im Rahmen der Castorfschen "Ring"-Ästhetik eben auch der Beginn der neuen Energie-Zeit.

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Back in Bayreuth: So funktionieren die Wagner-Festspiele
Film ist hier wie zu Beginn im "Rheingold" wieder eine wichtige Erklär- und Interpretationskomponente der Handlung. Das immer flink herumwuselnde Videoteam von Andreas Deinert kommentierte wieder die Handlung mit überraschenden Einstellungen und knalligen Großaufnahmen der Sänger, dazu atmosphärisch prägende Filmeinspielungen à la Eisenstein. Das waren diesmal die lebhaftesten Akzente einer ansonsten beinahe statischen Personenregie.

Der Film erklärt alles

Auch der große Konflikt zwischen Wotan und seiner Lieblingswalküre Brünnhilde, die sich offen Wotans Befehlen widersetzte, dümpelt so dahin. Alle Diskurse im zweiten und dritten Aufzug - eigentlich voller Dramatik - lässt Castorf fast als statisches Rampentheater ablaufen. Das freut natürlich die Sänger und dient dem Dirigenten, der bessere Klang-Ergebnisse erzielt als bei wilder Bühnenaktion.

Diese Aktion überlässt der Regisseur lieber den acht Mit-Walküren Brünnhildes, deren Job es ja ist, die gefallenen Helden der Welt für Wotans Ruhmesplatz Walhall einzusammeln. Hier sind es natürlich beispielhaft die "Helden der Arbeit", getötet bei einem Gasunfall auf der Bohrinsel, die die Fürsorge der Damen erfahren. Der entsprechend bekannte "Walkürenritt" zu Beginn des dritten Aufzuges gelingt dann auch dramatisch zufriedenstellend, mit geschmeidiger Sekundanz von Orchester. Aber an diesem munteren Heldenspiel kann Brünnhilde schon nicht mehr mitwirken, denn ihre Zukunft hat sich verdüstert.

Walkürenritt für die Helden der Arbeit

Die selbstbewusste Kämpferin hatte im fälligen Ehrenduell nicht dem beleidigten Hausherrn Hunding, sondern dem smarten Siegmund geholfen - ein Affront gegen den Göttervater, der dies nur mit Verbannung ahnden kann. Diese Verbannung, bei Wagner der Einschluss der Walküre in einen Feuerring, den später erst Brünnhildes Retter, Supermann Siegfried, bannen kann, wird bei Frank Castorf nur eine Art Hausarrest auf dem Ölfeld: Aserbaidschan ist wohl Strafe genug. Brünnhilde legt sich zum Schlafen aufs rustikale Lager, dazu brennt auf der Bühne - na klar! - ein Ölfass. Brünnhilde mit bangem Gesichtsausdruck auf großer Leinwand, der Göttervater auf dem Weg zu ihrer Kemenate, dann Vorhang - ein nicht ganz Wagnerischer Schluss, der aber die innige Bindung Wotan/Brünnhilde und die Inzest-Beziehung des Beginns wieder aufgreift.

Jubel für Musik und Sänger

Wolfgang Koch ist, wie schon im "Rheingold", ein würdiger Wotan und bis zum Schluss bestens bei Stimme, füllt mit Charisma und vokalen Nuancen den öden Raum des Planeten Öl. Auch Catherine Forster als Brünnhilde, die nach dem zweiten Aufzug vorschnelle und übertriebene Buhs kassierte, steigert sich zu einer beeindruckenden Performance, mit rundem, voluminösem Sopran, ergänzt von dezentem Spiel, das durch die Videotechnik dokumentiert wird.

Alle gemeinsam bekamen verdient den begeisterten Schlussapplaus, wobei Anja Kampe mit der makellosen Sieglinden-Partie diesmal sogar den erneut kraftvoll und differenziert leitenden Orchesterchef Kirill Petrenko ausstach.

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insgesamt 8 Beiträge
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    Seite 1    
1. statische Personenregie
krokodill 28.07.2013
Einem Regisseur im Falle von Johan Botha statische Personenregie vorzuwerfen, ist etwas unfair. Wie soll das denn gehen?
2. so so
zwietracht 28.07.2013
Was aus dem Graben kam war inspirierend. Frisch, lebendig, klangsinnig musiziert, schöne Partiturauslegung mit Sinn für's Detail. Einzig die Intonation - v.a. Bläser - hat man schon viel besser gehört, aber das mag auch z.T. der Hitze geschuldet gewesen sein. Dass Koch bis zum Schluss gut bei Stimme war kann ich so nicht bestätigen. Im 3. Aufzug schlichen sich doch ein paar deutlich unsaubere Töne zu viel ein. Er wirkte kurzatmig, atme oft in Phrasen zwischen, verkürzte Schlusstöne. Das emotional aufgeladene Mezza voce (Schlafmotiv) misslang völlig, die Stimme blieb ohne Klang. Aber fairerweise ist auch hier vielleicht ein Tribut an die Hitze zu zollen.
3. Schwachsinn
bssh 28.07.2013
Was hat Wagners Ring mit Öl zu tun? In seinem Text findet man dazu nichts, und Herr Wagner würde sich wahrscheinlich auch nur wundern und ärgern. Also hat man nicht Wagner aufgeführt sondern Castorf. Heutzutage scheinen die Regisseure wichtiger zu sein als die Autoren, traurig. Der Text als solches, also die eigentliche Oper, scheint unwichtig zu sein, nur noch ein Warenlager, aus dem man sich nach Belieben bedient und es dann neu zusammensetzt, wie es dem Herrn Regisseur gefällt. Irgendwelche Interpretationen und Parallelen werden einem vor den Kopf geschlagen, damit es der einfältige Zuschauer auch sicher begreift, denn ohne einen Regisseur, der das für einen erledigt, kann man das von einem heutigen Zuschauer wohl nicht mehr verlangen. Was hätten die Zuschauer aus der Wagner-Zeit und Wagner wohl gedacht, wenn sie das gesehen hätten?
4. zeitgeist
kimba_2014 28.07.2013
Zitat von sysopZweite "Ring"-Etappe in Bayreuth: Jetzt war "Die Walküre" dran. Regisseur Frank Castorf verzichtete diesmal auf grelle Effekte, dafür leuchteten die Solisten wieder in schillernden Farben. Anja Kampe als "Sieglinde" war der Star des Abends. Frank Castorf inszeniert Wagners Walküre in Bayreuth 2013 - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/musik/frank-castorf-inszeniert-wagners-walkuere-in-bayreuth-2013-a-913530.html)
Man ist ja im Jahre 2013 froh und dankbar, wenn auf der Bühne nicht mit Kot und Urin geworfen wird und dem Zuschauer dass dann noch als "moderne Kunst" vorgesetzt wird. Glücklicherwise kann man die Musik Wagners selbst nicht verhunzen wie manche dieser Bühneninszenierungen. Aber es kommen auch wieder geistig gesündere Zeiten.
5.
des_pudels_kern 28.07.2013
Zitat von bsshWas hat Wagners Ring mit Öl zu tun? In seinem Text findet man dazu nichts, und Herr Wagner würde sich wahrscheinlich auch nur wundern und ärgern. Also hat man nicht Wagner aufgeführt sondern Castorf. Heutzutage scheinen die Regisseure wichtiger zu sein als die Autoren, traurig. Der Text als solches, also die eigentliche Oper, scheint unwichtig zu sein, nur noch ein Warenlager, aus dem man sich nach Belieben bedient und es dann neu zusammensetzt, wie es dem Herrn Regisseur gefällt. Irgendwelche Interpretationen und Parallelen werden einem vor den Kopf geschlagen, damit es der einfältige Zuschauer auch sicher begreift, denn ohne einen Regisseur, der das für einen erledigt, kann man das von einem heutigen Zuschauer wohl nicht mehr verlangen. Was hätten die Zuschauer aus der Wagner-Zeit und Wagner wohl gedacht, wenn sie das gesehen hätten?
Naja, wenn Sie die Parallelen selbst ziehen können (was Sie ja dem Publikum von heute zumuten wollen), werden Sie das ja auch selbst erkennen, was der Ring mit öl zu tun hat. Also: Entweder Sie haben diese Interpretationsmöglichkeit schon selbst gesehen (einfach nur beim Durchhören einer Aufnahme, viel Neues dazu kommt ja bei einer "traditionellen" Aufführung nicht dazu) oder der Regisseur hat Ihnen doch etwas Neues gezeigt, was Sie bisher noch nicht so gesehen haben. Und was Wagner oder gar die Zuschauer der Wagner-Zeit gedacht hätten ist vollkommen irrelevant. Schon allein weil wir's nicht wissen können und nie wissen werden. Und weil heute besser für das heutige Publikum inszeniert wird und nicht für ein vor 200 Jahren geborenes Publikum.
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