Frauenkirche Dresden Praller Beethoven zur Premiere

Die Dresdner Frauenkirche ist geweiht, seit Freitagabend auch als Konzertsaal. Mit Ludwig van Beethovens "Missa Solemnis" hob Fabio Luisi, künftiger Leiter der Staatsoper, den Jubelort musikalisch aus der Taufe. Und siehe da: Kirche und Konzertsaal sind ein wunderbares Paar.

Von , Dresden


Hell, freundlich, pastellfarben: Die wieder erbaute Dresdner Frauenkirche wurde umweglos von Menschen und Medien ins Herz geschlossen. Aber das Gotteshaus soll ja nicht nur Ort der Andacht sein, sondern auch eine veritable neue Musikhalle im Elbflorenz. Die Akustik, die Architektur, die fluffig anmutige Barockathmosphäre, all das prädestiniert den raffiniert genialen Rundbau des sächsischen Konstrukteurs Georg Bähr auch zum Konzertsaal.

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Frauenkirche 30.10.2005: Die Weihe eines Wunderwerks

Mit Beethovens monumentaler "Missa Solemnis" war die ideale Premierenwahl getroffen: So einzigartig, wagemutig und perfekt wie der Bau rauschten Chor, Orchester und Publikum in einem einzigen, 80-minütigen Messen-Wonneschauer in die neue Konzert-Ära der Frauenkirche. Fabio Luisi, der ab 2007 die musikalische Leitung der Sächsischen Staatoper Dresden übernehmen soll, dirigierte mit Bedacht und ohne Risiko: Würde und Weihe gingen an diesem Abend vor, und nichts ging schief. Auch wenn kurz vor der Premiere der Sänger der Tenorpartie absagen musste.

Doch der Ersatz schlug sich tapfer: Für den erkrankten Christoph Prégardien sprang kurzfristig und routiniert Christian Elsner ein, der die heikle Solopartie prächtig und selbstbewusst ausfüllte. Gemeinsam mit Camilla Nylund (Sopran), Birgit Remmert (Alt) und dem Star-Bassisten René Pape bildete er zwischen Orchester und Chor die sichere und jubilierende Viererkette, die zeigte, dass auch die Solisten in der Frauenkirchen-Akustik einen buchstäblich leichten Stand haben.

Chor testet Akustik mit Über-Schall

Die Sächsische Staatskapelle, vor über 450 Jahren vom Kurfürsten Moritz von Sachsen gegründet, kann es in Sachen Tradition durchaus mit der Frauenkirche aufnehmen, doch die mächtige Missa nahmen sie unter Luisis Regie beinahe verhalten, dezent, sicher und zuverlässig. Fast als wollte der kommende Opernchef sich ohne Zicken und Marotten einführen, steuerte er die Monstermesse wie einen mächtigen Ozeandampfer über die Wogen - den langen Bremsweg immer im Kopf.

Bahn frei also für den Chor: Die Sängerinnen und Sänger von der Sächsischen Staatsoper Dresden - das Ensemble gehört zu den besten des Kontinentes - durften ordentlich Gas geben, ihre geballte Energie vom "Kyrie" bis zum "Agnus Dei" füllte die Kirche bis zur Kuppel brausend an. Was immer an der vielbeschworenen Superakustik der Frauenkirche gerühmt wird, vor allem der Chor-Sound bestätigt dies mit voller Wucht und Wonne. Und es war nicht allein Macht des Forte: Als am Schluss des "Kyrie" die letzte Gesangs-Note fast gehaucht verhallte, geriet diese Sekunde zu einem der vielen Gänsehaut-Momente der Missa.

Aber die folgten dann ohnehin fast Schlag auf Schlag: Im rauschend dynamischen "Credo" brillierte anschließend auch die Staatskapelle mit disziplinierter Streicher-Wucht und präzise blitzenden Blechbläsern. Grelle Gegensätze, verhaltene Inbrunst und explosiver Jubel kontrastieren in der Partitur, ein paar hundert Jahre Kirchenmusik hatte Beethoven in seiner alle Rahmen sprengenden Festmesse zusammengefasst. Zwischen 1819 und 1823 schrieb er die "Missa", die er selbst als sein "größtes Werk" bezeichnete und die wenig noch mit der damals bekannten liturgischen Musik gemeinsam hatte.

Kirche und Konzertsaal haben sich gefunden

Nie zuvor mussten Chor und Solisten solche Schwerarbeit leisten, die dennoch überirdisch leicht und freudig klingen sollte. Das nun gelang an diesem Premierenabend tatsächlich: Die schier endlos erscheinende Höhe der Kirchenkuppel füllte sich ein ums andere Mal mit sakralem Über-Schall des Chores, der seine vertrackten Fugen im "Credo" scheinbar mit links realisierte.

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Frauenkirche: Die Krone Dresdens

Auch der Sologeiger des Orchesters, Kai Vogler, entschwebte mit seinem sahnig süßen Violinton während des "Sanctus"-Teiles mühelos der Erdenschwere. Soloschmelz vom Feinsten, fast ein wenig eitel für die Kirche: Beethoven schlug mit seinem späten Opus 123 noch einmal epochal und so breitgefächert zu, wie es nur ging. Die Dramatik und Kraft des abschließenden "Agnus De"- von René Pape machtvoll und suggestiv gestartet - trug dann Orchester, Chor und Solisten noch einmal auf und davon: Fast schwebte der Klang für ein paar Momente, und die Zeit stand still.

Die wunderbare Rundarchitektur der Kirche hatte ihren Teil zur Einheit von Publikum und Musikern beigetragen, der Gegensatz zwischen Bühne und Zuhören ist durch den Kreis durchbrochen: ein herrlich passendes Bild zum immer wiederkehren "Pacem" am Schluss der Messe. Kirche und Konzertsaal passen blendend zueinander: Auch hier ist die Dresdner Frauenkirche ein weiteres Glück verheißender Sonderfall.



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