Konzert zu G20 "Wir werden euch so richtig durchbelohnen"

Wer beim "Global Citizen Festival" in Hamburg Coldplay, Grönemeyer, Pharrell und Co. sehen wollte, musste Engagement nachweisen. Das wurde am Konzert-Abend unterschiedlich ernst genommen.

AP

Als Pharrell Williams bei seinem letzten Lied auf dem "Global Citizen Festival" einige Menschen aus dem Publikum auf die Bühne holt, schließt sich in gewisser Weise der Kreis. Denn an diesem Abend stehen nicht die Stars im Mittelpunkt, sondern die Besucher. Ihnen, "den Weltbürgern", gehört das Rampenlicht. So zumindest die Botschaft der vielen Prominenten, Politiker und Musiker, die bei diesem Festival für Demokratie auftreten.

Und das Publikum hatte es auch verdient. Es war immerhin ein langer und beschwerlicher Weg bis hierher. Gespickt mit Aufgaben und Hindernissen.

Das "Global Citizen Festival", das sich selbst als Aktionsplattform für eine globale Generation junger Menschen bezeichnet, welche die drängendsten Herausforderungen der Welt bewältigen wollen, fand in der Hamburger Barclaycard Arena statt, neben dem Volksparkstadion des HSV. Eigentlich mit der S-Bahn leicht zu erreichen. Doch wenige Stationen vor dem Ziel sehen sich alle Konzertbesucher gezwungen, auszusteigen. Laut dem S-Bahn-Fahrer sind "Demonstranten" auf dem Weg zur Station nahe dem Stadion. Man werde sie also nicht anfahren.

Um welche Demonstranten es sich handelt, ist dieser Tage in Hamburg nicht ganz klar. Es wird viel demonstriert - parallel zu den Auftritten von Coldplay und Shakira ist in St. Pauli die "Welcome to hell"-Demo der G20-Gegner angekündigt.

Das merkwürdige Verhalten der Weltbürger von heute

Die "Global Citizens" machen sich also zu Fuß auf den Weg Richtung Arena. Nach zwanzig Minuten in der Sonne erreicht der Tross endlich eine Busstation. Da sind die Nerven der Konzertbesucher schon leicht angekratzt - man droht schließlich die Pre-Show zu verpassen. Sie drängen sich in den Bus. Ein junger Vater mit Kind auf dem Arm sagt, er müsse mit seinem Kinderwagen noch aussteigen. "Könnte schwierig werden", kommentiert ein verschwitzter Globalbürger und bleibt einfach im Weg stehen.

Ein anderer trinkt, nachdem er aus dem Bus raus ist, gierig seine Wasserflasche leer und schmeißt sie einfach gegen einen Baum. Die Müllcontainer sind genau einen Meter entfernt. Egal, bis zum Ziel sind es nur noch ein paar Minuten.

Fotostrecke

16  Bilder
"Global Citizen"-Konzert vor G20: Das Gute leben

Im Inneren eröffnet Barbara Schöneberger die Show. Zur Unterstützung hat sie Florian David Fitz dabei. Die beiden versichern den Zuschauern: "Wir wollen mit euch feiern und wir wollen euch feiern." Mit ihren Aktionen hätten die Zuschauer erreicht, dass die Mächtigen der Welt ihnen zuhören. "Wir werden euch so richtig durchbelohnen", verspricht Schöneberger.

Nach einem kurzen Intermezzo, in dem erst Olaf Scholz (verhaltender Applaus) und dann Kanadas Premierminister Justin Trudeau (bedeutend mehr Applaus) den Leuten sagen, wie wichtig ihr Engagement ist, beginnt endlich der musikalische Teil des Abends: Coldplay betreten die Bühne und spielen diesen weichen Stadionrock, der wie kein Zweiter geeignet ist, beim Publikum ein diffuses Gemeinschaftsgefühl herzustellen.

Fünf Minuten "Engagement"

Die Halle ist mit 11.000 Zuschauern nicht voll besetzt, was seltsam ist, handelt es sich beim "Global Citizen Festival" doch um ein Gratiskonzert. Und da kommt das viel erwähnte Engagement ins Spiel. Um sich für die Verlosung der Karten zu qualifizieren, musste man sich auf der offiziellen Webseite registrieren und spezielle Aufgaben erfüllen, zum Beispiel Petitionen unterschreiben. Teil der Aufgaben war auch "irgendwelche Politiker antwittern", sagt eine junge Studentin. Sie kann sich nicht mehr erinnern, um welche Politiker es sich gehandelt hat. Wie auch? Die Aufgaben auf der Webseite waren in fünf Minuten erledigt, sagt sie.

Ein anderer Konzertbesucher, ein junger Mann, der gerne Steuerberater werden will, erinnert sich noch an eine Aktion. Man sollte bei der italienischen Botschaft in Berlin anrufen und etwas zur Flüchtlingspolitik der italienischen Regierung auf den Anrufbeantworter sprechen. Auf der "Global Citizen"-Website hätte man nur seine Nummer angeben müssen, dann sei man angerufen worden ("damit keine Kosten entstehen") und die Verbindung zur Botschaft sei hergestellt worden. Wie findet man die richtigen Worte für eine solche Botschaft? Gar nicht, die Webseite von "Global Citizen" gibt sie einem vor.

Auf das ganze Lob angesprochen, mit dem Schöneberger und Co. ihn als Weltbürger heute Abend überschütten, grinst er verschmitzt: "Ich sag mal, so die Hälfte der Leute ist nicht wegen der Sache hier." Er selbst ist vor allem wegen Coldplay gekommen. Aber wenn das Ziel der Aktion ist, dass Menschen von gewissen Themen hören, Klimawandel, Menschenrechte, dann hätte das schon geklappt.

Grönemeyer will einfach nicht aufhören

Inzwischen steht Andreas Bourani auf der Bühne und bedankt sich beim Publikum. "Chris Martin hat es ja eben schon gemeint: Es ist wichtig, dass ihr weiter aktiv seid", sagt Bourani und fordert das Publikum auf, laut mitzusingen. "Die ganze Stadt soll euch hören."

Der Rest der Stadt hat da gerade allerdings etwas anderes zu tun. Zur selben Zeit geht die Polizei mit Wasserwerfern und Pfefferspray gegen die Anti-G20-Protestler am Fischmarkt vor. Man kann davon ausgehen, dass die Message aus der Arena dort nicht angekommen ist.

Es folgen dann Auftritte von Pharrell, Ellie Goulding, die atemlos immer wieder das Wort "honor" ins Mikrofon haucht und sich mit den Worten verabschiedet: "Danke, ihr tut etwas Unglaubliches." Dann folgt Lena, die leider nur Zeit für ein Lied bekommt (unfair!). Außerdem treten auf: Sigmar Gabriel; der Präsident der Weltbank, Jim Yong Kim; ehemalige Minister und amtierende Regierungschefs; Ärzte aus Liberia; Flüchtlinge aus Syrien. Sie alle haben ehrenhafte Anliegen - und zum Teil komplizierte Zahlen und Konzepte - das Publikum kommt also nicht ganz mit. Aber zumindest kennt es seine Rolle und klatscht an den richtigen Stellen. Das viele Lob war also nicht umsonst. Die Weltbürger verhalten sich professionell. Sie bekommen dafür aber auch gesagt, dass sie qua Anwesenheit praktisch die Welt retten: "You are the leaders of today."

Als Letztes tritt dann Herbert Grönemeyer auf, versingt sich bei seinem ersten Lied ordentlich, legt ein Duett mit Chris Martin auf Deutsch hin und spielt zur Freude der Hardcore-Fans noch seinen Klassiker "Alkohol". Und dann noch einen Song, und noch einen, und noch einen. Grönemeyer hört einfach nicht auf. Nach jedem Lied ist man bereit aufzustehen und zu gehen - und Grönemeyer legt noch einen nach.

Kurz bekommt man den Eindruck, dass das "Global Citizen Festival" vielleicht niemals endet. Das der Kampf für eine bessere Welt ewig weitergeht, einfach, weil er sich so toll anfühlt.



insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
cobaea 07.07.2017
1. seltsam
Was ein merkwürdiger Bericht über ein Konzert, wenn zwar Lena und Bourani darin vorkommen, aber eine Stunde Konzert mit Shakira noch nicht einmal am Rande erwähnt wird. Deren soziales Engagement dürfte aber wesentlich bekannter sein als jenes von Lena oder Pharell Williams.
romeov 07.07.2017
2. Marketing Tool
...da die Inhalte fehlen und die Musik eh austauschbar ist, versucht man für viele Künstler jetzt über Themen "Inhalt" zu generieren. Also gibt man sich jetzt engagiert, politisch, schwul, lesbisch, um entsprechend Präsenz in den Medien zu bekommen. Gerade in Deutschland zieht das ungemein, weil Musik um der Musik Willen, kann es hier nicht geben.
Stäffelesrutscher 07.07.2017
3.
Scholz? Gabriel? Trudeau? Der Weltbank-Chef? Erbarmung.
streckengeher 07.07.2017
4.
Zitat von cobaeaWas ein merkwürdiger Bericht über ein Konzert, wenn zwar Lena und Bourani darin vorkommen, aber eine Stunde Konzert mit Shakira noch nicht einmal am Rande erwähnt wird. Deren soziales Engagement dürfte aber wesentlich bekannter sein als jenes von Lena oder Pharell Williams.
Nicht wirklich seltsam. Der Autor nutzt das für ihn offenbar nicht so spannende Thema, um zwischen den Zeilen seine musikalischen Vorlieben zu bedienen. Wen er mag, bekommt Würdigung und warme Worte (unfair!), wen er nicht mag, wird ignoriert oder auf pseudospassige Art niedergemacht (Nach jedem Lied ist man bereit aufzustehen und zu gehen). Gönnen Sie ihm die Freiheit, auch wenn es nicht die vollendet feine redaktionelle Art ist.
herm16 07.07.2017
5. na,
das ist, wirklich wieder mal eine Chance sich wichtig zu machen. Was wäre denn, wenn die "Stars" mal gegen Gewalt aufrufen
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.