Indie-Band Fuck Art, Let's Dance! Die Vorzeige-Gammler aus Deutschland

Die Band Fuck Art, Let's Dance! trägt das F-Wort im Namen. Bei der Deutschen Bank bekommt sie deshalb kein Konto, sonst läuft's aber gut. Jetzt erscheint ihr Debüt "Atlas", eine Ode an die Scheiß-drauf-Haltung.

Audiolith

Von Emily Bartels


Keine tiefgründige Poesie, sondern eine Lebenseinstellung: Scheiß auf die Kunst. Hauptsache Tanzen. Die Lieder auf "Atlas", dem Debüt-Album von Fuck Art, Let's Dance! (abgekürzt FALD), klingen knarzig, nach erschöpften Momenten auf der Tanzfläche. Dazu viel Synthesizer, Gitarren und die melancholische Stimme von Sänger Nico Cham. Jeder Song ist tanzbar, aber halt nicht unbedingt leicht verdaulich für den Mainstream.

Das bekräftigt auch Sänger Cham: "Das Album zielt nicht darauf ab, eine Radio-Single nach der anderen rauszuhauen", sagt er. Doch hinter der So-What-Attitüde steckt Unternehmergeist: Die 13 Songs auf "Atlas" sind professionell produziert, die Band hat für die kommende Festival-Saison beinahe jedes Wochenende für Auftritte verplant. Im Juni starten sie eine Tour nach Glasgow, Edinburgh und London.

Do-it-yourself-Marketing

In Großbritannien scheinen die vier Deutschen Eindruck zu machen: Der "New Musical Express", das älteste und noch immer Autorität gebietende britische Musikmagazin, adelte die Band schon mit einer Rezension. FALD fingen mal als typische Garagenband an - heute spielen sie Hunderte Konzerte im Jahr. Auch in New York, Barcelona und auf dem South by Southwest in Texas, dem wohl wichtigsten Indie-Festival der Branche.

Nico Cham, Romeo Sfendules, Tim Hansen und Damian Palm, alle Mitte 20, wirken wie Sonderlinge in der hippen Indie-Szene: labberige Kapuzenpullis statt zugeknöpfte Hemden, grüne Haare statt Gelfrisuren. Während andere Hipsterbands gerne mal von arrangierten Pressefotos lächeln, schießen FALD ihre Fotos selbst und malen sich mit Paint Blitze und andere Krakeleien auf die Gesichter.

Das entspricht ganz dem Stil von Audiolith. Bei dem Independent-Label sind FALD unter Vertrag, seit sie ihren ersten Bandwettbewerb vor vier Jahren gewannen. Audiolith ist eines der bekanntesten Indie-Labels in Deutschland: politisch links, elektronisch und mit ziemlich wenig Kohle ausgestattet.

Die Band gründete sich schon zu Schulzeiten. Mit einer Ausbildung haben die Jungs gar nicht erst angefangen, oder das Studium bald geschmissen. Eine Alternative zur Musik wollten sie offenbar nicht, passt ja auch zum Image. Und trotz uralter Verstärker, chaotischer Buchführung und provisorisch reparierter Instrumente hat FALD beste Aussichten. "Die Chancen stehen nicht schlecht, dass die Band Fuck Art, Let's Dance! das nächste große Ding im Indiepop wird", orakelte etwa "Zeit Campus".

Mit dem Hintern in die Kamera

Wie sich FALD auf einer ganz großen Festivalbühne machen könnten, konnte man zum Beispiel auf dem Hamburger Dockville-Festival 2013 sehen. Vor der Show hängen die Bandmitglieder im Backstage-Bereich auf Klappstühlen herum; in einer Stunde sollen sie auf der Hauptbühne spielen. Alkohol vor den Auftritten verkneifen sich die Jungs, und meistens halten sie sich sogar daran. Eine der Gitarren hat kurz vor der Show den Geist aufgegeben, das Ersatzinstrument ist noch auf dem Weg zum Gelände. Kein Grund, nervös zu werden. Die Musiker krempeln die schwarzen Jeans hoch und lümmeln sich hinter der Bühne ins staubige Gras. Beim Aufbau der Instrumente schlurfen sie derart ruhig durch das Gewühl von Verstärkern und Mikrofonkabeln, dass man ab und an ihren Puls kontrollieren möchte.

Erst nach dem Soundcheck, wenn die ersten elektronischen Takte vom Macbook den Startschuss geben, kommt schlagartig Bewegung in die Band. Während der Show improvisieren sie ganze Passagen. Sänger Nico Cham ist eine schmale Person mit Hipster-Schnurrbart und Nerdbrille; wenn er singt, reißt er die Arme hoch wie bei einer Gospel-Predigt. Seine Ersatzgitarre ist übrigens doch noch rechtzeitig eingetroffen.

Bei den Geschäftspartnern stößt diese eher entspannte Attitüde nicht immer auf Gegenliebe: Eine Filiale der Deutschen Bank hätte der "FUCK ART, LET'S DANCE! Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR)" wegen des "Fucks" in ihrem Namen ein Firmen-Konto verweigert, erzählt Gitarrist Romeo Sfendules.

Auf dem Cover von "Atlas" ist eine Felsenlandschaft zu sehen, eine nackte Frau klettert auf den Steinen herum. "Sie erkundet die Welt, ohne sich Gedanken zu machen, was sie hinter dem Horizont erwartet", sagt Nico Cham. Die Frau auf dem Bild streckt ihren Hintern in die Kamera und scheint zu sagen: Ihr könnt mich mal.


"Atlas" von Fuck Art, Let's Dance! erscheint am 25. April bei Audiolith Records.



insgesamt 5 Beiträge
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handsome.devil 26.04.2014
1. Das Debütalbum...
...hieß "Lovers Arcade" und erschien schon 2012 auf Audiolith, wenn ich mich nicht irre.
republikix 26.04.2014
2. Kein Konto bei der deutschen Bank?
Das adelt die Jungs, wenn sich ein Unternehmen mit dem Ruf der Deutschen Bank, bekannt für seine große eingebildete Moral und Rechtschaffenheit, Integrität gepaart mit krimineller Energie pikiert ein Konto für die ach so bösen Buben bereitzustellen. Mein Respekt Jungs weiter so....
b_nutzername 26.04.2014
3. @republikix: Respekt für die Band...
weil die Deutsche Bank der Band kein Konto eingerichtet hat?
angst+money 26.04.2014
4. ...
Klingt wie MGMT für Arme - dann passt das ja mit dem Konto.
dudelsackgesicht 30.04.2014
5. mein gott....
.....ist das trist.
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