Gedenkkonzert in Wembley Millionen feierten Diana

London trotzte der Terrorgefahr. Über 60.000 Menschen im neuen Wembley-Stadion und Millionen vor dem Fernseher feierten am Abend mit einem Gedenkkonzert die vor zehn Jahren verstorbene Diana. Für sie war die Prinzessin eine Frau ohne Fehl und Tadel.

Von Sebastian Borger, London


London - Es war das US-Glamourmagazin "Vanity Fair", das 1987 das Tabu brach: Es berichtete erstmals umfangreich über die Eheprobleme, die Bulimie, die Isolation der damals 26-jährigen Prinzessin Diana. Einsam tanze die Prinzessin zu den Klängen von Duran Duran im Kensington-Palast, hieß es damals. Zehn Jahre später war Diana tot. Und weitere zehn Jahre später waren es am Sonntagabend, Dianas 46. Geburtstag, ihre mittlerweile erwachsenen Söhne William und Harry, die einen Auftritt der Lieblingsband ihrer Mutter ankündigten – erster Höhepunkt des Gedenkkonzertes im Londoner Wembley-Stadion, das bis in die späten Abendstunden dauerte und auch Millionen TV-Zuschauer in 140 Ländern verfolgen konnten.

Das spektakuläre Open-Air-Event war ein Teil Pop-Konzert, ein Teil sentimentale Erinnerung an die Verstorbene, ein Teil Hommage des zahlenden Publikums (67 Euro pro Karte) an ihre Söhne, die Organisatoren. Der vorhergesagte Regen blieb aus, allerdings mussten sich die rund 60.000 Besucher im Stadion gegen kühlen Wind schützen. Und für den Heimweg bat die an diesem Wochenende allgegenwärtige Londoner Polizei um besondere Aufmerksamkeit – in ganz Großbritannien herrscht nach den gescheiterten Anschlägen von London und Glasgow Terror-Alarmstufe eins.

Die aktuelle Politik blieb in der riesenhaften Arena außen vor. "Dies ist eine Party", sagte Schauspielerlegende Dennis Hopper. "Es ist eine Feier, und Ihr werdet’s toll finden." Erkennbar toll fand die Atmosphäre Elton John, der auf der Trauerfeier für seine Freundin Diana in der Westminster Abbey "Good-bye, England’s Rose" zur Melodie von "Candle in the Wind" gesungen hatte. Der 60-Jährige eröffnete und schloss das Konzert, dazwischen trat eine eindrucksvolle Anzahl von alten und neuen Stars auf: Von Duran Duran über Alt-Rocker wie Bryan Ferry ("Slave to love"), Rod Stewart ("Sailing") und Status Quo ("Rocking all over the world") bis hin zu jüngeren Künstlern wie Will Young und Nelly Furtado, die ihren Hit "Maneater" zum Besten gab.

Speziell für Prinzessin Diana hatte Musical-Unternehmer Andrew Lloyd Webber eigens für diesen Abend ein Potpourri komponiert. Das English National Ballett zeigte die berühmte Szene aus dem vierten Akt von Tschaikowskis Schwanensee.

Die kuriose Mischung würdigte Prinzessin Diana als treuen Fan all dieser Kunstsparten. Zwischendurch spielten die Veranstalter kleine Clips ein, die an das Leben der Verstorbenen erinnerten oder ihre Verdienste um verschiedene wohltätige Zwecke priesen. Prominentester Grußwort-Redner war der frühere US-Präsident Bill Clinton. Der am vergangenen Mittwoch zurückgetretene Premierminister Tony Blair erhielt Riesenbeifall für sein Grußvideo, in dem er die menschliche Seite der Prinzessin hervorhob: "Ihre Qualitäten leben in William und Harry fort."

Wie bei der Trauer um die tote Prinzessin im heißen September 1997 waren auch im Wembley-Stadion die Frauen in der Mehrheit, viele alt genug, um sich an die Traumhochzeit der Lady Diana Spencer mit Thronfolger Charles im Juli 1981 zu erinnern. "Ein richtig gutes warmes Gefühl" sollten die Konzertbesucher mit nach Hause nehmen, hatte sich Prinz William vorab gewünscht. Dafür trugen Künstler wie Ansager Sorge, von Kiefer Sutherland alias Jack Bauer bis zu den Ex-Tennisstars Boris Becker und John McEnroe.

Am Ende der fast sieben Stunden dauernden Show wurden jedoch Hoffnungen von Fans enttäuscht, dass Elton John noch einmal seine legendäre Diana-Version von "Candle in the Wind" singen würde. Trotz einer vorherigen Bitte der Söhne von Diana ließ John den Song aus. Er hatte nach der Trauerfeier für die Prinzessin geschworen, den Song nie wieder mit der seinerzeit eigens auf Diana umgedichteten Verszeile "Good-bye, England's Rose" aufzuführen.

Differenzierungen waren an diesem Abend nicht gefragt, Tina Brown durfte nicht auftreten. Dabei hat die frühere Chefredakteurin des New Yorker gerade eine glänzende Biographie der Prinzessin vorgelegt, der sie selbst mehrfach begegnet war. Die "Diana Chronicles" machen den ernsthaften Versuch, der Toten gerecht zu werden. Das Leben Dianas wird weder zerrissen noch in den Himmel gelobt. Zum Vorschein kommt eine widersprüchliche, manipulierte und manipulative, vor allem aber einsame junge Frau.

Dianas Bruder Charles Spencer hatte bei seiner Traueransprache in der Westminster Abbey die tote Schwester zur Verfolgten und Gejagten stilisiert – und bei aller Distanz zwischen Onkel und Neffen scheinen William und Harry diese Botschaft verinnerlicht zu haben. In einem unsäglich anbiedernden Interview des US-Senders NBC gaben sie immer wieder den Medien die Schuld an Dianas Tod, den aber auch zwei Faktoren verursacht hatten: ein alkoholisierter Raser am Steuer des Mercedes sowie Dianas Versäumnis, ihren Gurt anzulegen.

Davon wird bei der für kommenden Herbst in London geplanten gerichtlichen Untersuchung von Dianas Pariser Unfalltod wieder die Rede sein. Am Sonntag wurde eine Prinzessin ohne Fehl und Tadel gefeiert.



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