Zum Tode von Frankie Knuckles Seine DJ-Sets waren wie ein Gottesdienst

House fiel nicht vom Himmel, auch wenn es sich manchmal so anhört: DJs erfanden die Musik, allen voran Frankie Knuckles. Vom Warehouse-Club in Chicago ging der Sound um die Welt. Nun hat die House-Gemeinde ihren ersten Prediger verloren.

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Es ist immer so eine Sache mit den Anfangsmythen des Pop. Niemand weiß, wann und wo die Rockmusik entstanden ist, und wer dabei war. Auch über die Anfänge des HipHop gibt es bis heute Streit. Ausgerechnet im Fall der House Music allerdings, einer Musik, die das Dunkel der Nacht und das Geheimnis der Kellerclubs sucht wie keine andere, ist vollkommen unstrittig, wo, wann und wie sie entstanden ist. Es war Ende der Siebziger in Chicago in einem Club namens Warehouse, dem Laden von Frankie Knuckles. Diese ehemalige Lagerhalle gab der Musik ihren Namen. House war die Musik, die hier lief. Die Musik, die der DJ Frankie Knuckles auflegte.

Der maschinengetriebene, gerade Vier-Viertel-Wumms ist seitdem so allgegenwärtig geworden, hat sich in ein so universelles Schmiermittel im Pop verwandelt, weit über das Nachtleben hinaus, dass leicht in Vergessenheit gerät, wie klein die Gruppe der Auserwählten ist, der diese Musik am Anfang gehört. Im Grunde ist es eine Kirchengeschichte. Die Tänzer im Warehouse sind die Urchristen. Sie entwickeln die bleibenden Rituale einer Religion, an die heute überall auf der Welt geglaubt wird - jeder House-Club ist ja irgendwie auch ein Gotteshaus, nicht nur weil Sonntagfrüh noch gefeiert wird.

Tatsächlich sah Knuckles seine DJ-Sets auch als Gottesdienst und die Tänzer als seine Gemeinde. "Es ist wie in der Kirche", sagte er einmal in einem Interview. "Wenn der Prediger loslegt und der Chor anfängt, dann gibt es irgendwann den Punkt, wenn der ganze Raum eins wird. Das ist der große Moment."

House war eine Musik, in der vieles zusammenging. Das Zusammengehörigkeitsgefühl der schwarzen Kirche. Das noch junge Emanzipationsglück der schwarzen Gay Community. Die Feierlaune schwuler Männer vor Aids. Und die ganz frische Euphorie, mit diesem DJ-Ding etwas ganz Neuem auf der Spur zu sein.

Knuckles war, bevor er nach Chicago ging, einer der Pioniere der New Yorker Disco-Szene. 1955 kam er im New Yorker Stadtteil Bronx auf die Welt, als Teenager fing er an, sich in den Clubs herumzutreiben, in denen Disco entstand. Mit dem Glamour und der Celebrity-Kultur späterer Läden hatte das wenig zu tun, Disco war Anfang der Siebziger eine hedonistische Subkultur und eng mit der neuen Schwulenbewegung verbunden, in Läden wie der Gallery oder den Continental Baths wurde die gerade eroberte Freiheit gefeiert. Der DJ der Gallery gab Knuckles den Job, die LSD-Bowle zu mischen, die den Gästen am Eingang angeboten wurde.

Es dauerte nicht lange, und Knuckles bekam seine ersten DJ-Engagements. Es hielt Knuckles allerdings nicht lange in New York. 1977 ging er nach Chicago, ein Freund hatte ihm den Job als Stamm-DJ im Warehouse angeboten, einem neuen Club. Fünf Jahre lang spielte Knuckles dort, dann verkrachte er sich mit den Betreibern und machte seinen eigenen Laden auf, das Power Plant, noch einmal für vier Jahre.

Erst in Europa explodierte die Musik massenwirksam

House fiel nicht vom Himmel, auch wenn es sich manchmal so anhört. "Ich habe House immer als die Rache von Disco gesehen", sagte Knuckles später in einem Interview. Am Anfang war diese Musik vor allem eine Mischung aus Soul-, Funk-und Disco-Stücken, oft von Knuckles an der Tonbandmaschine bearbeitet, um die besonders tanzbaren Stellen zu betonen, dazu europäische Maschinen-Disco und ab und zu ein Rocksong. Es war DJ-Musik, sie entstand aus gemixten Platten und Tonbändern. 1983 kaufte sich Knuckles schließlich eine Drum-Machine, um den rhythmischen Puls zu betonen, einen Extra-Wumms drunterzulegen.

Eine Drum-Machine, zerschnipselte Disco-Platten, ein DJ, der auflegt, wie Prediger die Messe lesen, ein Publikum, das mit religiöser Hingabe tanzt - House ist da, bevor es House überhaupt als Platte zu kaufen gibt. Aber als 1985 die ersten Produktionen dieser Musik erscheinen, ist Knuckles auch dabei. Heute sind Stücke wie "Your Love" oder "Baby Wants To Ride" Klassiker. Damals waren es einfach zusammengebastelte Tracks, die Knuckles schon monatelang in seinen DJ-Sets gespielt hatte, bevor er sie pressen ließ.

Erstaunlicherweise war es dann allerdings Europa, wo diese Musik wirklich massenwirksam explodierte, vor allem in England und Deutschland. 1987 ist das, als die Smiley-Aufkleber es bis in die "Bravo" schaffen. Und, noch erstaunlicher, diese Musik blieb. Die europäischen Varianten von Techno sind ohne House nicht vorstellbar, und auch die britische Rave-Szene der späten Achtziger hätte es ohne House wohl kaum gegeben. Keine Love Parade ohne diese Musik. Keine Hipster-Metropole Berlin ohne diese Musik, die Knuckles und die anderen House-Pioniere damals entwickeln, keine Feierinsel Ibiza.

Knuckles selbst hatte Glück - und Geschäftssinn. Während die meisten anderen Künstler des frühen Chicago House kaum Geld mit ihrer Musik verdienten und heute vergessen sind, gelang es ihm, im Geschäft zu bleiben. Als DJ tourte er um die Welt, außerdem remixte er Mainstream-Künstler wie Depeche Mode, die Pet Shop Boys, Whitney Houston oder Michael Jackson. 2008 gelang ihm mit dem Remix des Songs "Blind" der New Yorker Discoband Hercules & Love Affair noch einmal ein spätes Meisterwerk.

2004 wurde das kurze Stück der Jefferson Avenue in Chicago, an der sich das Warehouse einmal befunden hatte, in Frankie Knuckles Way umbenannt. Mitinitiiert wurde diese Ehrung vom damaligen Senator von Illinois, Barack Obama. In der Nacht zum 1. April ist Frankie Knuckles überraschend gestorben. Er wurde 59 Jahre alt.



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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
barlog 01.04.2014
1.
Interessant, jetzt weiss ich mehr über die Entstehung von House und bin natürlich traurig (RIP RIP !!), daß der "Erfinder" nun gestorben ist. In den Neunzigern fand ich den aufkommenden Technosound eigentlich ganz interessant (schon, weil er diese unsägliche 80er Mitklatsch-Tanzmucke verdrängte), hatte aber zunehmend das Gefühl, daß diese neuen Töne von irgendwelchen begrenzt musikalischen Nerds produziert werden. Mit House hat's dann endlich wieder gegroovt und man konnte danach phantastisch tanzen - kein Wunder, daß sich dieser Sound bis heute gehalten hat.
timorieth 01.04.2014
2. :(
Zitat von barlogInteressant, jetzt weiss ich mehr über die Entstehung von House und bin natürlich traurig (RIP RIP !!), daß der "Erfinder" nun gestorben ist. In den Neunzigern fand ich den aufkommenden Technosound eigentlich ganz interessant (schon, weil er diese unsägliche 80er Mitklatsch-Tanzmucke verdrängte), hatte aber zunehmend das Gefühl, daß diese neuen Töne von irgendwelchen begrenzt musikalischen Nerds produziert werden. Mit House hat's dann endlich wieder gegroovt und man konnte danach phantastisch tanzen - kein Wunder, daß sich dieser Sound bis heute gehalten hat.
Er war ein ganz großer. Ich lege selbst Platten auf, er war ein Vorbild. RIP Frankie!
01099 01.04.2014
3.
Ich möchte noch ergänzen, dass die zitierten Smiley-Aufkleber zur Unterkategorie "Acid House" und später "Acid" gehör(t)en. "House" in Reinkultur brauchte noch keine Logos.
spargeld 01.04.2014
4. DJ´s erfinden keine Musik...
Es hat noch kein DJ irgendeine Musik erfunden. Ohne die Musik, die andere z.T. lang zuvor "erfunden" haben, würde man von DJ´s nichts hören als das Kratzen der Nadel auf Vinyl. Vielleicht würden sie es gerade noch schaffen, in den Sampler zu furzen und das Sample immer und immer wieder mit einem Mini-Keyboard zu triggern … viel mehr wäre nicht drin.
chubbychecker 01.04.2014
5. __
Zitat von spargeldEs hat noch kein DJ irgendeine Musik erfunden. Ohne die Musik, die andere z.T. lang zuvor "erfunden" haben, würde man von DJ´s nichts hören als das Kratzen der Nadel auf Vinyl. Vielleicht würden sie es gerade noch schaffen, in den Sampler zu furzen und das Sample immer und immer wieder mit einem Mini-Keyboard zu triggern … viel mehr wäre nicht drin.
Wenn Sie irgendeine Ahnung hätten wüssten sie dass Frankie Knuckles Musikproduzent war und DJ
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