Abgehört - neue Musik Schockt Schulz noch?

Zum Glück kein Gastauftritt von Böhmermann: Auf seinem neuen Album bleibt Teilzeit-TV-Persönlichkeit Olli Schulz (fast) ganz bei sich. Außerdem: Neues von Franz Ferdinand, Simple Minds und Kat Frankie.

Olli Schulz
Redferns/ Getty Images

Olli Schulz

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Olli Schulz - "Scheiß Leben, gut erzählt"
(Trocadero, seit 2. Februar)

"Bist ne ambivalente, inkonsequente, crazy Person", sprechsingt Oliver Marc Schulz in seinem Lied "Ambivalent" sich irgendwie auch selbst zu. Ja, stimmt. Eine Art "Mixtape" wie in Hip-Hop-Kreisen soll sein neues, nur rund halbstündiges Album sein, sagt der 44-Jährige, aber so lässig, es dann auch ohne großen Firlefanz unters Volk zu bringen, ist er dann doch nicht: Vor letztem Freitag, dem offiziellen Veröffentlichungstag, gab es nichts vorab für die Presse. Statt Download gab es dann die CD per Post. Ist ein neues Olli-Schulz-Album also nun Medienevent für das ProSieben-Publikum - oder doch nur, wie einst, ein beiläufig rausgehauenes Indie-Album für die Fangemeinde rund ums Hamburger Schanzenviertel? Oder treffen die sich längst alle einträchtig bei Mälzer in der "Bullerei"? Diesen Zustand des Erschreckens vor dem eigenen Establishment bilden die zehn neuen Lieder ganz gut ab.

Mit "Du schockst nicht mehr", einem giftigen Chanson, der zum Ende dramatisch aufwallt, setzt Schulz den Ton für eine kleine Midlife-Krisenbespiegelung. "Du bist einfach ungeil geworden", singt Schulz, an eine unbekannte Freundin oder einen Freund gerichtet, der "schon auf das Ende wartet" und "für nichts mehr brennt", aber auch hier natürlich an sich selbst: Da lauert sie, die Angst, sich verbraucht zu haben, vielleicht sogar am falschen Ort, auf dem falschen Weg. "Wenn die Magic nicht mehr da ist, wenn der Zauber langsam geht", heißt es im düsteren, vermurkelten und verstolperten nächsten Song, "dann war die ganz große Freiheit/ Am Ende doch nur ganz klein". Es ist die "Tagesschau"-Sprecherin Linda Zervakis, die in "Ambivalent" nüchtern das zukünftige Ende dieses Elends verliest: Olli Schulz, die Medienhure, verschanzt und verranzt in seinem Anwesen in Potsdam. Nächste Station Comeback-Tournee, danach kommt nur noch Dschungelcamp.

Gäste wie Zervakis, Drummer Olli Dittrich oder Schauspieler Bjarne Mädel sind Eindringlinge aus Schulz' Leben im Rampenlicht, als Ulknudel bei Joko und Klaas oder Sidekick von Jan Böhmermann (der hier zum Glück fehlt) in Radio und TV. Dass der Songwriter aus Hamburger Indie-Verhältnissen mit dieser brüchigen Welt immer hadert, ist kein Geheimnis, sein Seelenheil findet er beim launigen "Skat spielen mit den Jungs" oder im hirnlosen Spaß von "Sportboot", was, jede Wette, aus einer dieser Situationskomiken entstanden ist, wenn ein Wort, das man öfter sagt, plötzlich wahnsinnig witzig klingt. Sportboot, Sportboot, Sportboot!

Auch die Musik schwankt zwischen großer Konditorei und kleinen Brötchen, mal pluckern elektronische Beats, mal wird breitbeinig die Gitarre geschwungen ("Schmeiß alles rein"). Ganz bei sich bleibt Schulz in winzigen Vignetten wie "Junge Frau sucht…", die aus einer rhetorischen Volte anrührend-lakonische Dramen kitzeln. Dass der Songwriter Schulz dabei immer noch näher an Gunter Gabriel agiert als an Nils Koppruch - und sich dieses Fehlen an Filigrangefühl in "Schmeckt wie…" aufs Ekligste offenbart: geschenkt.

Den Schlussgag, dass Schulz hier sein eigentlich gutes Leben scheiße erzählt, kann man sich sparen. Den hat der kluge Mann beim Finden des Albumtitels längst mitgedacht. Wer neugierigen, aber ahnungslosen Presseleuten erzählt, er habe eine Platte machen wollen, die man gut beim Autofahren hören kann und die das dann auch noch aufschreiben, der fühlt sich ganz wohl in der Rolle des Bullshitters im "Speisesaal des Lebens": "Irgendwann", singt Olli Schulz darin, "sind wir erwachsen". Ja, aber dauert noch. (6.9) Andreas Borcholte

Franz Ferdinand - "Always Ascending"
(Domino, ab 9. Februar)

Sisyphos sollen wir uns bekanntlich als glücklichen Menschen vorstellen, und womöglich müssen wir dasselbe mit Franz Ferdinand versuchen. Auf ihrem fünften Album vergleichen die Glasgower das Musikbusiness mit der nervenzehrenden Aufgabe des alten Griechen mit dem schweren Stein: "Always Ascending" (immer bergauf) heißen sowohl Album als auch Lead-Single. "Don't be concerned/ It's just the way that gravity works round here/ All slowly rising/ Falling patiently/ Feel no/ Feel no fear", singt Alex Kapranos darin. Und wie bei Sisyphos, der irgendwann seinen Frieden mit der aussichtslosen Plackerei geschlossen hat, hat sich auch bei Franz Ferdinand im 16. Jahr der Bandgeschichte Schicksalsergebenheit breitgemacht: "We can ascend from this arrangement/ We can see fate as entertainment", lauten die letzten Zeilen des Songs.

Musikalisch ist von diesem Fatalismus derweil wenig zu hören. Da wird wie gewohnt im energischen Stechschritt die Musikgeschichte der Spätsiebziger/Frühachtziger begangen und hier und da ein Ausfallschritt in Richtung Disco gewagt. Dass man so nicht nennenswert vorankommt, war eigentlich schon mit dem zweiten Album "You Could Have It So Much Better" (2005) klar. Doch 2018 deprimiert das auf ganz eigene Weise, denn mit viel Zeit zwischen den Alben sowie zwei neuen Bandmitgliedern hätte es genug Möglichkeiten gegeben, Text- und Musikinventur zu halten.

Andreas Borcholtes Playlist KW 6
SPIEGEL ONLINE

1. Kat Frankie: Headed For The Reaper

2. Joan As Policewoman: Tell Me

3. MarieMarie: Favorite Rain

4. Isolation Berlin: Marie

5. Olli Schulz: Skat spielen mit den Jungs

6. Bernd Begemann: Es tut mir weh

7. Rick Springfield: The Devil That You Know

8. Willie Dixon: Don't Tell Me Nothin'

9. Tony Joe White: Whompt Out On You

10. Justin Timberlake feat. Chris Stapleton: Say Something

Zugegeben, ganz spurenlos ist der Weggang von Gründungsmitglied Nick McCarthy und der Zugang von Julian Corrie und Dino Bardot nicht geblieben: Die Textur der Songs ist feiner geworden, in den Räumen zwischen den zackigen Rhythmussektionen zupft und zirpt es jetzt mehr. Doch bei allem Raffinement, das auch die Produktion von Philippe Zdar (Phoenix, Beastie Boys) verstärkt, bleibt eine FF-typische Marotte: Ständig sind entweder Bass und Bass-Drum oder Bass und Rhythmusgitarre aufeinander abgestimmt und stampfen im selben Takt.

So kommt ein ums andere Mal eine Stumpfheit in die Songs, die ihnen überhaupt nicht guttut. Die überaus hübsche Sixties-Nummer "Finally" kann so gar nicht erst ihr swingendes Potenzial entfalten, und "The Academy Award" erreicht nie den Grad des Schwelgerischen, den das Lied eigentlich in sich trägt. In den Händen - und vor allem der Instrumentierung - von Belle and Sebastian wären beide Songs besser aufgehoben gewesen, denn die fellow Glaswegians, die in Kürze ebenfalls mit einer neuen Songsammlung ("How to Solve Our Human Problems", ab 16. Februar) zurückkehren, verstehen, wie man die Gewichte in einer Band verschieben muss, damit sich ihr Sound für andere Stile öffnen kann.

Auch textlich hakt es auf "Always Ascending" bisweilen arg: Als "Lazy Boy", der nicht aus dem Bett der Freundin rauskommt, besingt sich Kapranos im gleichnamigen Track. Muss das mit 45 Jahren noch sein? Passender erscheint da der Kommentar, den eine Userin auf YouTube unter dem Video zu "Always Ascending" hinterlassen hat: "My dads are back!" (4.9) Hannah Pilarczyk

Simple Minds - "Walk Between Worlds"
(BMG Rights, seit 2. Februar)

Seit 35 Jahren warten Unverdrossene auf ein relevantes Statement des schottischen Duos Simple Minds. Bis damals waren dem Sänger Jim Kerr und dem Gitarristen Charlie Burchill nebst häufig wechselnden Mitstreitern eine Reihe hervorragender Alben zwischen Postpunk und Synthiepop gelungen. Die Karriere der Band verlief dann quasi parallel zu der von U2, etwa zeitgleich entdeckten beide Bands ihre Vorliebe für Pathos, Bombast und afrikanische Freiheitskämpfer.

Beim Durchbruch in Charts und Mainstream mussten sich die Simple Minds mit dem zweiten Platz begnügen, aber der warf immer noch genug ab. "New Gold Dream" (1982) war ein sehr gutes, "Sparkle in the Rain" (1984) immer noch ein ordentliches Popalbum, "Once Upon a Time" (1985) ein wahnsinnig erfolgreiches, aber hohles. Die Band hatte danach noch eine Weile Erfolg, aber ihre große Zeit war vorbei. Während U2 - die Parallele fiel weiterhin auf - in den Neunzigern Mut zu Experimenten fassten, schrieben Burchill und Kerr immer einfallslosere Musik.

Bald wich schottische Sturköpfigkeit schierer Verzweiflung. Es kamen: Unplugged-Konzerte, Tourneen, auf denen die alten Alben chronologisch aufgeführt wurden, Neueinspielungen der Hits im Akustikgewand - Simple Minds waren zu ihrer eigenen Coverband mutiert.

Man muss das noch mal erzählen, weil nun der letzte logische Schritt in dieser Entwicklung folgt. "Walk Between Worlds" ist ein Return-to-Form-Album mit Ansage, weshalb etwa "Sense of Discovery" wenig mit Entdeckergeist, aber viel mit einem "Alive and Kicking"-Selbstplagiat zu tun hat, leider etwas zu routiniert abgespult. U2, einmal müssen wir sie noch herbeizerren, wollen immer alles. Das hört man selbst dann, wenn ihnen wenig gelingt. Simple Minds aber klingen unmotiviert, wenn ihnen so viel gelingt wie seit 35 Jahren nicht mehr. Muss man auch erst mal hinbekommen. (4.5) Torsten Groß

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Kat Frankie - "Bad Behaviour"
(Grönland, seit 2. Februar)

Schlechtes Benehmen, damit kennt sich Kat Frankie aus, immerhin lebt sie schon seit über zehn Jahren in Berlin. "Bad Behaviour", ihr viertes Album, beginnt aber erstmal ganz gediegen: Hüpfendes Gitarrengezupfe begleitet einen atemlosen, aber nicht gehauchten Pop-Sound, der an The xx erinnert, aber zupackender wird, je mehr sich die Sängerin mit kraftvollerer, seelenvoller Stimme in ein markiges, selbstermutigendes "I hold on" hinein- und hinaufschwingt. Wenn schlechtes Benehmen bedeutet, immer dem eigenen Kompass zu folgen, dann ist Kat Frankie tatsächlich ungezogen.

Die Wahlberlinerin aus Australien hat schon viel probiert. 2007 wurde sie mit ihrem selbstveröffentlichten Debüt "Pocketknife" in den Altfolk-Trend eingemeindet, obwohl ihre Musik, wiewohl noch schroffer, ungeschliffener, schon damals keine Schüchternheit verströmte. "Everything Everything" war schon damals der drängelnde Anspruch, große Pop-Gesten ganz weit zu denken und auszuatmen. 2016 trat sie dann mit Chris Klopfer als Keøma beim Vorentscheid für den ESC an - und versuchte dort eine Art Trip-Hop-Eleganz zu installieren, was natürlich nicht glückte. Mit Konstantin Gropper alias Get Well Soon schrieb sie eine Handvoll mondäner Salon-Songs für den Soundtrack zur Talkreihe "Schulz und Böhmermann". In der Liveband von Olli Schulz spielte sie eine Zeit lang Gitarre.

"Bad Behaviour", selbst produziert und musiziert, ist nun einerseits das bisher Pop-bereiteste Album von Kat Frankie, aber es biedert sich andererseits auch keinen Mainstream-Vorgaben an, schon gar keinen deutschen, dafür ist es zu vielschichtig. Schon im dritten Song ist es vorbei mit der Gediegenheit; dem schön komplexen "Swallow You Whole", das mit Afro-Rhythmik und Doo-Wop experimentiert, folgt mit "Home" ein ungestümer Gitarrenpunk, der wiederum in Achtziger-Pop- und Northern-Soul-Zitate auflöst. Höhepunkt dieses Stil-Clashs ist der auf Bläser-Fanfaren unwiderstehlich swingende Gospel "Headed for the Reaper".

Verbindendes Element ist stets Frankies zum Verrücktwerden beiläufiger, aber dennoch leidenschaftlicher Soulgesang, bis hin zur Sade-haften Laszivität von "Spill". Aber kriegt man sie so zu fassen? Nö. In "Back to Life" dimmt sie ihre Stimme so weit herunter, bis sie fast wie Anohni oder James Blake klingt - und sich so auch noch den Gender-Zuschreibungen ihres Genres entzieht. Das Mädchen mit der Gitarre, das nie diesem Klischee entsprach, ist auf eindrucksvolle Weise dabei, sich frei zu machen. (7.3) Andreas Borcholte

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
girge 07.02.2018
1. Wenn du Olli Schulz
so doof findest, warum gehst du dann zum Konzert und nimmst anderen die Karte weg. Kannste doch die Platte später besprechen.
freddykruger 07.02.2018
2. @girge
Keine Sorge! Kein Pressevertreter nimmt irgendjemanden die Karte weg. Gästeliste, V.I.P. Pass oder Akkreditierung.
Drunken Masta 08.02.2018
3. Also ich freu mich
auf die Glimpse of Love Studioversion seit ich da neulich zufällig durch die vorgeschlagegen Videos geklickt hab.
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