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Oratorium mit Heldentenor: Berauschende Visionen von Herrn Schmidt

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Endzeit-Oratorium: Klaus Florian Vogt besingt die Apokalypse Fotos
Getty Images

Viele Werke von Franz Schmidt werden nicht mehr aufgeführt. Zu Unrecht, wie sein Oratorium "Das Buch mit sieben Siegeln" zeigt. Ein Trumpf sticht dabei besonders: Startenor Klaus Florian Vogt gibt den Johannes.

"One Hit Wonders", die gibt es auch in der sogenannten E-Musik. Eine klassische Eintagsfliege: Franz Schmidts Intermezzo aus seiner Glöckneroper "Notre Dame". Seidige Geigen, viel Atmosphäre und Gefühl, purer Kitsch für manche, reine Wonne für viele. Orchester-Pop eben. Dennoch kein Zufall: Der klangbegabte Komponist Franz Schmidt (1874-1939) konnte geschickt Instrumentieren, ihm fielen griffige Melodien ein, und zu seinen Lebzeiten war der in der Slowakei geborene Österreicher ein erfolgreicher Tonsetzer. Immer wieder gab es Wiederbelebungsversuche: Günter Kremer inszenierte "Notre Dame" noch einmal 2010 an der Dresdner Semperoper, eine durchaus interessante Version, wie Kritiker fanden - zumindest, was die Musik betraf. Das Todesurteil für die Oper schrieb das skurril-verdrehte Libretto.

Mehr Aufmerksamkeit verdient eigentlich Franz Schmidts letzte Komposition, das Oratorium "Das Buch mit sieben Siegeln", das 1938 in seiner Wiener Heimat uraufgeführt wurde. Ein historischer Zeitpunkt. Gerade hatten die Nazis den "Anschluss" Österreichs an Deutschland vollzogen. Franz Schmidt verhielt sich gegenüber dem Nazi-Regime unschlüssig und ließ sich von den Eroberern als größter lebender Komponist des Landes feiern: Eine Haltung, die ihn lange Zeit ins Zwielicht stellte.

Kompositorisches Können für die Endzeit

Das änderte nichts am Rang seines Werkes: Das opulente Oratorium über die letzten Dinge der Bibel, die Offenbarung des Johannes, bündelt nicht nur Schmidts kompositorisches Können, sondern schlägt auch stilistisch eine tollkühn gearbeitete Brücke von Bach bis zu Richard Wagner.

Üppiges Orchester, füllige Chöre, erstklassige Solisten: Keine Produktion, die man mal eben so stemmt. Daher wählte sich die ehemalige Chefin der Hamburgischen Staatsoper, Simone Young, dieses Opus für ihren Abschied vom Philharmonischen Staatsorchester. Und das aufwändige Abenteuer wurde auch sinnvollerweise als CD-Produktion festgehalten.

Star der Aufnahme ist natürlich der aktuelle Bilderbuch-Lohengrin Klaus Florian Vogt, der seine musikalische Karriere als Hornist bei den Hamburgischen Staatsphilharmonikern begann. Inzwischen hat er sich zu einem der weltweit gefragtesten Wagner-Tenöre entwickelt. Zuletzt lieferte er an "seiner" Staatsoper eine fabelhafte Performance mit einer seiner Paraderollen ab, dem Paul in "Die tote Stadt" von Erich Wolfgang Korngold. Vogts elegant lyrischer Ton gibt im Schmidt-Oratorium dem Apokalypse-Propheten Johannes geschmeidiges Profil: ideal für die oft rauschhaft betörende Musik Franz Schmidts.

Internationale Klasse mit Vogt und Zeppenfeld

Dagegen verblassen die übrigen Vokalisten in ihren ohnehin schmaleren Parts trotz solider Klasse: Bass-Star Georg Zeppenfeld, international ebenfalls in der Top-Riege seiner Zunft zuhause, gibt seiner Partie als "Stimme des Herrn" eine archaisch-würdige Fülle, während die Sopranistinnen Inga Kalna und Bettina Ranch eher flankierend wirken. Pultchefin Simone Young legte sich bei ihrer Herzensproduktion umso engagierter ins Zeug.

Keine Frage: Sie wollte mit diesem Werk eine Art Vermächtnis an der zehnjährigen Stätte ihres Wirkens hinterlassen, und sie tritt damit immerhin in Konkurrenz zu einer "Siegel"-Einspielung mit Frank Welser-Möst und dem Orchester des Bayerischen Rundfunks. Und dafür langte als chorischer Klangkörper nicht mal der vorzügliche Chor des Norddeutschen Rundfunks allein, es musste zusätzlich noch der Chor des lettischen Staates aufmarschieren. Der Staatschor Latvija war bereits mehrmalig unter Simone Youngs Dirigat zu Gast an der Elbe, zu Benjamin Brittens "War Requiem" sowie Werken von Mahler und Schubert.


Die Apokalypse-Party rockt das Haus

Dieses gewachsene Verständnis bewirkt kleine Wunder: Besonders in den dramatischen Parts der "Siegel-Öffnungen" des erstes Teils wirkt Schmidts stilistische Spreizung zwischen barocker Klarheit und spätromantisch-wagnerischer Pathos-Entfaltung mit klanglicher Wucht. Endzeit und Abrechnung, aber bitte in soundtechnischem Breitwand-Technicolor, die Simone Young mit Hilfe der bestens motivierten Philharmoniker stellenweise auch filigran zelebriert. Offenbar hatte die nicht immer glückliche Ehe zwischen dem Hanseaten-Orchester und der australischen Chefin doch ein paar positive Aspekte - oder die Beteiligten feierten hier die glückliche Scheidung. Wie auch immer: Die Apokalypse-Party rockte das Haus, denn die Live-Aufnahmen aus dem Juni 2015 packen kraftvoll zu. Dem finalen "Hallelujah" kann man sich anschließen.

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  • Franz Schmidt (Komponist):
    Das Buch mit den sieben Siegeln

    Künstler: Klaus Florian Vogt, Georg Zeppenfeld, Inga Kalna, Bettina Ranch, Dovlet Nurgeldiyev, Volker Krafft, NDR Choor, Staatschor Latvija, Philharmoniker Hamburg; Simone Young (Leitung).

    Doppel-CD, SACD; OehmsClassics; 23,99 Euro.

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