Frühe Meisterwerke Berauschender Mendelssohn

Felix Mendelssohn Bartholdy war ein Frühstarter. Schon mit zwölf Jahren schrieb er Musik von betörender Eleganz. Das Fauré Quartett hat frühe Klavierquartette des jungen Genies aufgenommen - und liefert dabei gleich ein eigenes Wunder ab.

Kammermusikensemble Fauré Quartett: mannschaftsdienlich und elegant
KASSKARA

Kammermusikensemble Fauré Quartett: mannschaftsdienlich und elegant

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Wie schön, dass Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) schon im letzten Jahr seinen 200. Geburtstag feierte. Womöglich wäre die neue CD "Wunderkind" (Deutsche Grammophon/Universal) vom Fauré Quartett inmitten der ganzen Symphonien, Kirchenmusik und Klavierwerke des populären Romantikers unbeachtet geblieben. Nicht, dass das Jubeljahr gerade überbordete von Mendelssohn-Rummel: Eher bescheiden und zurückhaltend wurde gefeiert - vielleicht, weil der frühvollendete Romantiker oft als vermeintlich "kleinerer" Meister im Vergleich zum Beethoven, Schubert und Schumann angesehen wird. Da langt das Album mit seinem etwas platt-plakativen Namen, der forsch an Mozart gemahnt, gleich mal bildkräftig hin. Muss in Zeiten des nassforschen Klassik-Marketings wohl so sein, schließlich geht es um die uneitle Kammermusik - ein Genre, dem oft das Vorurteil der elitär-spröden Dezenz anhaftet.

Gilt allerdings nicht für Opus 2 und 3 des jungen Mendelssohn: Hier fließen eingängige Melodik und rhythmischer Schwung so bezwingend ineinander, als hätte der frühreife Musiker alles Feuer seiner jungen Jahre in die Quartettsätze gepackt. Besonders die rauschenden Klavierparts entfesseln mit ihrem virtuosen Anspruch eine feinperlige Kraft: Wer Kammermusik stets unzugänglich fand, den können diese beiden Werke zu völlig neuen Einblicken (ver)führen. Als die beiden Werke zwischen 1822 und 1825 erschienen, hatte Felix Mendelssohn Bartholdy zwar schon viele Klavierstücke, Streichersymphonien, Lieder und mehr komponiert, doch die drei Klavierquartette werden als erste Opera gezählt.

Ein furioses Ensemble

Sie sind also keineswegs die Paukenschläge beginnender Meisterschaft, sondern schon Summe von Erfahrungen - weshalb diese frühen Werke auch ebenso selbstbewusst wie vollendet klingen. Hier rüttelte ein Genie schon mal an den Türen zum Komponisten-Olymp und gestaltete romantischen Überschwang, der sich aus dem Geist der Klassik entwickelte. Sehr informativ auch das Booklet der CD: Hier wird launig erzählt, wie Felix Mendelssohn Bartholdys Begegnungen mit Johann Wolfgang von Goethe verliefen, der von dem "Wunderkind" hochgradig begeistert war. Ein Lichtblick gegenüber der gepflegten Langeweile, die Klassik-Linernotes oft verbreiten.

Wer immer diese beiden Quartette interpretiert, muss neben mannschaftsdienlichem Ensemblespiel vor allem dem eruptiven Klavierpart volle Priorität schenken. Dirk Mommertz, der Pianist des Fauré Quartetts, spielt mit der nötigen Leichtigkeit und Präzision, die den weit schwingenden Melodiebögen die Eleganz und Biegsamkeit verleihen, die für die innere Spannung dieser Musik sorgen. Denn die Jugendwerke gefallen sich nicht in vordergründiger Melodienseligkeit. Stets tun sich Abgründe auf, wie etwa im Andante des h-moll Quartetts, das von Schubertscher Klang-Finesse und beherrschter Trauer gezeichnet ist.

Auch "Popsongs" gelingen

Das Fauré Quartett, das sich 1995 zum 150. Geburtstag des französischen Komponisten Gabriel Fauré gründete, gehört in Europa längst zu den herausragenden Kammerensembles. Neben Pianist Mommertz gehören Erika Geldsetzer (Violine), Sascha Frömbling (Viola) und Konstantin Heidrich (Cello) zum Quartett, das sich nicht nur dem üblichen E-Repertoire widmet. Neben einschlägigen Werken von Brahms, Mozart, Schumann und natürlich Fauré, brachte das Ensemble im vergangenen Jahr das vielgestaltige Album "Popsongs" heraus, auf dem sie neben Kompositionen von Peter Gabriel und den Beach Boys auch Stücke von Prefab Sprout und System Of A Down interpretieren. Die Kollegen vom Kronos Quartet und ihre Hendrix-Adaptionen lassen grüßen, wenn auch der Pop der Faurés ganz anders klingt. Ihnen gelingt es ähnlich wie den amerikanischen Kollegen, die Songs nicht nur abzubilden, sondern in ihre eigene musikalische Sprache zu übersetzen. Offizielles Lob der Industrie gab's auch schon: Für das furiose Fauré Quartett und seine Brahms-Interpretation wurde ihnen 2008 der deutsche Klassik-"Echo" verliehen. Angesichts des soeben entfachten Mendelssohn-Feuerwerks dürfte es nicht der letzte Preis gewesen sein.


CD Felix Mendelssohn Bartholdy "Wunderkind" / Klavierquartette op. 2 und op. 3 (Fauré Quartett), Deutsche Grammophon/Universal 476 3806



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