Meistergeigerin Lena Neudauer Mozart mit Klarheit und Kraft

Sie spielte Schlagzeug in einer Rockband und lernte auch Klavier. Doch an der Violine ist Lena Neudauer eine Meisterin. Auf einer neuen Doppel-CD präsentiert sie Mozarts Violinkonzerte 1 bis 5.

Von

Marco Borggreve

Kaum Vibrato, keine verklärende Romantik! Schon nach wenigen Tönen betört Lena Neudauers Mozart mit Klarheit und Kraft. Wie Martha Argerich aus Mozarts Klavierkonzerten die Brüche und Härten herauspräpariert, so schärft Neudauer in den Violinkonzerten die Spannungsbögen, entfaltet den federnden Swing und pflegt die subtilen Details. Wie schön, dass die 30-jährige gebürtige Münchnerin gleich alle fünf Werke der Reihe auf einen Schlag präsentiert: Der Energiefluss reichte mühelos fürs große und geschlossene Ganze. Mit der Veröffentlichung einer teureren Doppel-CD (Hänssler Classic) schert sich das Label auch wenig um kommerzielle Erwägungen: "Die wollten das so", freut sich Violinistin Neudauer, "es darf bei Hänssler stets gern ein kompaktes Werk-Paket sein."

Wer unbedingt mit den Hits dieses Five-Packs beginnen will, sollte sich auf das 3. Konzert in G-Dur KV 216 stürzen und am besten mit dem selig singenden Adagio beginnen. Das von Bruno Weil penibel geführte, fabelhaft disponierte Orchester der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken/Kaiserslautern strickt das feine, vom historisch informierten Klang geprägte Gewebe, auf dem Lena Neudauers Geigenton biegsam jubiliert. Die langen Kantilenen glänzen, ohne zu schluchzen, stets bleibt der markante Ausdruck der Virtuosin bestimmend. Das ist kein Mozart zum Träumen: Hier herrscht stringente, fast sportliche Streckenführung, die sich eng am Notentext, nicht an gefühligen Befindlichkeiten abarbeitet. Eine authentische Quadratur des Zirkels, man fühlt sich Mozart ganz nah.

Selig singendes Adagio, fabelhaftes Orchester

Lena Neudauer nahm sich für die intensive Vorbereitung des Zyklus fast drei Jahre Zeit, was dazu führte, dass die Aufnahmen dann nur insgesamt acht Studiotage dauerten. Ergebnis: eine größtmögliche Homogenität zwischen Orchester und Solistin. "Der Klang und das Zusammenspiel in seinen vielen Feinheiten ist bei Mozart sehr wichtig und schwierig, es kommt auf feinste Nuancen an", sagt Neudauer.

Aber auch die beste Vorbereitung kann nicht alle Wirkungen erahnen - jede erste Probe hat ihre Tücken, gerade wenn man das Werk in allen Einzelheiten kennt. Lena Neudauer, die seit ihrem dritten Lebensjahr Violine spielt, beschäftigt sich ihr schon Leben lang mit Mozart. Sie erlernte mit sechs Jahren auch das Klavierspiel, wandte sich aber danach ausschließlich der Geige zu. Mit elf Jahren bekam sie beim Virtuosen Helmut Zehetmaier in Salzburg ihre Mozarteum-Ausbildung, dann gewann sie mit 15 Jahren den Leopold-Mozart-Wettbewerb. Statt jedoch umgehend die übliche Profikarriere zu starten, studierte sie weiter, spielte Schlagzeug in einer Rockband und entdeckte erst mal neben der Klassik auch die zeitgenössische Avantgarde: Der eigene Weg war wichtiger als der schnelle Ruhm.

Lena Neudauer: Mozart-Violinkonzerte

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Dieser Background des weiten Blicks und der vielen Eindrücke prägt Lena Neudauers Interpretationen bis heute. Der Respekt vor dem Sujet geht vor, aber der entschlossene und eigenwillige Zugriff formt die Idee. Keine Überraschung: Die Kadenzen zu den Konzerten schrieb sich Lena Neudauer selbst, schließlich gehörte das schon zu Mozarts Zeiten dazu und ergänzt sich mit den festen Vorstellungen, die Lena Neudauer von "ihrem" Mozart hat.

Mit dem Dirigenten Bruno Weil fand sie einen ausgewiesenen Experten für die Wiener Klassik als Partner, der nicht nur zahlreiche Gastspiele bei den Wiener Philharmonikern in Sachen Mozart absolvierte, sondern auch als ein profilierter Vertreter der historisch informierten Aufführungspraxis gilt. Man verstand sich blendend, das bei Mozart so wichtige Miteinander funktionierte beglückend im SWR-Studio in Kaiserslautern. Bestes Training für das respektvolle Zusammenspiel sind für Lena Neudauer - wie für die meisten Kollegen - Kammermusik-Projekte: Das Ravel-Repertoire für Violine hat sie bereits (mit Julian Steckel/Cello und Paul Rivinus/Klavier) komplett eingespielt (Hänssler Classic). Ihre nächsten Ideen sind da schon raumgreifender: Franz Schubert steht ganz oben auf der Wunschliste. Doch Schubert könnte Stress verheißen, denn neben ihrer regen Konzerttätigkeit lehrt Lena Neudauer auch an der Saar-Musikhochschule als Violin-Professorin. Sicher ist nur: Auf diesen Schubert darf man gespannt sein. Vielleicht gibt es ja demnächst ein paar Kostproben im Konzertsaal.


"Wolfgang Amadeus Mozart - Violinkonzerte 1-5 u.a." (Lena Neudauer/Violine, Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern, Bruno Weil/Ltg.) CD 93.316 (hänssler Classic/Naxos)

Gute Ideen für die Schule gesucht!



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