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50 Jahre Andreas Dorau: "Hass und Neid sind doch schöne Gefühle"

Ein Interview von

Andreas Dorau zum 50. Geburtstag: Das ist Demokratie, langweilig wird sie nie Fotos
Sönke Held

Hat da jemand "Fred vom Jupiter" gegrölt? Dann gibt es Ärger! Andreas Dorau, Schöpfer des NDW-Klassikers, spricht im Interview über den Fluch des Hits, seinen eigenen 50. Geburtstag, Hass auf Kollegen - und weshalb es vernünftig ist, seiner Umwelt aggressiv die Meinung zu geigen.

SPIEGEL ONLINE: Andreas Dorau, am Sonntag werden Sie 50. Gruselt Ihnen vor diesem Tag?

Dorau: Wie man seinen 50. Geburtstag nicht feiern sollte, hat gerade Til Schweiger im Fernsehen vorgemacht. Beim Zappen sah ich kurz, wie da geheult und gratuliert wurde und vermutlich auf Kameratauglichkeit getestete Schul- und Bundeswehrkameraden mit ihm auf der Couch saßen - als Beweis dafür, dass Til Schweiger "einer von uns" geblieben ist. So werde ich meinen 50. schon mal nicht feiern.

SPIEGEL ONLINE: Dafür zelebrieren Sie Ihren Geburtstag mit der Best-of-CD "Hauptsache Ich", dem neuen Album "Aus der Bibliotheque" und zwei Gala-Konzerten in Hamburg und Berlin.

Dorau: Das war die Idee meiner Plattenfirma. Die hatten meinen Geburtstag lange vor mir auf dem Plan und nach dem dritten Treffen hatten sie mich überredet, aus diesem Anlass etwas zu machen. Nur zurückzublicken finde ich deprimierend, in Verbindung mit einem neuen Album ist es in Ordnung. Und bei den Konzerten werden Der Plan, Egotronic, Justus Köhnke, Wolfgang Müller und Maurice Summen von Die Türen als Gäste auftreten. Das lenkt von mir ab.

SPIEGEL ONLINE: Wird "Fred vom Jupiter" zu hören sein? Der Hit, um den Sie seit Jahren einen Bogen machen?

Dorau: Ja, er wird im Programm sein, aber einer meiner Gäste wird ihn spielen. Ich habe nichts gegen das Stück. Nur die Aura des NDW-Teenagerhits, die "Fred vom Jupiter" umgibt, konnte ich nie ausstehen.

SPIEGEL ONLINE: Das Stück, das Sie 1981 im Rahmen eines Schulprojektes aufnahmen, wurde überraschend zum Renner. War das ein Schock?

Dorau: Ehrlich gesagt, ja! Ich war bei dem kleinen Label Ata Tak, und natürlich wollte ich auch Erfolg, aber eben nur in den Indie-Kreisen. Ich wollte in Magazinen wie "Sounds" stattfinden. Aber als dann das Radio auf "Fred vom Jupiter" ansprang, wurde es unheimlich. Die bürgerlichen Sender mochten das Kinderhafte an dem Lied. So wurde es zum ersten Underground-Neue-Deutsche-Welle-Hit. Aber ein Spaß war das nicht.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Dorau: Das passte nicht zu dem Hass, den ich auf die meisten Menschen hatte. Ich war 16, als "Fred vom Jupiter" erschien, und hatte genug mit der Pubertät zu kämpfen. Meine Mitschüler hatten mich vorher mit Verachtung gestraft, weil ich ein Freak war, der sich nicht für Mädchen und Fußball interessierte. Ich hatte nicht mal ein Mofa. Statt Fußball zu spielen, verschliss ich neun Gitarrenlehrer. Der letzte war Holger Hiller, der hatte improvisierte Musik studiert und erklärte mir eines Tages, als ich mal wieder nicht geübt hatte, wie ein Vierspur-Aufnahmegerät funktioniert. So habe ich die ersten Songs produziert, letztlich improvisiere ich so bis heute.

SPIEGEL ONLINE: Auf ihrem neuen Album besingen sie "Fli Fli, Fla Fla, Flaschenpfand", dazu eine Leihbücherei, Bienen am Fenster und den Serienmörder Fritz Honka. Was treibt Sie?

Dorau: Meine ganze Arbeit ist ein Versuch, noch weiter aufs Eis zu gehen. Mir geht es ja vor allem um Texte. Liebeslieder fand ich immer langweilig. Ich suche andere Themen und schaue, wie weit ich da komme. Fritz Honka hat mich zum Beispiel schon immer fasziniert, und als ich mich da einlas, interessierten mich vor allem die Gerüche der Geschichte.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie Ihre Texte eigentlich angemessen gewürdigt?

Dorau: Wenn meine Musik weniger poppig wäre, bekämen die Leute die Texte besser mit. Da ich meine Stücke schon für sehr refrainlastig halte, werden meine Texte oft als dümmlich empfunden. Mitsingstücke gelten ja automatisch als dümmlich. Fröhlichkeit ist verdächtig. Anspruchsvolle Texte werden in Deutschland nur bei entsprechender Schwere der Musik geduldet. Ich arbeite da bewusst gegen den Trend.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie am Anfang dazu gebracht, eigene Platten zu besingen?

Dorau: Ich bin ein Kind des Punk. Eine Folge des Punk war die Demokratisierung der Mittel. Vorher war es großen Plattenfirmen überlassen, Tonträger zu machen. Das änderte sich mit Punk, da bekamen immer mehr Leute raus, wo man auf eigene Faust Platten pressen lassen kann. Man war nicht mehr von ein paar dicken, bürgerlichen, zigarrerauchenden Plattenbossen abhängig. Mich faszinierte die Idee, einen eigenen Tonträger zu veröffentlichen. Musik war ein nötiges Übel. Ich hätte auch Geräusche rausgebracht.

SPIEGEL ONLINE: Leiden sie eigentlich unter dem Fluch des One-Hit-Wonders?

Dorau: Hits sind gefährlich, danach ist man festgelegt. Das schönste an meinem anderen Hit "Girls In Love", der ja in Frankreich sehr erfolgreich war, ist, dass ich kein One-Hit-Wonder mehr war. Ich bin ein Two-Hit-Wonder.

SPIEGEL ONLINE: Wie oft kommen Angebote von RTL und Konsorten, "Fred vom Jupiter" in Revival-Shows aufzuführen?

Dorau: Andauernd. Da sage ich kategorisch nein. Es gab da ein NDW-Festival, wo ich für drei Stücke 30.000 Euro bekommen hätte. Als das Angebot kam, war ich relativ pleite, nein zu sagen war nicht einfach. Bei den Fernsehshows fiel es mir dagegen nie schwer. Neulich lief im NDR eine NDW-Sendung, für die sie mehrfach bei mir angefragt hatten und meine Absage nicht akzeptieren mochten. Vermutlich als Rache zeigten die dann Frl. Menke, die über "Fred vom Jupiter" sprach und erzählte, wie ich ihr mal den Handschlag verweigerte. Damals habe ich mich für mein schlechtes Benehmen geschämt, aber die Abgrenzung war mir wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben ein Filmstudium abgeschlossen und arbeiten als Video-Berater für Stars wie die Söhne Mannheims und Xavier Naidoo. Ist es seltsam, chartrelevante Entscheidungen mitzutreffen?

Dorau: Das ist vor allem ein spannender Job. Und es ist interessant, wie viele Musiker die Möglichkeiten des Mediums Musikvideo nicht nutzen. Mit Videos können Musiker ihr Image erweitern oder Songtexten eine Meta-Ebene verleihen.

SPIEGEL ONLINE: Kommentieren Sie manchmal die Musik Ihrer Auftraggeber?

Dorau: Nicht ungefragt. Aber wenn ich etwas bewerten soll, habe ich noch nie gelogen. Das hat mir einmal jemand übelgenommen, aber das ist lange her. Wenn ich lügen würde, könnte ich nicht mehr in den Spiegel schauen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mal gesagt, dass zum Musikmachen der Hass gehört. Gilt das noch in ihrem Alter?

Dorau: Selbstverständlich. Der Hass hat mit den Jahren nicht abgenommen. Ich mag Hass. Hass und Neid sind doch schöne, intensive Gefühle. Ich lebe meinen Hass sogar aus.

SPIEGEL ONLINE: Wie das? Beschimpfen Sie Leute?

Dorau: Neulich war ich bei diesem Hamburger Musikpreis namens Hans. Da war ich auch nominiert, aber ahnte schon, dass ich nichts gewinne. Ich wollte da nicht hin. Aber an dem Abend hat mich dann doch ein Freund überredet. Wir tranken ein paar Biere, und ich sah zu, wie Thees Uhlmann die Preise bekam, für die ich nominiert war. Nach der Veranstaltung schnappte ich ihn mir und schimpfte: "Du Sau hast meine Preise!" Er sah Wahnsinn in meinen Augen und bekam einen schönen Schreck. Aber Tomte war eben immer die unmusikalischste und schlechteste Band, die ich mir vorstellen konnte. Deshalb passte mein Ausfall.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie als Musiker weitermachen?

Dorau: Ich staune ja schon, dass ich das überhaupt noch mache. Dass ich mit 50 noch dabei bin, hätte ich früher nicht für möglich gehalten. Ich bin froh, dass ich nie ein Stück wie "My Generation" gemacht habe, wo ältere Musiker verdammt werden. Denn früher fand ich Musiker ab 50 ja auch eklig. Aber solange ich nicht so supereklig rüberkomme, ist alles gut.

SPIEGEL ONLINE: Wünschen Sie sich manchmal mehr Erfolg?

Dorau: Nein. Ich bin lieber der Verkannte als einer, der am Erfolg zerbricht.


Andreas Dorau: "Aus der Bibliotheque" + "Hauptsache Ich" (Bureau B)
Konzerte: Hamburg, Knust, 18.01. + Berlin, Bi Nuu, 25.01

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insgesamt 26 Beiträge
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1. Happy Birthday!
angst+money 16.01.2014
Allein für seinen Kommentar zum Thema 'Tomte' gilt ihm schon meine ewige Bewunderung. Seine Musik mag ich aber auch nach wie vor.
2. Curling
geritp 16.01.2014
Und passend zu den Olympischen Spielen empfehle ich das Video zum Song "Kein Liebeslied", ganz grossartig, vom Styling bis zum Thema: http://www.youtube.com/watch?v=GjW5IdxlZkc Andreas Dorau ist grossartig.
3.
Moninus 16.01.2014
Zitat von angst+moneyAllein für seinen Kommentar zum Thema 'Tomte' gilt ihm schon meine ewige Bewunderung. Seine Musik mag ich aber auch nach wie vor.
Ohne selbst Fan zu sein, aber was ist denn an Tomte und Thees Ullmann so schlecht, außer möglicherweise persönliche Abneigung à la "Deine Nase passt mir nicht?"
4. Also, ich...
m1968 16.01.2014
...hoere mir Fred v. J. derzeit oefter im Auto an, schoen oldfasioned mit Cassette;Da ist eine Seite (45min.) mit Stuecken aus der Fred v. J. Zeit, wie Liaisons Dangereuses, DAF, Fehlfarben, etc. Und Fred vom J. passt da sehr rein. Diese coole Subline von Musik mit diesem unmotivierten Maedchen-Chor, das find ich geil. Ich bekomm immer gute Laune, wenn ich den Fred hoere. Danke Andreas!
5.
angst+money 16.01.2014
Zitat von MoninusOhne selbst Fan zu sein, aber was ist denn an Tomte und Thees Ullmann so schlecht, außer möglicherweise persönliche Abneigung à la "Deine Nase passt mir nicht?"
Na die Musik halt.
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