Neue Vocal-Jazz-Alben Den Schwung in der Stimme

Eine Jazz-Richtung mit Potential für ein breites Publikum ist Swing-Gesang in der Tradition von Frank Sinatra. Das beweisen Stars wie Ute Lemper oder Stefan Gwildis, die sich auf ganz eigene Weise dem Swing nähern.

Universal

+++Neu: Die Tageskarten Küche erscheinen ab dieser Woche immer am Samstag, die Jazz- und Klassik-Tageskarten immer am Sonntag.+++

In den deutschen Album-Charts überholte Ende November eine Swing-CD schlagerhaften Pop und deftigen Rap. Vorbei an Helene Fischer und Eminem schnellte "Swings Both Ways" von Robbie Williams an die Spitze. Eine jazzige Nummer vor den gängigen Genres! Ist das allein mit dem Interpreten zu erklären, oder liegt es auch an der Musik, die Robbie Williams für seine neue Platte auswählte?

Sicher kaufen die meisten das Album wegen des Superstars. Aber: Wenn es jazz-affine Musik gibt, die auf dem Großmarkt der Tonträger eine Chance hat, dann ist es Vocal-Swing mit Bigband-Backing. Robbie Williams landete damit vor gut zehn Jahren den Welthit "Swing When You're Winning". Hierzulande lockte Roger Cicero als Bigband-Swinger mit deutschen Texten ("Männersachen") Tausende in Großarenen; 2007 vertrat er Deutschland auf dem European Song Contest - Ciceros Beitrag endete abgeschlagen; aber immerhin war Swing auf Europas größtem Schlager-Festival vertreten. Nun ist auf dem aktuellen Robbie-Williams-Album als Duett-Partner Michael Bublé dabei; der kanadische Jazzsänger und Entertainer findet seit Jahren weltweit ein breites Publikum.

Vorbild Frank Sinatra

Vorbild für Bublé, Cicero, Williams und alle anderen Swingvokalisten ist Frank Sinatra. Wie perfekt der seine Kunst beherrschte, ist auf dem Doppelalbum "Duets" nachzuhören, einer Wiederveröffentlichung von Aufnahmen aus den Jahren 1993/94. Pop-Fans mag interessieren, dass unter vielen anderen Barbra Streisand, Bono, Aretha Franklin und Stevie Wonder dabei sind. Jazz-Fans werden sich an Arrangements von Nelson Riddle, Neal Hefti und Quincy Jones erfreuen. Unglaublich, was Sinatra im Jahr vor seinem Tod noch leistete. Die Frage, ob der große Entertainer ein Jazzsänger war oder nicht, beantwortete schon Joachim-Ernst Berendt mit der Beschreibung von Sinatras Stimme: "Sie besaß ein Swing-Feeling, das dem der Count-Basie-Band sehr nahekam."

Ute Lemper - "in Deutschland die ewig Unterschätzte, in der Welt ein Superstar" (so das Fachblatt "Jazz Podium") - musste erst nach New York übersiedeln, um für sich selbst den Swing zu entdecken. Die 50-Jährige, die seit 15 Jahren in Amerika lebt, bekannte das kürzlich in einem Interview. Als Musical-Star und Schauspielerin machte die gebürtige Münsteranerin international Karriere. Musikalisch wurde sie nachhaltig von Chansons beeinflusst. Das Genre prägt denn auch ihr neues Album: Lemper vertonte zusammen mit dem argentinischen Bandoneonisten Marcelo Nisiman zwölf Liebesgedichte des chilenischen Literatur-Nobelpreisträgers Pablo Neruda. Die werden nun als Chansons vorgetragen; einige Songs haben Tango- und Flamenco-Elemente; und beim Titel "If You Forget Me" klingt die deutsche Diva überraschend jazzig.

Eindeutig dem Jazz-Genre zuzuordnen sind die neuen Alben der Amerikanerin Gretchen Parlato ("Live in NYC") und der Schwedin Viktoria Tolstoy ("A Moment of Now"). Herbie Hancock, mit dessen Stück "Butterfly" der Mitschnitt aus einem New Yorker Club beginnt, bescheinigt Parlato "eine tiefe, fast magische Verbindung zu ihrer Musik". Die 37-Jährige haucht, seufzt und stöhnt, während ihre Band das Publikum mit tanzbaren Grooves begeistert. Tolstoy dagegen singt klar verständliche Texte und lässt sich dabei nur vom Pianisten/Keyboarder Jacob Karlzon begleiten. Das intime Album des schwedischen Duos enthält unter anderem Songs von Stevie Wonder, Peter Gabriel und Phil Collins. Ab Februar sind sie auch live zu hören.

In Deutschland reüssiert indes ein Sänger mit Swing-Feeling und Entertainer-Talent. Stefan Gwildis hat seine mit der NDR Bigband eingespielte CD auch als Vinyl-Platte herausgebracht. Ermutigt durch die positive Resonanz geht der Hamburger ab Januar auf Tournee durch zwölf deutsche Großstädte. Gwildis überträgt die Texte einiger Jazz-Standards ins deutsche. So wird bei ihm aus "My Funny Valentine" die Zeile "Das mit dem Glücklichsein".


CDs
Frank Sinatra: Duets. Doppel-CD. Universal; 15,99 Euro.
Ute Lemper: Forever - The Love Poems of Pablo Neruda. Edel; 17,99 Euro.
Gretchen Parlato: Live in NYC. CD/DVD. ObliqSound/jpc; 14,99 Euro.
Victoria Tolstoy & Jacob Karlzon: A Moment of Now. ACT; 17,50 Euro.
Stefan Gwildis & NDR Bigband: Das mit dem Glücklichsein. CD + Vinyl-Platte. 105 Music/jpc; 12,99 Euro.



© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.