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Französisches Gewaltvideo: Werbung mit Hass

Von Henning Lohse, Paris

Frauen betatschen, einen Bistrowirt mit Schlagstöcken malträtieren, ein Auto abfackeln. Die französische Elektro-Rock-Band Justice produzierte einen extrem gewalttätigen Videoclip. Dessen zweifelhafte Marketing-Botschaft: Hass. Die Reaktion: Entsetzen.

Sie waren die französische Musiksensation des Jahres 2007. Die Elektrorock-Gruppe Justice genießt in Frankreich Kultstatus. Jetzt macht die Band mit ihrem neuen Videoclip Negativ-Schlagzeilen.

Der Film dauert nur sieben Minuten, aber es fühlt sich an wie eine kleine entsetzliche Ewigkeit. Zartbesaiteten Zuschauern bricht der Angstschweiß aus, wenn die düsteren Bilder zu einpeitschender Musik über den Bildschirm flimmern, wenn bedroht und geprügelt wird, geklaut und gebrandschatzt.

Dabei ist die Handlung des Clips so dürftig wie brutal: Acht Jugendliche in schwarzen Kapuzenjacken ziehen durch eine heruntergekommene Pariser Vorstadt. Auf ihrem Streifzug durch das Alltagselend zwischen Hochhäusern und Ödland verprügeln sie Passanten und demolieren Autos. Hier regiert sinnlose Gewalt suggeriert der Film, unterlegt ist die Orgie aus Schrecken und Schlägen mit dem neuesten Lied aus dem Arsenal von "Justice". Der zu bewerbende neue Song heißt "Stress" und gibt den Gefühlen der hilflosen Zuschauer einen Namen. Die Macher hätten das Lied zum Gewalt-Clip allerdings genauso gut auch "Angst" oder "Horrortrip" nennen können.

Als die Jugendbande sich auf den Weg nach Paris macht, geht der Horror erst richtig los. Am Metrobahnhof terrorisieren sie die Passagiere, belästigen eine junge Frau im kurzen Rock, schlagen einen herbeieilenden Helfer zusammen. Nach der Ankunft in Paris setzt sich die Spirale aus Gewalt und Willkür fort. Der Wirt eines Bistros wird zusammengeknüppelt, als er seine Gäste und sein Inventar vor den Schlägern schützen möchte.

Wie im Filmklassiker "Clockwork Orange" geht der Schrecken weiter, hört einfach nicht auf. Die Bande zieht zum Montmartre-Viertel. Auf den Treppen der weltberühmten Sacre Coeur greifen sie harmlose Touristen an, zerschmettern einen Fotoapparat. Entreißen einem Musiker die Gitarre, einer alten Dame ihre Handtasche. Dabei wirken die Filmszenen so düster, wie sie Mathieu Kassovitz in "Hass" so meisterhaft in Szene gesetzt hatte.

Echt, oder echt gutes Kino?

Die Bilder erscheinen so echt, dass die Zuschauer ins Zweifeln kommen. Ist das vielleicht nicht geschauspielert, nicht gestellt, sondern Realität? Die Frage stellt sich. Vor allem, als zum Ende des Films ein Autofahrer aus seinem Wagen geprügelt wird. Echt oder echt gutes Kino?

Für Justice-Eingeweihte blitzt zum Schluss hin sogar etwas Selbstironie auf, als die Autodiebe ihre Beute begutachten und sich über das Radio hermachen. Mit archaischer Gewalt wird es aus dem Armaturenbrett gerissen, auf die Straße geschmissen. Dabei dudelt das Radio ein Lied - natürlich der Gruppe Justice. "Dance" war ein großer Erfolg beim Erscheinen, jetzt aber fliegt der Hit im großen Bogen aufs Pflaster. Alles ist vergänglich.

Höhepunkt des Clips ist die Verbrennung des gestohlenen Autos. Fast schon genüsslich verlangsamt sich das sonst so hektisch gedrehte Video, als der Wagen mit einem Molotow-Cocktail in Brand gesetzt wird. Eine Hommage an die Unruhen vom Mai 1968? Zerstörung als Kunst, Zerstörung als Kult?

Auf der Zielgeraden erlebt der Clip noch einen merkwürdigen Dreh. Der Toningenieur scheint nicht einverstanden zu sein mit dem Feuerschauspiel. Er erscheint schemenhaft im Bild und protestiert. Einer der Brandstifter dreht sich provozierend zum Kameramann: "Macht's dir Spaß, das zu drehen, du Hurensohn?" Fast glaubt der Zuschauer, dass er gerade einen Dokumentarfilm gesehen hat.

Kein Wunder, dass dieses Video eine Kontroverse auslöst, nicht wegen seiner Musik, sondern wegen der gewalttätigen Bilder. Die Schläger im Video sind in der Mehrheit arabischer Abstammung oder Schwarze - viele Betrachter denken sofort an Frankreichs brennende Vorstädte der vergangenen Jahre.

Die Zeitung "Le Monde" wundert sich, was in die beiden Justice-Musiker Gaspard Augé und Xavier de Rosnay gefahren ist, "die bisher doch das Image der netten Jungs" vertreten haben. Und "Liberation" fragt, ob es sich hier um "eine Provokation oder eine Werbung für den rechtsradikalen Front National von Jean-Marie Le Pen handelt".

Verkaufsrekorde mit Gewalt

Die Fangemeinde von "Justice" ist auch überrascht, reagiert zum Teil verärgert. Viele reiben sich an der so offensichtlichen Vermarktung des Phänomens "Brennende Banlieus". Andere wollen im Clip selbst einen perfiden Marketingplan entdeckt haben.

Sieben Minuten lang sieht man die Schlägerjacken, auf deren Rücken das Logo der Band prangt. Ein Kreuz in Sargform. Nun kursieren Gerüchte, dass "Justice" in den kommenden Wochen entsprechende Blousons auf den Markt bringen will. 700 Euro soll eine Schlägerjacke kosten, die an jene in dem Video erinnert. Logisch, dass eine Kontroverse dem Verkauf nur helfen kann. Streetmarketing at its best.

Kritiker befürchten, dass der Clip nicht nur Verkaufsrekorde auslöst, sondern auch neue Gewalt in den Banlieus. Das Video ist so brutal inszeniert, dass alle französischen TV-Sender sich weigern, es auszustrahlen. Im Internet aber feiert es riesige Erfolge. Die Zeitung "Liberation" meldet: "Der Clip wurde schon eine Million mal auf YouTube, DailyMotion und MySpace angeklickt". Regisseur des Skandalvideos ist übrigens Romain Gavras, Sohn des berühmten Filmemachers Constantin Costa-Gavras.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels wurde behauptet, alle Opfer der Schläger in dem Video seien weiß. Das ist nicht richtig. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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Französischer Gewaltclip : Orgie aus Schrecken und Schlägen


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