Neues Franz-Ferdinand-Album: Schicke, scharfe Gitarren

Von Anja Rützel

Franz Ferdinand: Tambourmajore in Discolaune Fotos
Andy Knowles

Als Indierock-Intellektuelle in Partylaune prägten sie mit ihrem Sound ein halbes Jahrzehnt - jetzt veröffentlichen Franz Ferdinand ihr viertes Album. Noch besser als die Songs darauf sind allerdings die Geschichten, die Sänger Alex Kapranos über sein Leben erzählt.

Natürlich krachen sie noch im Kopf - diese Gitarrenriffs! Dam-dam-dam, wie ein Elefant im Porzellanladen, der sich vergnügt um die eigene Achse dreht und mit dem Rüssel noch den Kronleuchter mitnimmt. Bäm!

"Diese Band wird dein Leben verändern", schrieb damals der britische "NME" über Franz Ferdinand, und fast glaubte man das sogar. Diese Stampfschritte schneidiger Tambourmajore in Discolaune, der Artschool-Eierkopf-Sexappeal, diese Lieder vom heimlichen, aufregenden gegenseitigen Sich-Betasten während Matinee-Vorstellungen, der Beatschlag ins Genick, die wilden Räuberpistolen, die man sich rund um die Band erzählte, "Take Me Out" und "This Fire"!

Die frühen nuller Jahre gehörten Franz Ferdinand aus Schottland. Drei Millionen verkaufte Debütalben weltweit, nebenbei noch so etwas wie eine Hot-Britannia-Rockwelle, ein Post-Punk-Revival mitlosgekickt. Und Glasgow einen Sommer lang zum mythischen Pop-Xanadu hochgeraunt, mit dem "Chateau", der Ferdinandschen Ratzebude, in der alles seinen Anfang nahm, als Mittelpunkt. Vielleicht der letzte Wirbel um eine Band und ein Album, der nicht durch Social-Media-Firlefanz oder eine Blog-Lawine losrollte.

Das war 2004, das zweite Album "You Could Have It So Much Better" kam schon im Jahr danach, ein bisschen fühlte sich das an wie eine großartige, wilde Freitagnacht mit an die Wand gepfefferten Gläsern und knutschverschmiertem Lippenstift, auf die ohne Ausnüchterungsverzögerung ein Samstags-Ausgehabend folgt, fast ebenso superphantastisch. "Tonight: Franz Ferdinand" war dann der Sonntag darauf: viele Ideen, leider zu wirr, schwindelige Synthieschleifen, Drumcomputer wie Erschöpfungskopfschmerz und insgesamt einfach etwas müde.

Glitzerbiestige Ferdinand-Songs

Nach vier Jahren gibt es nun ein neues Album, "Right Thoughts, Right Words, Right Action" heißt es, und anders als bei den Vorgängern wurden die Aufnahmen in aller Stille und ohne PR-Gesummse vollzogen. So eingängig wie ihre Hooklines und Refrains waren immer auch die Geschichten, die Franz Ferdinand in und um ihre Lieder erzählten, die Schnurren über Wodkaprügeleien und nur von Sonnenbänken beschienene Konzerte der Anfangstage, die Verstrickungen an internationalen Flughäfen, weil Sänger Alex Kapranos mit einem russischen Ml5-Agenten verwechselt wurde.

Nun sitzt er im Garten eines Hotels und zeigt einem zuallererst eine Postkarte, die er mit seinem iPhone abfotografiert hat. "Ich fand sie auf dem Brick Lane Market in London - auf dem Flohmarkt wurde der Nachlass eines Postkartensammlers verhökert, Hunderte, Tausende gab es da, doch nur eine Karte war auch beschriftet und tatsächlich verschickt worden: 'Come home, practically all is nearly forgiven', stand darauf. Ich ging damit zu Nick und sagte, ist das nicht unglaublich? Lass uns ein Lied darüber schreiben!"

Franz Ferdinand - "Love Illumination"
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So wurden die Vergebungszeilen zu den ersten Worten des Titeltracks, mit dem das Album beginnt, hübsche Geschichte, die wie einer dieser glitzerbiestigen Ferdinand-Songs dann noch eine überraschende Wendung nachlegt: Kapranos identifizierte den schwer entzifferbaren Adressaten der Postkarte schließlich als Karel Reisz, jenen tschechisch-englischen Regisseur, der die Filme "Die Geliebte des französischen Leutnants" und "Samstagnacht bis Sonntagmorgen" drehte, einen der großen Filme der britischen Kitchensink-Bewegung - "How can we leave you to a saturday night on a sunday morning?", heißt es in "Right thoughts right words right actions" weiter.

Der Elefant trampelt sachter

Nicht nur die schlauen Geschichten und besonderen Szenen sind wieder da - für ihr viertes Studioalbum hätten sie sich auf das besonnen, was Franz Ferdinand im Kern ausmache, sagt Kapranos: Vier Typen in einem Zimmer. Keine große Effektschichterei, sondern möglichst direkt sollte das klingen, mit allen Ungenauigkeiten, die dann eben mal passieren.

Und auch wenn der Elefant inzwischen etwas sachter trampelt, die einzelnen Stücke weniger beißfreudig sind, kein Konsensknaller wie seinerzeit auszumachen ist, finden sich auf "Right thoughts right words right action" doch einige dieser sehr eigenen Franz-Momente. Die schicke Schärfe der Gitarren, die klassische Kluft zwischen munteren Strophen und dunkel getöntem Refrain, der Drängelriffs, dazu sorgsam eingestreutes Retrogeorgel und Mitsing-Funk.

Bröckchenweise nahmen sie das Album auf, sagt Kapranos, es sollte sich um Gottes willen nicht nach Arbeit anfühlen, mal ein paar Songs in den "Sausage Studios" von Gitarrist Nick McCarthy, mal in Kapranos' eigenen Aufnahmeräumen namens "Black Pudding" ("Blutwurst"), dann ein bisschen was in Oslo beim norwegischen Disco-Trickser Todd Terje, ein paar Stücke in Stockholm bei Bjorn Yttling von Peter, Bjorn & John.

Auch Hot Chip mischten mit, erzählt Kapranos, auf einem Stück ist Veronica-Falls-Sängerin Roxanne Clifford zu hören, und dann schwenkt er von diesen mäßig interessanten Produktions-Pflichtschuldigkeiten nur zu gerne wieder auf die nächste Geschichte, den nächsten Hook. Plaudert über die wechselnde Einstellung zur eigenen Sterblichkeit, die man im Laufe seines Lebens so durchmacht, über den Marsden Rock, eine Felsformation an der Nordküste Englands, Debussy und das sich zusammenziehende Universum.

Manchmal, erzählt er, veranstalte er während langer Zugfahrten kleine Frage-Antwort-Spiele auf Twitter mit seinen Followern, die dann beispielsweise von ihm wissen wollen, welche seine griechische Lieblingsgottheit sei. Vergnüglich ist das Gespräch, und ein wenig schlechtes Gewissen bekommt man, weil man all diese Geschichten beinahe interessanter findet als die neuen Lieder.

Dass man sich beim Hören des neuen Albums ein wenig ältlich fühlt, lässt sich übrigens schwer vermeiden, in schlauer Weitsicht ist darum ein veritabler Altersschunkler enthalten, die besonnen dahinrinnende Mortalitätsmoritat "Fresh Strawberries". "Schampus mit Lachsfisch" besangen Franz Ferdinand 2003 auf ihrer Single "Darts of Pleasure", zehn Jahre später nun geht es also um Erdbeeren, die überreif im Schälchen liegen. Als Kind sei er mit seinen Eltern immer zum Erdbeerpflücken gegangen, sagt Karpranos, schnell habe er gelernt, dass die besten Früchte immer jene waren, die kurz vor dem Vergammeln waren. "We will soon be rotten/we will all be forgotten/half remembered rumours of the old" singt er im dazugehörigen Beerenlied. "Es ergibt kein Sinn, eine solche Erdbeere aufheben oder im Kühlschrank konservieren zu wollen", sagt er. "Man sollte sie einfach verschlingen."

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"Right Thoughts, Right Words, Right Actions" erscheint am 23.8. bei Domino Records

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Ein halbes Jahrzehnt geprägt ...
melnibone 22.08.2013
so so. Klingt so ähnlich wie, die Stones waren immer toll. Selbst wenn man sich seit 1975 kein Album mehr anhören sollte. Nichts gegen Franz Ferdinand; eine Band ist eine Band, die eine Band ist. Aber, wieder ein halbes Jahrzehnt verschlafen. Das hat man aber auch mal so richtig nötig.
2. Seltsame Wahrnehmung
trafozsatsfm 23.08.2013
Komisch, ich nehme das ganz anders wahr... In den späten 90ern gab es (nach dem Niedergang von Grunge, Hiphop und Tekkno) ein Punk-/Gitarrenrock-Revival, angeführt vor allem von skandinavischen Bands (The Hives, Turbonegro als sie noch gut waren usw.). Das erlebte dann um 2000 seinen Höhepunkt. Stichworte: The Strokes, das Comeback von Weezer, Jimmy Eat World usw. (Was seitdem aus den beiden letztgenannten Bands geworden ist... darüber decken wir lieber das Mäntelchen des Schweigens). Bands wie Franz Ferdinand (deren erstes Album aber wirklich gut war!!) und die Kaiser Chiefs erschienen mir dann eher wie der letzte Aufwasch dieser Welle. Dass gerade Franz Ferdinand nun ein halbes Jahrzehnt geprägt hätten, wäre mir neu. Nach dem ersten Hype hat sich doch über die keiner mehr aufgeregt... Ich werde trotzdem mal ins neue Album reinhören; vielleicht lohnt sich's ja.
3.
berufskonsument 23.08.2013
"Geprägt" hat Franz Ferdinand aus meiner Sicht eigentlich nichts. Im Gegenteil, ich finde den Sound der ersten zwei Alben (über das dritte schweigen wir besser aus Rücksicht auf die Angehörigen) geradezu einzigartig im Mainstream. Positiv! "Right Thoughts ..." habe ich erst einmal kurz durchgehört, aber der erste Eindruck war durchaus überzeugend. Das Titelstück heißt allerdings nur "Right Action".
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