Reform von "Funkhaus Europa" Hitradio Dudelfunk

Noch senden auf "Funkhaus Europa" die DJ-Größen der globalen Musikszene, doch nicht mehr lange. Beim "Funkhaus Europa" des WDR werden 17 Sendungen gestrichen - sehr zum Frust der Moderatoren und Stammhörer.

WDR in Köln
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WDR in Köln


Es geht um Musik, doch es ist auch ein Kampf um Wörter.

"Kahlschlag" nennen die Gegner das, was beim interkulturellen WDR-Sender "Funkhaus Europa" passieren soll. Die Redaktion beteuert, es handle sich lediglich um ein "Update". "'Funkhaus Europa' bleibt das kosmopolitische Programm, das für Vielfalt steht", heißt es in einer Erklärung.

Der Flurfunk raunt von einem Psychokrieg hinter den Kulissen. Von Moderatoren, die angewiesen seien, vor dem Mikrofon fröhlich den Programmumbau zu preisen. Moderatoren, die nach Sendungsende weinend zusammenbrächen. Mitarbeiter sprechen von einem "ungeheuren Druck" seitens der Wellenleitung auf die Redaktion, damit niemand die Pläne öffentlich kritisiert.

Doch der Geist ist längst aus der Flasche, seit auf change.org eine Petition gegen den Umbau von "Funkhaus Europa" die 20.000er-Marke geknackt hat. Popmusiker wie Patrice und Gentleman beklagen die Wende in Richtung Dudelfunk. Wenn stimmt, was Kritiker fürchten, steht mit der Reform die Identität des einzigen öffentlich-rechtlichen Hörfunksenders mit einem globalen Musikprogramm auf dem Spiel.

"Spezielle Formate" mit "wenig Resonanz"

Noch senden auf "Funkhaus Europa" die DJ-Größen der globalen Musikszene. Der Berliner Produzent Daniel Haaksman spielt die neuesten Clubsounds von Brasilien bis Angola. Die britische DJ-Legende Gilles Peterson wühlt für den WDR in seinen Plattenkisten. Der Autor und Musiker Danko Rabrenovic gibt den "Balkanizer".

Eine unverzichtbare Farbe im öffentlich-rechtlichen Hörfunkprogramm? So sieht man es beim WDR nicht mehr. Die Musiksendungen, die in den Nachtstunden liefen, sollen verschwinden; insgesamt 17 Sendungen. Hauptmusikformat soll nun eine tägliche zweistündige Magazinsendung sein, in der die Musik aus der Rotation kommt.

Man habe sich entschieden, "die schrumpfenden Ressourcen nicht mehr in den reichweitenarmen Zeiten in der Nacht einzusetzen", heißt es in einem internen Schreiben von "Funkhaus Europa"-Programmchef Thomas Reinke, das SPIEGEL ONLINE vorliegt. Deshalb streiche man "einige sehr spezielle Formate weg, die aber - allen anders lautenden Behauptungen zum Trotz - nur wenig Resonanz hatten".

Rihanna und Justin Bieber zwischenschieben

Bislang war eine breite Resonanz eher nicht Sinn und Zweck von "Funkhaus Europa". Entstanden ist der Sender 1998 als Nachfolger der sogenannten "Gastarbeiterprogramme", die seit den frühen Sechzigerjahren ausgestrahlt wurden. Das Nischenprogramm sollte mit größtmöglicher Diversität der Einwanderungsgesellschaft Rechnung tragen. Es läuft im WDR-Sendegebiet, ist aber auch in Berlin und Bremen zu hören.

Nischen aber haben es offensichtlich deutlich schwerer, seit Valerie Weber vor zwei Jahren das Amt der WDR-Hörfunkdirektorin übernommen hat. Die ausgewiesene Privatradiofrau Weber hat ihr Handwerk bei Sendern wie dem Stuttgarter "Hit Radio Antenne 1" oder "Antenne Bayern" gelernt.

Bereits im Januar vergangenen Jahres erreichte eine sonderbare interne Weisung die Redaktionen von "Funkhaus Europa". Zukünftig solle das Musikprogramm zu mindestens 40 Prozent aus Charthits bestehen. Seither müssen die Macher von "Funkhaus Europa" Rihanna und Justin Bieber zwischen ihre globalen Musiken schieben, ohne dass es allzu eigenartig wirkt.

"Das hat massiv unseren Sound beeinflusst und uns viel Kritik seitens der Stammhörerschaft gebracht", sagt ein Moderator, der anonym bleiben möchte. "Wir spielen seither zum Beispiel viel weniger arabische Musik, weil das einfach schlecht mit den Chartsnummern zusammenpasst. Das Kalkül war wohl, dass es der Direktorin gefallen soll und eine bessere Quote erzielt."

Die hartnäckige Fangemeinde eines kleinen Nischensenders

Letzteres ist nicht aufgegangen. Ende Februar trudelten die neuen Media-Analysen in Köln ein, denen zufolge "Funkhaus Europa" an Hörern verloren hat. Vor Einführung der Charts-Regelung lag der Sender bei 0,8 Prozent, heute liegt er bei 0,7 Prozent im Hauptsendegebiet NRW. "Das ist für uns alle hier der Beweis, dass die Strategie fehlgeschlagen ist", sagt der Moderator. "Die Leute bekommen die Charts anderswo viel besser serviert."

Beim WDR begründet man die neue Programmreform, über die der WDR Rundfunkrat am Montag entscheiden soll, mit Sparzwängen. 2013 hatte Intendant Tom Buhrow ein empfindliches Kürzungsprogramm angekündigt. 100 Millionen Euro wolle man bis 2020 sparen, 500 Stellen fielen weg.

Rund 900.000 Euro pro Jahr habe sein Sender an Budget einbüßen müssen, so "Funkhaus Europa"-Chef Reinke in seinem internen Papier. Mitarbeiter bestreiten gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass die Einsparungen so hoch seien. Wenn die Zahl jedoch stimmt - die Pressestelle mochte über die Höhe der Sparmaßnahmen keine Auskunft geben - lässt der WDR seinen internationalsten Sender in der Tat stark bluten.

Ausgerechnet in Zeiten der Flüchtlingskrise mache der WDR eine der letzten Rundfunk-Plattformen für die Begegnung mit andersartiger Musik kaputt, klagen interne Kritiker. Offiziell verweist der WDR darauf, dass er als erster Sender bundesweit mit "Refugee Radio" ein tägliches Informationsformat auf Arabisch und Englisch gestartet habe. "Der WDR nimmt seinen Auftrag zur Vielfalt und Integration sehr ernst", heißt es auf der Webseite.

Falls sich der Rundfunkrat am Montag gegen das neue Programmschema für "Funkhaus Europa" entscheidet, wäre das eine echte Überraschung. Schließlich hat das Gremium erst vor zwei Jahren die umstrittene Programmchefin Weber inthronisiert. Allerdings hat offenbar auch niemand damit gerechnet, dass der kleine Nischensender mit der fremdartigen Musik eine so hartnäckige Fangemeinde hat.



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fireb 07.03.2016
1. Chartsender Nr. xxx4
wieder ein Sender mehr der nur Zeug spielt das in den Charts, und 'mega erfolgreich' ist weil es durch solche Dudel-Sender ständig gespielt wird. Zig-Millionen Lieder auf der Welt und doch bekommen wir immer nur ~50 pro Monat vorgespielt. Immer wieder. Monate lang. Selbst Sender die weniger Charts haben setzten viel zu wenig Lieder in die Rotation. Liegt das evtl nicht auch etwas an den Lizenzmodellen der GEMA?
Suppenelse 07.03.2016
2. Quotendruck im Öffentlich-Rechtlichen?
WENN ein Sender sich eigentlich nicht um Quotendruck scheren müsste, dann eine Welle des öffentlich-rechtlichen WDR. Aber leider spielen auch in den Hörfunk- und Fernseh-Redaktionen der ARD Quoten-Überlegungen eine offenbar immer stärkere Rolle. Glaubt man, so die (teils berechtigten, teils polemisch-stammtischartigen) Diskussionen um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland befrieden zu können? Ich fürchte, das Gegenteil wird der Fall sein.
16to 07.03.2016
3.
Ja, tatsächlich, wenn ich MainStream-Musik hören will, bietet mir der WDR nur EinsLive, WDR 2 und WDR 4, und zwingt mich dadurch, die "Besten Hits der 60'er, 70'er, 80'er, 90'er" und aktuelle Musik auf den privaten Kreis-Radios anzuhören. Es wird Zeit, daß ein fünfter MainStream-Sender zu diesem Unterangebot dazu kommt. Und wer will denn schon Musik hören, die nicht aus Deutschland, GB oder USA kommt? [Ironie Off ]
xfüru 07.03.2016
4. Dann eben...
...tagsüber WDR5 und nachts Internetradio. Den täglichen Werbe- und Dudelfunk gibt es doch überall bis zum Erbrechen.
Lisa_can_do 07.03.2016
5. erinnert an andere Sender
Ein Berliner Sender, der sich eigentlich dadurch auszeichnete, ein anspruchsvolles Programm mit toller Musik, respektive ohne die Lala-Mainstream-Musikke von Justin Biber und Co, hat einen neuen Musikchef/ Musikchefin und schon gibt es ähnliche Ansagen wie bei Funkhaus Europa: mehr Mainstream, möglichst keine Gay-Musiker - was bewegt also einen Musikchef dazu? Wohl Budget-Einsparungen - aber wer das gleichsetzt mit qualitativem Verfall ist dann eben der Falsche in dieser Position.
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