Französisches Gewaltvideo Amoklauf für Bürgersöhnchen

Skandal oder banal? Das Elektro-Duo Justice erregt mit einem Musikvideo die Gemüter, in dem sich eine Banlieue-Gang brachial brutal durch Paris prügelt. Das Beunruhigende an dem Clip sind allerdings nicht die Handlung oder die Sozialklischees - sondern dass es brave Zuschauer mit in den Rausch zieht.

Von Johannes Gernert


Der Amoklauf ist ein wunderbar strukturierendes Element für Musikclips. Er lässt sich als zeitlich überschaubare Eruption gut in wenigen Videominuten erzählen. So tut das etwa jener Clip, den The Prodigy um die Jahrtausendwende produzieren ließen. "Smack my bitch up" zeigt aus einer radikal-subjektiven Kamera-Perspektive den Streifzug eines Alkohol-entfesselten Ichs durch Bars und Strip-Clubs.

Auf dem aggressiven Beat treibt die Hauptfigur immer schneller durch die blinkendbunte Nacht, begrapscht Frauenbrüste und vermöbelt Typen.

Bei The Prodigy sind die Musik und der Modus des Videos extrem nahe beieinander. Es geht ums Ausflippen. Der Clip versucht, einen Rauschzustand vom Akustischen ins Visuelle zu übersetzen. Es hat lange gedauert, bis dieses Video in den USA irgendwann nach Mitternacht und mit einer Vorwarnung versehen auf MTV laufen durfte. Feministen erkannten darin vor allem ungezügelte Frauenverachtung. Trotzdem wurde der Clip für mehrere Music Awards nominiert.

Auch das Video zu "Stress" der französischen Elektro-Formation Justice dürfte kaum den Weg ins Fernsehen finden. Darin zieht eine Gruppe von Vorstadt-Jugendlichen raubend und prügelnd durch Paris. Die Grundkonstellation ähnelt dem Prodigy-Video sehr: In dokumentarischer Anmutung wird ein Amoklauf gezeigt, ein Gewaltrausch, der sich kongenial mit der aufrüttelnd-aggressiven Elektro-Musik verträgt. Es wirkt sogar, als befeuerten die Beats die Handlungen.

Zunächst entsteht deshalb der Eindruck, das Gezeigte würde glorifiziert, die naive Kamera feiere die Ausraster. Dass aber das Gegenteil der Fall ist, wird bei The Prodigy schnell und bei Justice etwas langsamer deutlich. Beide Clips weisen eine seltsame Ambivalenz auf. Das Ganze fasziniert irgendwie, stößt aber im Grunde ab.

In dieser Haltung steckt deutlich mehr Sprengstoff als in anderen Grenzüberschreitungen der Musikvideogeschichte. Wenn Robbie Williams sich in "Rock DJ" nicht nur die Kleider, sondern auch Haut und Muskeln vom Leib reißt und als Skelett singt, ist das ähnlich ekelhaft wie das von einem Huhn ausgehackte Menschenauge aus einem Moby-Spot (mehr, siehe auch Video...). Solche Provokationen kratzen allerdings nur an der sonst glänzenden Musikclip-Oberfläche. Selbst wenn der US-Crunk-Rapper Lil Jon für seinen Track "What you gon do" reale Prügelszenen aus dem Netz collagiert, hinterlässt er damit höchstens einige matte Stellen am Bildschirm.

Erst in den letzten Sekunden erklärt sich die Inszenierung

Justice und ihr Regisseur Romain Gavras zertrümmern denselben hingegen - und die Scherben halten sie ihren Zuschauern als Spiegel hin.

Die mögen sich, angestachelt von der Musik des Duos, zwar vielleicht insgeheim wünschen, einmal genauso cool wie die Vorstadtjungs mal im Vorbeigehen eine Touristenkamera auf dem Boden zu zerschlagen, im selben Augenblick aber nehmen sie die Gewalttäter als Bedrohung wahr. Denn schließlich werden Leute wie sie selbst im Clip verprügelt.

Keine Szene macht das so klar wie die des brennenden Tonmanns, der sich selbst ins Bild und in die Nähe der zündelnden Teenager wünscht, wagt - und in genau diesem Moment Feuer fängt. An dem Punkt wird endgültig deutlich, wie der Clip beschaffen ist: Es sind nicht die Jugendlichen selbst, die das Geschehen aufnehmen, sondern sie werden von einem Team begleitet. Erst in den letzten Sekunden erklärt sich die mediale Inszenierung der Schreckensbilder.

Hochhausblöcke als Verrohungssymbol

Mit dem Verhältnis von Gewalt und ihrer Darstellung hat sich auch der britische Regisseur Chris Cunningham 1997 in einem Video für den Elektro-Musiker Aphex Twin behandelt. "Come to Daddy" wurde zwischen verlassenen Vororthochhäusern gedreht, die schon dem Clockwork-Orange-Regisseur Stanley Kubrick als Kulisse gedient hatten. Dessen Film ist die Folie, auf die sowohl Gavras als auch Cunningham ihre Videos projizieren.

In beiden Fällen funktionieren die Hochhausblöcke als Verrohungssymbol. In "Stress" spucken sie die Schläger aus. In "Come to Daddy" dagegen bleibt eine Kinderhorde zwischen den kahlen Wänden gefangen und folgt den Anweisungen der Fratze auf einem Fernsehbildschirm. Die gnomenhaften Wesen, die alle das Gesicht des Künstlers Aphex Twin tragen, gehen schließlich auf andere und auf sich selbst los.

Ganz simpel ließe sich das lesen als: TV macht gewalttätig. Aber der Clip führt diese These ad absurdum. Die Kinder sind schließlich der Künstler selbst, der sie – und also sich – vom Bildschirm aus verführt, bevor er als alienartige Monstergestalt eine gefühlte Ewigkeit lang eine Oma anbrüllt.

Mehrfach gebrochenes Klischee von den Banlieue-Monstern

"Stress" bezieht sich sehr explizit auf diesen Clip – nicht nur was das Motiv der unheilvoll umherziehenden Horde anbelangt. Wie die Gnome sind die Justice-Schläger seltsam ununterscheidbar. Sie tragen Lederjacken mit dem Symbol des Künstler-Duos darauf, ihr fast identisches Aussehen macht sie zu Prototypen jugendlicher Gewalttäter.

Typen, mit deren wütendem Ausbruchswunsch sich die Bürgersöhnchen Justice einerseits über ihr Logo identifizieren. Andererseits wenden sich die Vorstadt-Jungs am Ende gegen die Kamera – hinter der gewissermaßen ebenfalls Justice stehen.

Und so wird dieses fiktiv-dokumentierte Riesenklischee von den marodierenden Banlieue-Monstern mehrfach gebrochen. Der Zuschauer sieht zunächst aber nur die brutal-beruhigende Bestätigung seines Weltbilds. Verstörend daran: Im Zweifel zieht ihn der Rhythmus sekundenlang mit in den Rausch.

Das ist echter Stress.



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allerfreund, 14.05.2008
1. Werbung?
Liest man die "Kulturbeitraege" hier im SpOn, koennte man durchaus den Eindruck bekommen, dass es sich schlicht um plumpe Werbung handelt. Mal ein paar Beispiele die mir in der Erinnerung haften: Massive (moechtegern Gangster), Lady Bitch Ray (moechtegern Schlampe) und jetzt Justice (moechtegern Irgendwas). Es ist doch alles nur gespielte Empoerung, oder soll man die regelmaessigen Berichte aus dem "Kultur-Ghetto" ernst nehmen?
denonkleo 14.05.2008
2. Spiel mit Klischees
"Der Amoklauf ist ein wunderbar strukturierendes Element für Musikclips. Er lässt sich als zeitlich überschaubare Eruption gut in wenigen Videominuten erzählen. So tut das etwa jener Clip, den The Prodigy um die Jahrtausendwende produzieren ließen. "Smack my bitch up" zeigt aus einer radikal-subjektiven Kamera-Perspektive den Streifzug eines Alkohol-entfesselten Ichs durch Bars und Strip-Clubs. Auf dem aggressiven Beat treibt die Hauptfigur immer schneller durch die blinkendbunte Nacht, begrapscht Frauenbrüste und vermöbelt Typen, bis irgendwann vor allem rote Schwälle zu sehen sind, die in den Abfluss hinuntergurgeln. Bei The Prodigy sind die Musik und der Modus des Videos extrem nahe beieinander. Es geht ums Ausflippen. Der Clip versucht, einen Rauschzustand vom Akustischen ins Visuelle zu übersetzen. Es hat lange gedauert, bis dieses Video in den USA irgendwann nach Mitternacht und mit einer Vorwarnung versehen auf MTV laufen durfte. Feministen erkannten darin vor allem ungezügelte Frauenverachtung." Das interessante bei "Smack my bitch up" ist doch, und das bleibt in ihrem Artikel unerwähnt, dass man automatisch von einem als Protagonisten in der Ich-Perspektive ausgeht und in der letzten Szene gezeigt wird, dass eine Frau diesen Trip durch die Nacht gemacht hat. Also ein gewolltes Spiel mit Klischees und Voreingenommenheit. Des weiteren war das Video zu seiner Erscheinungszeit ein Spiegelbild einer auf Rausch und Grenzüberschreitung ausgerichteten Jugendkultur. Genau so sehe ich das bei dem Video von "Stress". Es spiegelt doch einen Teil der, nicht nur französischen Jugendkultur, wider, die geprägt ist von Perspektivlosigkeit und dadurch ausgelöste Gewalt und Grenzüberschreitung. Die Identifikation mit den Gewlttätern, auf die in dem Artikel eingegangen wird, ist ja auch gewollt. Und der Bruch findet ja auch in der letzten Szene statt, in der der Zuschauer (der Kameramann) zum Opfer wird. Wenn man die Videos ohne diese letzten erklärenden Szenen betrachtet sind sie sicher nur auf Krawall aus. Wenn man allerdings diese letzten Szenen in die Betrachtung einbezieht, wird die Intention viel deutlicher.
Tim89 14.05.2008
3. Realitätsverweigerung?
Was das Video zeigt, ist doch längst Alltag in den großen Metropolen. Nicht unbedingt Massenphänomen, aber es passiert doch auch ständig unabhängig von diesem Video. Wird man dann gezwungen hinzuschauen, ist die Aufregung groß. Aber niemanden, der sich jetzt echauffiert, kratzt es im Geringsten, dass genau diese Dinge jetzt real stattfinden. Stattdessen diskutiert man über den Film, der unerlaubterweise in die heile Welt eingedrungen ist...
digitalturbulence, 14.05.2008
4. Gefängnisstrafe
Also ich glaube eine Gefängnisstrafe für die Autoren des Videoclips wäre sehr angemessen. Dieses Video wird noch zum Vorbild unserer Jugend.
Demokratia, 14.05.2008
5. Nicht übertreiben
Zitat von digitalturbulenceAlso ich glaube eine Gefängnisstrafe für die Autoren des Videoclips wäre sehr angemessen. Dieses Video wird noch zum Vorbild unserer Jugend.
Sind sie auch dafür das man Autoren von Action-Filmen einsperren sollte? Wie wärs wenn wir Buchautoren weitermachen? Für mich fällt das unter Freiheit der Kunst.
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