Selbstmacher Fynn Kliemann "Kacke" brüllen, neu lackieren

Er ist Handwerker, Werber, Musiker, Hofbesitzer - und noch vieles mehr: Fynn Kliemann hat "Do it yourself" zum Lebensprinzip gemacht, Hunderttausende schauen ihm im Netz dabei zu. Warum?

Brian Jakubowski/ Kliemannsland

Nur nicht wieder Natronlauge einatmen. Eben dachte er schon, er hätte sich die Lunge verätzt. Mit schnellen Hieben streicht Fynn Kliemann die Lauge über die Holzplatte. Daraus soll der beste Tisch der Welt entstehen - sagt er. Bloß lösen sich statt des grünen Lacks seine Handschuhe auf. Und sein Hut gleich mit. Fynn Kliemann springt weg vom Tisch, der noch einiges vor sich hat, will er mal der beste der Welt werden.

Zweieinhalb Jahre und über eineinhalb Millionen Klicks ist das Video alt. Was seitdem passiert ist? 780.000 YouTube-Abonnenten, eine eigene Sendung bei funk, dem jungen Programm von ARD und ZDF, drei Preise, darunter eine "EinsLive"-Krone, über drei Hektar Land mit Hof, eine Plattenfirma, ein Buch, ein Antiquitätenhandel, ein Designlabel, ein Album und das Hausboot von Gunter Gabriel, das Kliemann gemeinsam mit Olli Schulz für 30.000 Euro kaufte. "Alles wird aus Versehen ein Job", sagt Kliemann und schiebt seine Mütze die Stirn hoch, "ich habe keine Hobbys."

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Fynn Kliemann: Wie schafft der das?

Ein Besuch bei dem 28-Jährigen in seiner Heimat, auf dem Land zwischen Hamburg und Bremen: rote Backsteinhäuser, Acker, der Schulbus schleicht zwei Mal am Tag durch die Dörfer, sonst brummen Traktoren. Hier in Rüspel, um die 200 Einwohner und nochmal so viele Kühe, entsteht das Kliemannsland, realer Ort und virtuelle Sendung zugleich. Digitale Aussteigerutopie schmiegt sich an Astrid Lindgrens Bullerbü. Fynn Kliemann, das ist ein Lebensgefühl: Rost abkratzen, Stück dran schweißen, "Kacke" brüllen, neu lackieren. Die Millenial-Sehnsucht nach Autarkie, nach Dorf, Freiheit und Opas Selbstgebranntem - sie wird nirgendwo so gut bedient wie hier.

"Ich hasse dieses Wort, Kommune, da denkt man gleich, dass hier alle in gebatikten Unterhosen abhängen und kiffen", sagt Kliemann, lässt die langen Glieder an einem Holzstuhl herabhängen und lacht heiser. "Dabei ackern hier doch alle. Es ist ein Ort voller Macher." Online kann man ihm und seinen Mitarbeitern beim Machen zusehen: Zwischen 600.000 und über eine Million Aufrufe erzielen die Videos seines YouTube-Kanals - sie heißen etwa "Scheune abreißen", "Teich baggern", "Bier brauen".

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Seit Kliemann den Bauernhof - sieben Gebäude und viel Land drumherum - gekauft hat, "zum Scheiße bauen, Raketen hochjagen, Scheunen umballern und so", sind 15 Mitarbeiter dazu gekommen, Eventmanager, Produzenten, Redakteure, Helfer. Einige wohnen mittlerweile auf dem Gehöft, ihre bunten Trailer im Garten neben Gemüsebeet und Schwimmteich. Es gehört zum Charme, dass alle so wirken, als setzten sie hier endlich ihre letzte Kneipenidee um.

Auf den ersten Blick erfüllt Kliemann auch ein Stereotyp neoliberaler Ideologie, platt gesagt: Will einer etwas schaffen, muss er es schon selbst tun. Will man einen Teich, muss man ihn schon selbst baggern. Und will man die Scheune abreißen, muss man eigens die Abrissbirne schwingen. Gleichzeitig funktioniert das Dorfleben aber auch einfach genau so - wo es wenig gibt, hängt vieles von der eigenen Schaffenskraft ab.

"Man büßt an vielen Stellen ein"

"Alles hat Regeln, Rahmen, Zäune. Aber hier ist alles frei. Jeder kann machen, was er will. Ich glaube, die Welt braucht einen Ort wie diesen", sagt Kliemann. Das klingt pathetisch. Gleichzeitig gibt der Erfolg Kliemann recht: 48.788 Menschen haben sich mittlerweile auf der Homepage als Bürger und Bürgerinnen des "kreativen Freistaats" registriert. Veranstaltet Kliemann einen Markt, muss das ganze Dorf abgesperrt werden, weil so viele teilhaben wollen.

"Wenn man sagt, dass das alles nur geil ist, ist das gelogen", sagt Kliemann. "Man büßt an vielen Stellen ein: Ich habe kein Wochenende, mache keinen Urlaub, arbeite von morgens bis abends und schlafe wenig. Aber das habe ich mir selbst aufgebrummt. Anscheinend brauche ich das." Bloß spüren lässt er das seine Follower nicht. "Du bist ein Typ, mit dem man gerne mal ein Bier trinken gehen möchte" hat mal jemand unter ein Video geschrieben. Es scheint, er ist einer wie alle. Und alle sind wie er. Oder wollen es gern sein.

Kliemannsland
Brian Jakubowski/ Kliemannsland

Kliemannsland

Natürlich ist diese vermeintliche Normalo-Nähe auch Prinzip. Kliemann ist ein Medien- und Marketingprofi. Nach seiner Ausbildung zum Mediengestalter hat er eine Werbeagentur gegründet. Die gibt es noch heute. Sie ist der Brotjob, mit dem er all die anderen Projekte finanziert, sagt er. Ob er den wirklich noch braucht?

Mit "Nie" hat Kliemann im September sein erstes Album auf den Markt gebracht. Eine gute Popplatte, weil Kliemann eine markante, heisere Stimme hat, die häufig mit der Henning May von AnnenMayKantereit verglichen wird, und Texte schreibt, die so einfach sind, dass man sie schnell behält. Und auf eine gerade Art so schön, dass man sie gern behält.

Weil die CD auf keinem Grabbeltisch vergammeln sollte, entschied er sich zu einer Aktion, die auch ein ziemlich guter Marketingtrick ist: Es sollen nur so viele Platten gepresst wie vorbestellt werden, danach soll das Album nie wieder physisch erhältlich sein. 96.434 Menschen haben sich darauf eingelassen. Ein Absatz, von dem Majorlabels träumen. Wer die Platte heute doch noch haben will, muss etwa 200 Euro in die Hand nehmen - und Second-Hand kaufen.

"Es ist, als fährst du das ganze Jahr mit Vollgas und hinter dir ist eine riesen Bugwelle, die immer größer wird", sagt er jetzt. Nicht so, dass er Angst vor einem Tsunami hätte. Wahrscheinlich würde er ja darauf surfen. Und aus dem Hinfallen einen Internethit machen.



insgesamt 17 Beiträge
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LauraD 13.01.2019
1. Sympathisch
Nur das eigentlich Neue kann ich, abgesehen von der geschickten Netz-Vermarktung, nicht so richtig entdecken: In meiner ostfriesischen Heimat (also noch ein bißchen weiter links auf der Karte ;) sieht im Grunde jeder große Hof so aus. Nur, daß da das Geld mit dem Hof und nicht mit einer sponsorenden Werbeagentur im Hintergrund verdient wird ;) Trotzdem: Wenn durch solche Videos wieder ein paar Leute mehr einen Bandschleifer bedienen oder selber Kerzen wechseln können - super! Gerne mehr davon, zumal ich hier im Spiegel kürzlich gelernt habe, daß man sich aufgrund wählerischer Handwerker am Sinnvollsten auch seine Fliesen selber legt... :D
anna.kronismus 13.01.2019
2. nett/gut/fein/brav!
Da hat er aber Glück , daß sich bei ihm Kreativität mit dem Instinkt paart , Geld zu verdienen. Mein Cousin bot mir mal einen höchst günstigen Transit an -- aus Betriebsübernahme. Nein, sagte ich ... ich brauch nen Passat . Dass ich mir mit dem Transit deren 2 hätte kaufen können , wurde mir erst Jahre später klar. I hab schon geschmiedet/Kachelöfen gebaut-restauriert/gemauert/verputzt (..alles rund und Oberflächen wie vor 300 Jahren/ Häuser restauriert ( zum Wohlgefallen vom Denkmalsamt ) --auch als Bauleitung , ...Parkettfußböden/Fenster/Türen/Fachwerk usw. Nennt sich handyman. Beruht auf hohem Handlungs -IQ. Ausbildung dazu hab i keine. Schauen,helfen,fragen,nachmachen. Punkt. Meinen Bus-Lkw reparier ich selber . Das spart ! Allerdings : ohne die Fähigkeit daraus Kohle machen zu können , ists als gutmütiger Depp, vielfältig sozial Engagierter und Geschäfte mit Handschlag Abschließender dann heftig schwierig , die eigene Familie zu versorgen (4 Kinder ) . Die Jagd nach dem täglich Brot nimmt viel von der Zeit, die man zum Spintisieren--Kreativen bräuchte. Und es kann auch eine Last sein : Kaufen ?? Nee-- Quatsch .. das mach ich selber ! Der Dreh , Dritte einzuspannen , gelang mir selten : " was zahlscht ? " Ja mei .. so isches halt . Viel weiteren Erfolg für den Beschriebenen wüsch i.
IntelliGenz 13.01.2019
3. ich kann auf keinem
der Fotos erkennen, dass er irgendeine Art von Handwerk beherrscht. Statt dessen pinselt er ein Trümmerstück türkisgrün an (sinnloses Tun!) oder steht mit der türkisblauen Farbe im Eimer (werbewirksamer Farbton?) vor einer unverputzten Mauer aus Isopor-Beton. Wenn er die unverputzt ansteicht, ist er weder Alleskönner noch Handwerker, sondern ein kleiner Rumpfuscher. Apropos: auch ich habe schon mit 15 anderen "Mitstreitern/Künstlern/Schaffern/ Machern" 12 Jahre lang auf einer Art Hof inklusive einer alter Fabrik gewohnt. Also nichts wirklich Neues, sondern nur die "Sturm- und Drang"- Lebensphase eines ansonsten ganz normalen jungen Mannes und ähnlich getakteter Suchender
rudolfsikorsky 13.01.2019
4. Zu Kommentar 3
Oder das mit den Handschuhen und der Lauge , ha ha ha . Aber man sollte nicht so streng sein , ist halt ein " gelernter " Mediengestalter.
rudolfsikorsky 13.01.2019
5.
Lernt man mit 12 jahren den Umgang mit Langen und Beizen nicht im Werkunterricht ? Gibt es an den Schulen etwa kein Werkunterricht?? Fragen über Fragen.
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