Funk-Legende Betty Davis Schwarze Madonna

Gnadenlos funky, beängstigend selbstbewusst, extrem sexy: Betty Davis war eine Vorkämpferin für moderne Pop-Diven von Madonna bis Beyoncé. Dank eines kleinen US-Labels sind die beiden wichtigsten Alben der Siebziger-Jahre-Ikone jetzt wieder erhältlich.

Von Thomas Winkler


Sie revolutionierte das Frauenbild ihrer Zeit, verhalf Miles Davis zu einem breiteren Musikgeschmack und dem Free Jazz zu einigen bitter nötigen neuen Einflüssen. Sie bereitete den Weg für Madonna oder Beyoncé, entwarf den Prototyp der selbstbestimmten Frau im Musikgeschäft und nahm nicht zuletzt einige der aufregendsten Schallplatten der siebziger Jahre auf. Mehr als drei Jahrzehnte später lebt Betty Davis, mittlerweile 62 Jahre alt, zurückgezogen in einer kleinen Wohnung in der Nähe von Pittsburgh, gescheitert, verbittert und nahezu vergessen von der Welt, ein weiteres Beispiel für die Ungerechtigkeit der Popgeschichte.

Die ersten beiden Alben der Funk-Diva sind nun wieder erhältlich. Sowohl das Debüt "Betty Davis" von 1973 als auch das ein Jahr später erschienene "They Say I'm Different" wurden sorgsam neu aufgelegt, mit liebevoll gestalteten Booklets und ausführlichen Liner Notes versehen. Jetzt ist sie also wieder zu hören, die Totaloperation, die Betty Davis dem Funk verpasste: Wieder stöhnt und spuckt, quietscht und faucht, kratzt und beißt sie sich durch Songs, deren textliche Offenheit nur von ihrer gesanglichen Radikalität übertroffen wird. Während sich eine Combo aus einigen der damals besten Studiomusikern durch schwerblütige, vom Blues geprägte Funk-Rhythmen pflügt, etabliert Davis in Stücken wie "Anti Love Song" oder "You Won't See Me in the Morning" das Bild einer sexuell selbstbewussten Frau, die Geschlechterrollen umkehrt und die in den Siebzigern vorherrschenden Frauenbilder zertrümmert. Im Vergleich wirken nicht nur die Bemühungen von Zeitgenossinnen wie Cher, sondern selbst die ihrer Nachfolgerinnen wie Christina Aguilera, Kelis oder Peaches fast handzahm. "Sie war die erste Madonna", sagt Carlos Santana.

Miles beflügelt, Betty am Boden

Betty Davis war eine Vorreiterin und musste die Konsequenzen dieser Rolle ertragen. Im Radio wurden ihre Songs nicht gespielt, vor Auftritten, die sie bisweilen im Negligé bestritt, hatte sie oft mit Boykottaufrufen christlicher Gruppen zu kämpfen. Schon ihr Lebensstil widersprach allen gesellschaftlichen Konventionen: Sie war befreundet mit Jimi Hendrix und Marc Bolan, Affären mit Hugh Masekela, Eric Clapton und Robert Palmer wurden ihr nachgesagt. 1966 heiratete sie, damals noch ein Model namens Betty Mabry, einen gewissen Miles Davis und machte ihn mit der Musik von Hendrix und Sly Stone bekannt. Die Ehe wurde nach nicht einmal einem Jahr wieder geschieden, aber den Einfluss seiner zweiten Frau auf sein Schaffen gab Miles Davis als stets nicht zu unterschätzen an. Noch 15 Jahre später nahm er das von seiner Ex-Frau inspirierte "Back Seat Betty" auf.

Zu diesem Zeitpunkt war Betty Davis' eigene Karriere schon wieder beendet. Drei Alben lang war sie ihrer Zeit voraus, der kommerzielle Erfolg blieb aus. Ein viertes blieb gleich im Giftschrank der Plattenfirma und wurde niemals veröffentlicht. Ein weitere Platte finanzierte sie 1979 selbst - sie floppte. Anfang der Achtziger verschwand sie von der Bildfläche, Gerüchten zufolge erlitt sie einen Nervenzusammenbruch. Das Musikgeschäft war noch nicht reif für ihre Ideen. Betty Davis wollte, ungewöhnlich für die siebziger Jahre, für schwarze Musik und erst recht für eine Frau, die totale Kontrolle über ihr Werk behalten. Sie rekrutierte ihre Bands selbst, darunter die legendären Bläser von Tower of Power, und für ihr zweites Album übernahm sie sogar den Produzentenposten.

Schatzsuche in Seattle

Über fast drei Jahrzehnte hinweg war Betty Davis nur als Zitat in HipHop-Tracks von Bewunderern wie Talib Kweli, Ludacris oder Ice Cube zu hören, die einzelne ihrer Songs gesampelt hatten. Ihr Werk war - wenn überhaupt - bislang meist nur in seltsamen Zusammenstellungen erhältlich, bis Light in the Attic die beiden ersten Alben neu herausbrachte. Das Plattenlabel ist in Seattle beheimatet und gräbt so geschmackssicher und ausdauernd in den Tiefen der Popgeschichte wie kaum ein anderes.

Betrieben wird Light In The Attic aus dem Souterrain eines unauffälligen weißen Hauses im eher beschaulichen Bezirk Phinney Ridge, wenige Meilen nördlich von Seattles Downtown. Hier ist man von der Hightech-Innenstadt, der Heimat von Microsoft, Amazon, Starbucks und Boeing, ebenso weit entfernt wie von der ehemaligen Grunge-Metropole, die Bands wie Nirvana hervorbrachte.

Die drei Teilhaber und bis zu drei Praktikanten von Light In The Attic drängen sich oft bis Mitternacht in zweieinhalb viel zu engen Kellerräumen, die auch noch als Lager dienen. Doch nach fast fünf Jahren rentiert sich die Selbstausbeutung: "Wir wachsen", sagt Gründer Matt Sullivan und meint auch zu wissen, woran das liegt: "Wir sind einzigartig, aber nicht nur in Seattle, sondern weltweit." Tatsächlich: Light In The Attic veröffentlicht Soul und Rock, Rap und Pop, aktuelle Bands und liebevoll gestaltete Re-Issues. Zum Label-Katalog gehört die von Kritikern verehrte psychedelische Hardrock-Band The Black Angels aus Texas ebenso wie eine Neuauflage des Soundtracks des legendären Blaxploitation-Pornofilms "Lialeh" oder die ersten Alben der Last Poets, die bereits in den frühen Siebzigern den Rap erfanden.

"Wir fühlen uns wie Forscher", erzählt Sullivan, "wir sind wie Bibliothekare, wir wollen die Vergangenheit bewahren". Dazu gehört viel Kleinarbeit, denn mit dem Aufspüren der vergrabenen Schätze ist es nicht getan. Es folgt ein oft enervierender Kleinkrieg mit Labels und Vertrieben, Nachlassverwaltern und Verwandten um Rechte und Tantiemen, unbezahlte Rechnungen und nie erfüllte Forderungen, bis ein Re-Issue erscheinen kann. Aber die Arbeit lohnt sich: So fanden die vergessene New Yorker Popband The Free Design auf Light In The Attic ebenso eine neue Heimat wie die britische Singer-Songwriterin Karen Dalton, die von einem Großteil der Nu-, Weird- und Strange-Folk-Szene unlängst als prägender Einfluss entdeckt wurde.

Und nun eben auch Betty Davis. Die lebt, nahezu mittellos, in ihrem Apartment in Homestead, einem Vorort von Pittsburgh, und musste von Sullivan erst mühevoll überzeugt werden, ihre Zustimmung zur Wiederauflage ihrer Platten zu geben. Nun kann sie immerhin auf ein paar Tantiemen hoffen. Vor allem aber fügen sich die liebevoll gestalteten Neuveröffentlichungen der Funk-Klassiker nahtlos ein in einen makellosen Label-Katalog, der nach vergessenen historischen Meilensteinen sucht, ohne die Gegenwart zu vergessen. Und da draußen gibt es noch viel mehr zu entdecken, sagt Sullivan, versunkene Schätze aus fernen Zeiten. Man darf gespannt sein.


Betty Davis: "Betty Davis", "They Say I’m Different" (Light In The Attic/ Cargo)



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