Französische Rapper Wutschreie aus dem Ghetto

Sie hätten nur einmal eine Rap-CD hören müssen: Politiker und Experten überraschte der Gewaltausbruch in den Vorstadtghettos - dabei besingen französische Rapper schon seit langem den Frust der Jugend in der Banlieue.

Von Kim Rahir, Paris


Der Ruf um Hilfe, der Schrei aus Wut, der bedrückende Alltag in einer Welt aus Verlassenheit und Gewalt, all das wird von den Ghettokünstlern in ihrem seltsam fließenden Stakkato auf ihre oft selbstproduzierten CDs gebannt. In gereimten Versen ist zu hören, was heute nächtens in den Trabantenstädten zu sehen ist. Ein Rapper sei "der Lautsprecher einer Generation, ein städtischer Journalist", sagt der Rapper Rost, und die Gruppe Psy 4 de la Rime (sprich: Psy quatre de la Rime, Anspielung auf "Psychiatre", also etwa: Psychiater des Reims) nennt ihre Musik und ihre Texte ein "SOS der Elendsviertel".

Rapper Medze: "Es gibt so viele verlorene Leben"

Rapper Medze: "Es gibt so viele verlorene Leben"

Die Botschaft SOS - "Rettet unsere Seelen" - findet sich in vielen Texten nicht wieder. Im Gegenteil: "Sie werden lang am Boden enden, mit einer Kugel im Kopf, wenigstens endlich etwas drin, du hattest ja nichts in der Birne", singt der Rapper Rohff, der sich als "Hardcore"-Künstler versteht und seine musikalische Inspirationen bei US-Rappern wie dem 1996 erschossenen 2Pac sucht.

Wenn Rohff rappt: "Wieder ein Tag in der Vorstadt, nichts zu tun, wie immer", dann ist das der Alltag Zigtausender Jugendlicher ohne Hoffnung und der Nährstoff einer längst eigenständigen Kultur. Die Cliquen haben ihre eigene Sprache, manchmal ist sie schon von Wohnblock zu Wohnblock verschieden. Und da ihre Leben sich zum Verwechseln ähneln, kommen sie mit einem extrem begrenzten Vokabular aus. Manche Jugendliche leben mit einem Wortschatz von 400 Wörtern. Ein anderer Bestandteil dieser Kultur ist die Kleidung. Kapuzenpullover, Beutelhosen mit dem Schritt im Knie und monströse Markenturnschuhe mit offenen Schnürsenkeln sind die Uniform der unfreiwilligen Nichtstuer in den Wohnghettos.

"Das sind doch nur Missverständnisse"

"Es gibt so viele verlorene Leben, so viele begabte Leute, die keine Chance haben, keine Chance auf eine anständige Wohnung, auf eine anständige Arbeit", sagt der Rapper Medze (sprich: Mäds) im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der 23-Jährige stammt aus Dole, einer 35.000-Einwohner-Stadt zwischen Besançon und Dijon im Osten Frankreichs. Auch er ist in einer "Banlieue" aufgewachsen, dabei ist seine aus Algerien stammende Familie schon in vierter Generation in Frankreich. Sein Urgroßvater kämpfte für Frankreich im Ersten Weltkrieg, sein Großvater im Zweiten Weltkrieg. Und trotzdem "haben wir einfach nicht die gleichen Chancen wie alle anderen", sagt Medze. Ihn wundert es nicht, dass die jungen Leute in den Wohnghettos "genervt" sind, auch wenn für ihn Gewalt keine Lösung ist. "Ich versuche, mit meiner Musik die Möglichkeit zu zeigen, aus all dem herauszukommen. Und wenn noch so viele Türen verschlossen sind, irgendeine Tür wird irgendwann aufgehen."

Dass andere Rapper ganz andere, aufrührerische Botschaften vermitteln, findet er nicht. "Das sind doch nur Missverständnisse, das sind Texte, die von 24-Jährigen geschrieben werden, mit künstlerischer Freiheit, und gehört wird die Musik dann von 14-Jährigen, die nehmen das alles zu wörtlich und verstehen das als Aufforderung zur Gewalt", sagt der junge Musiker.

So viel Interpretationsspielraum, wie Medze sich wünscht, gibt es nicht immer. "Denen muss man eine knallen", singt Rohff über Vorstadtmädchen, die sich an reiche Mafiosi hängen, und der Rapper Shurik'n textet: "Das blaue Auge, es ist besser du verteilst es, als du hast es". Auch die Behörden der Stadt Rouen in der Normandie zeigten wenig Verständnis für "künstlerische Freiheit" und stellten in diesem Jahr die Rap-Gruppe Sniper wegen "Aufruf zum Verletzen oder Töten von Polizeibeamten und Staatsvertretern" vor Gericht. Wegen der auf einem Konzert gesungenen Zeilen "Wir lassen uns nicht täuschen, wir sind heiß, unsere Mission ist die Ausrottung von Ministern und Faschos" drohen den Rappern bis zu fünf Jahre Haft.

Tristesse in der Cité

Viele Songs beschreiben einfach nur den tristen Alltag in der "Cité". Seit dem Ausbruch der Unruhen beklagen sich anonym interviewte Jugendliche immer wieder, sie würden von der Polizei schikaniert. Jene zwei Jungen, die auf der Flucht vor den Ordnungshütern in einem Trafohäuschen ums Leben kamen, seien auch nur weggelaufen, weil sie eine umständliche Ausweiskontrolle und das stundenlange Warten auf der Wache umgehen wollten, sagte ein Freund der beiden. Und genau davon ist auch in Rapsongs die Rede: "Geh bloß nicht ohne Papiere aus dem Haus, das kann den ganzen Abend verderben", heißt es bei Shurik'n.

Offenbar hat diese Botschaft der Rapper über das aussichtslose Dasein, das "vereiste Schicksal" (Rohff), über die Leidensgenossen hinaus niemanden erreicht. So sieht es jedenfalls die Gruppe Psy 4 de la Rime: "Es will doch niemand wissen, warum die Leute Autos kaputtschlagen und Shit rauchen oder verkaufen. Über den Rap könntest du nämlich all diese netten Antworten finden", sagten sie im Interview mit einem Internet-Musikmagazin nur drei Wochen vor dem Beginn der Krawalle.

Die Jungs aus den Cités dagegen wissen genau, um was es geht: "Ich sag dir ja nichts, was du nicht schon kennst", intoniert der Rapper Le Rat Luciano (Die Ratte Luciano), der in seinem Song "Wir gegen sie" einen Dialog mit der Welt draußen schon längst nicht mehr anstrebt: "Fick den Staat, Minister, Bullen und ihre Festnahmen." Ihre Lieder sind "pour les mecs des blocs" (für die Jungs aus den Blocks), singen auch Psy 4 de la Rime.

Islam als Rettungsanker

In dieser Welt der Ausgestoßenen ist für viele Jugendliche der Islam ein Rettungsanker, und auch in vielen Rapsongs wird Allah angerufen. Das sei für viele nur der verzweifelte Versuch, sich mit irgendetwas zu identifizieren, sagt der Rapper Akhenaton. Der Musiker, der sich nach dem ägyptischen Gott Echnaton benannt hat, kommt aus Marseille und ist Sohn italienischer Einwanderer. Er sei nach intensiver Lektüre zum Islam übergetreten, "aber die Einwandererkinder klammern sich an etwas Starkes in ihrer Kultur und wenden sich dem Islam eher in einer Art Reaktion zu, als aus Überzeugung. Diese werden dann Opfer demagogischer Interpretationen des Islams", meint Akhenaton, der mittlerweile so anerkannt ist, dass er schon Filmmusik für Luc Besson schreiben durfte.

Eine solche Chance ist nämlich eine weitere Facette des Rap, der nicht nur Wutgeschrei und Frustgeheul ist. "Für viele Musiker ist das die Möglichkeit, aus der Vorstadt rauszukommen", sagt Medze, und das, obwohl Leute wie Shurik'n die Zahl ihrer Stammhörerschaft gerade mal auf 40.000 schätzen. Doch der Rapper sieht Anlass zur Hoffnung: "Immer wenn du mehr als 40.000 Platten verkaufst, erreichst du Leute außerhalb der üblichen Fangemeinde, wir müssen so viele Menschen wie möglich ansprechen."

Auch Rost will mit seinen Liedern mehr erreichen, "der Sprecher all derjenigen sein, die kein Rederecht haben". Intoniert wird, die Vorstadtjugendlichen hätten außer dem Rap und dem Abfackeln von Autos kaum Möglichkeiten, ihre Meinung zu äußern. Medze wünscht sich daher, "es müsste eine Debatte geben, eine wirkliche Debatte. Ständig sind irgendwelche Diskussionen im Fernsehen, mit Politikern und Journalisten, aber die Betroffenen, die sind nie dabei".



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Fritz Katzfuß 12.04.2005
1. Der richtige Weg: Polizeiautorität!
>Ein Zeichen für den Wandel: Die verachteten "kleinen Weißen" haben einen eigenen Namen bekommen: Bolos. "Ein Bolo ist eine Taube, ein Opfer", erklärte Heikel, einer der "Casseurs" (Schläger) bei den Schülerdemos, der Zeitung "Le Monde". Ein anderer sagte, "Bolo" sein sei, "als wenn auf der Stirn "nimm meine Sachen" stünde". Allerdings ist die Definition von Bolo verschwommen. "Bolos sind eher blond", meint Rachid. Doch auch ein Maghrebiner (Nordafrikaner) könne Bolo sein, wenn er sich wie ein Franzose verhalte und mit der eigenen Schwester über Sex rede. Nun, wir blicken nach Frankreich und sehen einen umgekehrten Rassismus, Finkelstein warnt davor, also ist das keine neozaistische Panikmache: der sozialbenachteiligte Mob aus den Vorstädten greift zur Gewalt, definiert die andern, die Feinde, die Rechtlosen: als Weiße, als Bolos. Gut, werden einige sagen: das ist der Klassenkampf, der wieder aufgewacht ist. Und richtig ist bestimmt, daß die Infrastruktur und der Wohlstand der Armen gehoben werden sollte: allerdings ist das nicht so einfach: ja, es ist schwer. Der Staat müßte dem Priorität einräumen, was er nicht kann, nicht will, oder beides. Es zeigt sich in Frankreich, was sich, ... was sich auch bei unseren Türken hier schon zeigt und bald noch stärker zeigen wird: sie haben kein deutsch gelernt und kriegen keinen Job, sie verarmen immer mehr und werden immer gewalttätiger, denn sie haben ein leichtes Spiel mit den Integrierten, denen ja die Gewalttätigkeit erfolgreich abtrainiert worden ist, und sie lachen über die europäischen Strafen. Was uns in Europa vor einem Bürgerkrieg entlang der sozialen und ethnischen (in Frankreich sagt man allerdings: rassischen)Grenzen bewahren kann, ist einzig und allein, eine starke Polizei und eine schnelle, strenge Justiz.
JanSouth 12.04.2005
2.
---Zitat von Fritz Katzfuß--- denn sie haben ein le ichtes Spiel mit den Integrierten, denen ja die Gewalttätigkeit erfolgreich abtrainiert worden ist ---Zitatende--- Wie kommen Sie darauf, daß uns hierzulande die Gewaltbereitschaft fehlt? Mit gewaltbereiten Grüßen *g*
Henner Dehn, 12.04.2005
3. Immer dasselbe
Jan South Mit gewaltbereiten Grüßen *g* Es ist auch immer dasselbe mit diesen Bayern. Wenn der Ede ruft, greifen Sie gleich zum Alphorn ;)))
Henner Dehn, 12.04.2005
4.
---Zitat von JanSouth--- Wie kommen Sie darauf, daß uns hierzulande die Gewaltbereitschaft fehlt? Mit gewaltbereiten Grüßen *g* ---Zitatende--- Es ist auch immder dasselbe mit den Bayern. Wenn der Ede ruft, greifen sie gleich zum Alphorn ;))
Fritz Katzfuß 12.04.2005
5. Gewaltbereitschaft
---Zitat von JanSouth--- Wie kommen Sie darauf, daß uns hierzulande die Gewaltbereitschaft fehlt? Mit gewaltbereiten Grüßen *g* ---Zitatende--- Herr South, so sehr ich Ihre Kampfbereitschaft zu schätzen weiß, die Bundeswehr darf nur im Ausland eingesetzt werden... Ich bin dafür der Bundeswehr Geld weg- und der Polizei Geld hinzuschieben. Individuelle, private Gewaltbereitschaft dürfte nach einiger Zeit auch unter den Bolos wieder zu Tage treten: dann freilich ist der Bürgerkrieg da, den es zu verhindern gälte. Gell?
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