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Fußball-Fan DJ Hell: Ausruhen bis zum Finale

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Fußball und Musik liegen nahe beieinander, sagt DJ Hell. In beiden Fällen gehe es um Leidenschaft. Um diese im Prä-WM-Wahnsinn nicht zu verlieren, begibt er sich auf eine Bildungsreise zu den Kultstätten des brasilianischen Fußballs und ärgert sich über Andre Hellers Kulturprogramm.

Es sind schöne Aussichten, die ihm winken. Irgendwo am Strand wird schon ein Ball liegen, dann braucht es nur noch zweier Mitstreiter, um ein ordentliches Team aufzumachen. Noch immer ist DJ Hell, Deutschlands Star-DJ, für Strandfußball zu haben, das Alter (43) ist kein Hindernis; und wo in aller Welt lässt es sich schon besser kicken als in Brasilien?

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Ärgerlich ist allein, dass die Virtuosität der Einheimischen den meisten Europäern bald Grenzen aufzeigt. Doch das lässt sich durch Ehrgeiz wettmachen, zumindest teilweise, sagt Hell, bürgerlich Helmut Josef Geier. Er ist bereit, jede Herausforderung vom WM-Favoriten anzunehmen. Viereinhalb Monate lang wird er in Brasilien bleiben, unterbrochen allein von einem Ausflug nach Miami. Nur ein paar Auftritte werden es sein, die er geben wird, kaum etwas im Vergleich zu sonst, wenn es ihn bis zu 120 Mal im Jahr an den Plattenteller zieht. Hell entflieht dem Treiben in der Heimat. Die Pause, die sich Hell von Deutschland verordnet, ist auch eine Pause von einem Land, das sich gerade für die WM heißläuft.

Der transatlantische Ausflug ist nebenbei ein kontemplativer Trip hin zu den Wurzeln des brasilianischen Fußballs, eine Bildungsreise für wahre Aficionados. Einen Ausflug zum Grab von Garrincha hat er sich fest vorgenommen, mit ausgesuchter Lektüre ist er bestens präpariert. "Futebol" von Alex Bellos avancierte zum Lieblingsbuch, der Mythos des Rechtsaußen Garrinchas, mit dem Brasilien niemals verlor, wenn Pelé an seiner Seite stürmte, hat es ihm angetan: "Alles, was ich über ihn weiß, ist ja mündliche Überlieferung. Ich habe noch nie Bilder von ihm gesehen."

Vielleicht legen die Monate ja auch ein wenig Distanz zwischen ihn und die Erwartungen an das deutsche Team. Nicht weiter als ein sensationell gutes Turnier erwartet Hell, dafür ist er Fan genug. Die WM, so viel ist ihm klar, beginnt eben nicht erst mit dem Eröffnungsspiel, der DJ trifft auf seine Weise Vorbereitungen. Sein neues Album wird er vorher nicht veröffentlichen. Er musste nicht sehr lange überlegen, um zu dem Schluss zu kommen, dass es keinen Sinn ergibt, dass "die WM sowieso alles überschatten wird. Da ist doch alles vergebene Mühe."

So muss sich die Anhängerschaft an Bewährtem festhalten. Erst kürzlich erschien eine Werkschau aus den Jahren von 1992 bis 2005 unter dem Titel "Größenwahn", die einmal mehr zeigt, warum der einstige Münchner, der inzwischen in Berlin Quartier bezogen hat, zu den globalen Marktführern des Gewerbes am Turntable zählt. Bloss keine Missverständnisse: Sobald die DFB-Elf ins Turnier einsteigt, wird er dabei sein. Fußball und Musik konkurrieren für ihn nicht miteinander, beides gehört für ihn zusammen, und der Nenner, sagt Hell, ist schlicht und ergreifend Enthusiasmus, weswegen er noch immer regelmäßig bei Freizeitturnieren anzutreffen ist. Denn Fußball, "das ist Herzblut, das ist Leidenschaft, da muss es zur Sache gehen."

Unkompliziert soll die WM für ihn sein. Seine Booking-Managerin hat er gebeten, nach Möglichkeit keinen einzigen Termin in die WM-Phase zu legen. Allenfalls besonders herausragende Auftritte hätten eine Chance. Sie wird wohl viele Absagen schreiben müssen. Hell will jede Minute während der vier Wochen zur freien Verfügung haben, nach Möglichkeit jedes Spiel anschauen. Karten hat er keine, denn die Erfahrung hat ihn gelehrt, "dass am Ende irgendwer immer eine Karte hat und ich in Portugal sogar im Endspiel war." Und natürlich ist eines der maßgeblichen Ziele in diesem Jahr, am 9. Juli wieder im Finale zu stehen, ganz gleich, wer die Karte nun organisiert.

Als offizieller Teilnehmer wäre es einfacher gewesen. Aber er hatte keine sonderliche Lust, sich ins Kulturprogramm der WM einzubringen. Da seine Hingabe zum Fußball derart ausgeprägt ist, wundert es nicht, dass sein Name auch bei den Münchner Beiträgen zum Kulturprogramm fiel. Hell war jedoch skeptisch, ob eine DJ-Performance im Stadion gelingt, wenn diese noch in bayrischem Volksgut münden soll: "Ich konnte mir so einen Auftritt im Stadion einfach nicht vorstellen."

Aus der Ferne beobachtete Hell die Diskussionen um das Programm, das mit viel Getöse von André Heller inszeniert wird. Ausgerechnet ihn, den Global Player, ärgert Hellers internationale Zusammenstellung, gewissermaßen eine Kultur-Expo, die allerlei große Namen präsentiert: Brian Eno soll den Eröffnungssong komponieren, Peter Gabriel das musikalische Programm verantworten. Doch Hell ist skeptisch. Nichts habe er gegen Gabriel und Eno, geschätzte Kollegen seien die, doch wenn schon Deutschland WM-Gastgeber ist und sich ein derart aufwendiges Programm aufbürdet, dann sollen doch wenigstens hiesige Künstler auf der Bühne stehen, dann soll "bitteschön auch der Herbert Grönemeyer den Eröffnungssong komponieren und vortragen."

Auch wäre nichts einzuwenden gewesen gegen einen wie Robbie Williams, den es zur WM nach Deutschland zieht und der es als Aficionado zwar nicht ganz mit Hell aufnehmen kann, dessen Faible für Fußball aber noch immer hinreichend genug verbürgt ist. Dem Briten hat der DJ zumindest den Standortvorteil voraus: Eigentlich wollte Williams Anfang Juli nach Deutschland kommen, musste aber feststellen, dass ein Stadion noch schwieriger zu bekommen war als ein Hotelzimmer.

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