Gabi Delgado und Frittenbude "Im Leben ist es das Geilste, die guten Dinge zu geben"

Kann man mit Pop die Welt retten? DAF-Sänger Gabi Delgado und die Band Frittenbude veröffentlichen neue Alben. Wir haben die Musiker aus zwei Generationen an einen Tisch gesetzt - und über deutsches Lebensgefühl 2015 gesprochen.

Ein Interview von

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Gabi Delgado sieht aus, als könnte er gleich wieder den Mussolini tanzen. Die Klamotten schlicht, die Gesten ausladend. 57 Jahre alt, sportlich. "Die Drogen haben mich konserviert", sagt er und setzt sich an den Tisch eines Restaurants mitten in Berlin, jener Stadt, in der Delgado die erste deutsche House-Party geschmissen hat. Das war 1986, ein paar Jahre nachdem er als Sänger der Band Deutsch-Amerikanische Freundschaft den Punk mit elektronischen Mitteln fortgesetzt hatte. Heute lebt er in seinem Geburtsland Spanien, macht immer noch Musik. Immer noch düster, immer noch reduziert. Sein neues Album "2" erscheint am 14. August.

Die Band Frittenbude: Martin Steer, Johannes Rögner und Jakob Häglsperger (v.l.)
Paul Aidan Perry

Die Band Frittenbude: Martin Steer, Johannes Rögner und Jakob Häglsperger (v.l.)

Martin Steer, Johannes Rögner und Jakob Häglsperger, die sich Frittenbude nennen, setzen sich zu Delgado. Die Klamotten bunt, die Gesten zurückhaltend. Alle um die 30. Für Frittenbude war der Weg kurz, sie leben in Berlin, nachdem sie ihre Band 2006 in Bayern gegründet haben. Frittenbude denken mit ihrer Form von Elektroclash weiter, was Delgado mit DAF begonnen hat. Ihr viertes Album "Küken des Orion" erscheint am 21. August.

Delgado ist vor einigen Jahren wieder auf die Bühnen zurückgekehrt, weil er, so hat er es damals gesagt, klare politische Aussagen in der Independentszene vermisst habe. Wie Delgado positionieren sich Frittenbude immer wieder politisch. Aber wie wichtig ist Politik heute überhaupt noch in der Popmusik?

Delgado: Politik ist halt wie das Wetter. Mal regnet es, mal scheint die Sonne. Oder stell dir vor, du gerätst in einen Tornado. Politik ist immer im Hintergrund und schafft viele Rahmenbedingungen. Sie kann dein Leben ändern. Zum Schlechten oder zum Guten.

Rögner: Politik ist meistens der Ausgangspunkt. Sie weckt in dir den Drang, etwas zu tun.

SPIEGEL ONLINE: War das bei Frittenbude so?

Rögner: Wir haben Frittenbude nicht gegründet, um politisch aktiv zu sein, sondern weil wir Bock hatten, Mucke zu machen. Da wir politische Menschen sind, ist das Teil unserer Musik.

Delgado: So ist das: Man macht Musik, um Musik zu machen. Doch dann eckt man plötzlich an, weil man etwas nicht gut findet. Dann wird's politisch. Aber im Grunde ist alles politisch.

Häglsperger: Wir haben einen Freund, der aus Afrika kommt und abgeschoben werden sollte. Er hat in Österreich als Sozialarbeiter gelebt und seinen Teil zur Gesellschaft beigetragen. Es wurden Unterschriften für ihn gesammelt, und wir haben das auf unserer Facebook-Seite gepostet. Letztlich wurde seine Abschiebung verhindert. Da habe ich geschnallt: Krass, du kannst was bewegen.

SPIEGEL ONLINE: Das sind Aktionen um die Musik herum. Aber kann Musik an sich dazu beitragen, eine Gesellschaft zu ändern?

Rögner: Aus politischen Gründen wird sie im Endeffekt gemacht, aber ob das dann auch ankommt? Vielleicht gefällt dein Track ja einem Nazi.

Delgado: Man kann natürlich auch versuchen, eine Hymne zu schreiben. Doch es ist immer die Bewegung, die sich ihre Hymne sucht. Ich würde auf keinen Fall sagen, dass reine Musik eine Gesellschaft ändern kann. Mit der Verbindung von Musik und Text kann man Sachen beschreiben, die Wirklichkeit zeigen oder Leute zum Nachdenken bringen. Aber ich kenne kein Lied, das eine Revolution ausgelöst hat.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt Musik dann?

Delgado: Als ich ein Kind war, hat sich die ganze Jugendkultur über Musik definiert. Wir haben unser ganzes Taschengeld für Musik ausgegeben. Man hatte irgendeine Jeans, irgendeinen Parker - und hat sich Platten gekauft. Die Kids heute haben ihre Smartphones, ihre Videospiele, ihre Modelabels. Die haben ganz andere Möglichkeiten, ihre Identität zu definieren. Musik ist tendenziell unwichtiger geworden.

Häglsperger: Ich frage mich aber auch: Kann zum Beispiel Techno, der ja oft ohne Text auskommt, politisch sein? An sich überträgt die Musik ja nur ein Gefühl. Es ist die Bewegung, die das politisch macht. Wie auch bei Richard Wagner: Wenn du das Drumherum nicht kennst, kannst du keine politische Message raushören.

Delgado: Beim Techno ist es schade, dass die Millionen bei der Love Parade nicht zum Bundeskanzleramt marschiert sind: "Wir übernehmen jetzt die Macht!" Mensch, das wäre so geil gewesen. Stattdessen Friede, Freude, Eierkuchen. Eine Generation fordert Revolution und will die ganze Welt verändern. Die nächste will nur ihr Wochenende verändern und am Montag wieder beim Job in der Bankfiliale sitzen.

SPIEGEL ONLINE: Und wo würden Sie die heutige Jugend einordnen?

Delgado: Ich denke, dass zurzeit wirklich eine neue Generation entsteht. Aber das hat weniger mit Musik zu tun als mit dem Internet. Es gibt mehr und mehr die Forderung, dass man außerhalb der Parteien Menschen an politischen Prozessen beteiligt. Mit den neuen Technologien ist es so einfach, Leute, die nicht organisiert sind, viel öfter mal nach ihrer Meinung zu fragen. In anderen Ländern ist das stärker verbreitet als in Deutschland. Hier steht im Grundgesetz, die Parteien seien für die politische Meinungsbildung verantwortlich. So ein Schwachsinn.

SPIEGEL ONLINE: Eine Zeile von Frittenbude lautet: "Hallo Deutschland, du fühlst dich immer noch so deutsch an." Wie fühlt sich Deutschland 2015 an?

Delgado: Deutschland ist extrem wertkonservativ.

Rögner: Und wie.

Delgado: Warum werden Leute wie Helmut Kohl oder Angela Merkel immer wiedergewählt? Weil die schon da sind: "Bloß keine Experimente! Komm, die Merkel soll's weiter machen. Da wissen wir immer, was wir haben." Eine seltsame Unlust an Experimentierfreudigkeit.

Rögner: In Bayern sagt man auch: "Kenn ich nicht, mag ich nicht." Das kann man auf Deutschland ausweiten.

Delgado: Was der Bauer nicht kennt und so weiter.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt diese Unlust, die Sie ausmachen?

Delgado: Überall wird den Leuten so ein Horror gemacht. Vor Islamismus, vor Alltagsarmut, vor der Krise. Die Leute haben immer mehr Angst, sie werden vorsichtiger. Und sind dadurch auch immer leichter zu kontrollieren. Wenn du Angst hast, nimmt die Risikobereitschaft ab. Es sei denn, die Angst ist so groß, dass du verzweifelst, dann nimmt sie wieder zu. Aber so weit ist es noch nicht.

Rögner: Den Leuten wird die ganze Zeit gezeigt, wie schlecht es überall außen herum aussieht. Und dann heißt es: Die Kuppel über Deutschland soll bitte bleiben und die Ausländer da, wo sie sind.

Delgado: Es ist auch typisch, dass in den Städten, die nicht mal fünf Prozent Ausländeranteil haben, Pegida am beliebtesten ist. Es ist immer die Angst, die die Menschen hemmt. Oder zum Thema Griechenland wird hier dauernd wiederholt: "Die Griechen schulden uns dies und das!" Nur: Geiz ist eben nicht geil. Großzügigkeit ist geil.

SPIEGEL ONLINE: Herr Delgado, Sie haben in letzter Zeit nicht mit Stücken gegeizt: Zusammen mit Ihrem neuen Album "2" haben Sie seit vergangenem Jahr 62 Tracks veröffentlicht. Wirkt das nicht überfordernd in einer Zeit, in der die Menschen eher einzelne Songs als Alben hören?

Rögner: Das ist auf jeden Fall eine Bank.

Steer: Hat Aphex Twin ja ähnlich gemacht. Der hat letztens 80 Tracks auf Soundcloud geballert.

Häglsperger: Ich finde es schon wichtig, dass das überschaubar bleibt. Das erschlägt einen sonst. Vor allem heute, wo es so leicht ist, dass alle was machen können. Die Schwierigkeit ist es, da herauszustechen.

Rögner: Aber du hast als Fan auf jeden Fall erst mal was, womit du dich beschäftigen kannst. Es gibt ja immer die Tracks auf einem Album, die man zuerst hört, die Lieblingstracks, und irgendwann hört man dann halt die, die man am Anfang gar nicht gehört hatte. Man entdeckt mehr.

Delgado: Das soll ja auch ein Statement sein. Gegen diese Knauserigkeit. Gegen dieses Denken von wegen: "Ich würde zwar jetzt gern nach New York, aber hey! Das Geld spare ich mir lieber auf, falls was ist." Nee, man soll schon alles geben. Immer.

Steer: Hast du also alles, was du gemacht hast, auf das Album gepackt?

Delgado: Das meiste. Ich habe aber auch ein paar Jahre daran gesessen. Das, was nicht drauf passte, kommt als freier Download auf die Website.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihre neue Parole also "Verschwende deine Kunst" nach "Verschwende deine Jugend"?

Delgado: Ja, weil das einfach die Natur der Dinge ist. Die Blumen blühen auch, um zu verwelken, und die Sterne entstehen, um zu verglühen.

SPIEGEL ONLINE: Bei Frittenbude klingt die Verschwendung auch an. Im Song "Mindestens in 1000 Jahren" heißt es: "Wir wollen die Freiheit der Welt und Straßen aus Zucker." Auf eurem neuen Album habt ihr das weitergetrieben: "Wir müssen viel mehr Zucker verschütten."

Häglsperger: Im Leben ist es das Geilste, die guten Dinge zu geben. Loszulassen.

Delgado: Das kennt man auch vom Feiern. Da sagt man auch nicht: "Gerade komm ich richtig drauf und tanze. Aber jetzt reicht's. Nun schwitze ich nämlich schon, oh nein!"

Rögner: Von allem zu viel. Alles auf einmal. Das ist gut.

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