Songs von George Harrison Im Schatten der Hochbegabten

Zu Beatles-Zeiten stand George Harrison stets im Schatten von John Lennon und Paul McCartney. Wie gut er als Songwriter und Musiker war, machten dann erst seine Solowerke klar, von denen die ersten sechs nun in einer Box neu aufgelegt wurden.

AP

Olivia Harrison spricht selten öffentlich über ihren verstorbenen Gatten, den Ex-Beatle George. Eine der seltenen Ausnahmen ist die Veröffentlichung der Box "The Apple Years 1968-75", die die 66-Jährige als das "fehlende Puzzleteil" im Katalog der Werke ihres 2001 verstorbenen Mannes bezeichnet. Auf sieben CDs und einer DVD bündelt der schmucke Kasten das Schaffen George Harrisons nach dem Finale der Fabelhaften Vier und erinnert daran, dass der scheue Gitarrist spätestens seit der Auflösung der Beatles in Sachen Kreativität auf Augenhöhe mit den scheinbar übermächtigen Kumpanen Paul McCartney und John Lennon war.

Sie habe sich die meisten dieser Aufnahmen seit Jahrzehnten nicht mehr angehört, sagt Olivia Harrison - "Das ist dann doch immer eine sehr emotionale Angelegenheit. Als er das Album 'Extra Texture' einspielte, war ich dabei. Das ist deshalb schon Musik, um die ich lange einen Bogen machte."

Die Box, die Harrisons Solo-Platten versammelt, reicht von seinen noch zu Beatles-Zeiten veröffentlichten und eher schrullig experimentellen Alben "Wonderwall Music" und "Electronic Sound" bis hin zu dem Klassiker "All Things Must Pass" mit seinem größten Solo-Hit "My Sweet Lord" (dass er einen Plagiatsprozess dazu verlor, macht das Lied nicht schlechter).

"Daheim hörte George am liebsten Mozart"

Aber auch die weniger bekannten Alben wie "Dark Horse" und "Living in the Material World" sind eine Wiederentdeckung wert. Sie erinnern an einen immer wieder brillanten Songwriter, der zu lange im Schatten von zwei Hochbegabten stand. Denn gern wird vergessen, dass auch einige der schönsten und populärsten Beatles-Songs aus Harrisons Feder stammen, so wie "Here Comes the Sun" oder "Something". Letzteren Song sangen selbst Elvis Presley und Frank Sinatra.

"Daheim hörte George am liebsten Mozart", erinnert sich Olivia. "Außerdem alte Klassiker wie Cab Calloway oder Hoagy Carmichael. Unseren Sohn Dhani erzog er musikalisch, indem er ihm Platten vorspielte, die er für relevant hielt. Oder wenn im Radio eine Coverversion lief, erklärte er Dhani, was die Originalversion sei. So lernte unser Sohn Chuck Berry, Buddy Holly und andere Rock'n'Roll-Klassiker kennen."

George Harrisons frühe Solo-Klassiker wurden für diese Neuauflage selbstverständlich klanglich renoviert und um unbekannte Bonus-Musik aus den Archiven erweitert. Die Box bietet obendrein eine DVD mit Promo-Clips sowie ein Büchlein. Die künstlerische Leitung der Edition hatte Dhani Harrison. Sie habe ihm da freie Hand gelassen, sagt Olivia Harrison, für die die Arbeit daran auch wehmütige Momente hatte: "Bei Hören dieser Platten dachte ich immer wieder: Hoffentlich habe ich ihm gesagt, wie toll seine Songs sind. Denn wenn man so nah dran war wie ich, vergisst man solche Gesten schon mal, weil man nicht peinlich sein will."


CD-Angaben:
George Harrison: The Apple Years 1968-75. Apple/Universal; Box-Set, 79,99 Euro.



insgesamt 6 Beiträge
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nada33 17.10.2014
1.
Hoffentlich wird das ganz schnell korrigiert: Auf dem Bild von 1981 läuft Olivia mit ihrem Mann George Hand in Hand die Treppe runter (nicht wie dort geschrieben mit Paul). Danke für den Hinweis! Wird gleich geändert! - sysop
ronald.68 17.10.2014
2. Schade,
dass immer nur „Here comes the sun“, “Something“ oder “While my guitar...” erwähnt werden, wenn es um Harrisons Fähigkeiten als Songwriter bei den Beatles geht. Denn auch in den Jahren vor dem White Album steuerte er einige Stücke bei, die denen von Lennon und McCartney zumindest ebenbürtig waren. So ist schon sein „Don’t Bother Me“ besser als manche L/M-Komposition auf dem frühen „With The Beatles“-Album. „If I Needed Someone“ gehört für mich zum besten, was „Rubber Soul“ zu bieten hatte. Und seinen ersten Höhepunkt hatte er auf dem „Revolver“-Album, auf dem sogar drei Songs von ihm zu hören waren, unter denen „Taxman“ ebenfalls ein Meisterwerk ist. Über seine Indienphase, die 1967 ihren Höhepunkt erreichte, und während derer er sich musikalisch beinahe radikal von L/M abzugrenzen versuchte, kann man freilich streiten. Ich gehörte immer zu denen, die auf der B-Seite von Sgt. Pepper die Plattennadel immer ein Stückchen weiter links aufsetzen, um „Within You Without You“ zu überspringen.
Hosterdebakel 17.10.2014
3. Btw
Bereits bei den Veröffentlichungen der Aufnahmen mit Tony Sheridan gab es bereits ein interessantes Intsrumentalstück bei welchem George Harrison als Komponist angegeben war "Cry for a shadow". Auch sollte man nicht "Only A Northern Song" und "It's All Too Much" vergessen, die hervorragend in den Film Yellow Submarine passen.
Schelm62 17.10.2014
4. Schade Teil II
Kann den Vorrednern nur zustimmen - es werden leider immer wieder die gleichen Harrison-Songs genannt. Ich möchte die Liste der wenig genannten Lieder noch mit den beiden Titeln "Long, long, long" und "Savoy Truffle" vom White Album ergänzen.
max.axlast 17.10.2014
5. George Harrison
war nie im Schatten irgendwelcher Hochbegabter. Harrison war der Hochbegabte im Schatten der kommerziellen Hitschreiber. Hört nochmal die LP "Cloud Nine" von 1987, es lohnt sich...
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