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Zum Tode George Martins: Der fünfte Beatle

Ein Nachruf von

Er machte die Beatles zur globalen Pop-Sensation - und wurde so zum ersten modernen Musikproduzenten.

AFP

Der 13. Februar 1962 ist ein schicksalhafter Tag der Popgeschichte. Es war der Tag, an dem Brian Epstein, Manager einer jungen, ruppigen Band namens The Beatles, bei dem eigentlich für Klassik- und Comedy-Alben bekannten EMI-Label Parlophone in London vorstellig wurde. Epstein war verzweifelt: Seine vier in Lederjacken gekleideten Protegés aus Liverpool waren schon von allen großen und kleinen Plattenfirmen abgelehnt worden. Es war die Zeit, in der orchestersatter Pop von Cliff Richard die britischen Charts dominierte, niemand wollte eine räudige Rock'n'Roll-Gruppe unter Vertrag nehmen.

Auch Parlophone-Chef George Martin war nicht begeistert, nachdem ihm Epstein ein Demotape vorgespielt hatte. "Es war nicht sehr gut… tatsächlich war es ziemlich furchtbar", sagte Martin später. Aber der Plattenmanager brauchte dringend einen Erfolg. Zehn Jahre lang hatte sich der klassisch ausgebildete Musiker bei EMI abgearbeitet und es zum Label-Boss gebracht, stand aber stets im Schatten seines heute vergessenen Konkurrenten Norrie Paramor, der bei EMI das Imprint Columbia leitete und einen Nummer-eins-Hit nach dem anderen feierte.

Martin beschloss, Epstein eine Chance zu geben und gewährte den vier Musikern John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Pete Best eine Stunde im Studio. "Sie hatten dieses wundervolle Charisma: Sie gaben dir ein gutes Gefühl", sagte Martin über diese erste Begegnung. Er nahm die Beatles unter Vertrag.

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Zum Tode George Martins: Viel mehr als nur ein Produzent
Was dann folgte, war die Erfindung der modernen Popmusik. Denn Martin, selbst leidenschaftlicher Musiker, beschränkte sich nicht darauf, die Platten seiner neuen Band herauszubringen, er beteiligte sich auch aktiv am Entstehungsprozess. George Martin war der erste Produzent moderner Prägung, er gilt als "fünfter Beatle". Seine teils komplexen Arrangements für Beatles-Klassiker wie "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band", "Lady Madonna", "Strawberry Fields Forever", "I Want To Hold Your Hand" und vor allem "A Day In The Life" ließen den zunächst ungestümen Rocksound der Band zu etwas Erhabenem werden.

Mit seinem Verständnis für orchestrale, klassische Musik und seinem Gehör für Melodien entwarf Martin gemeinsam mit den Beatles etwas, das er ein "Klang-Gemälde" nannte - und sorgte durch seine Anregungen dafür, dass sich John Lennon und Paul McCartney zwischen 1963 und 1967 zu jenem selbstbewussten, visionären Songwriter-Team entwickeln konnten, das die populäre Musik für Jahrzehnte prägen sollte.

"Kleine, arrogante Teufel"

Doch zunächst mussten der adrette Label-Manager und die Liverpooler Arbeiterklasse-Jungs einen Weg der Zusammenarbeit finden. Ein gemeinsames, sehr britisches Humorverständnis soll dabei geholfen haben. Gefragt, ob es am Aufnahmestudio etwas zu bemängeln gebe, soll George Harrison zu Martin gesagt haben: "Zunächst mal mag ich Ihre Krawatte nicht".

Dabei waren die später immer wieder bemühten Klassenunterschiede gar nicht vorhanden. Wie die späteren "Fab Four" stammte auch Martin, 1926 in Holloway geboren, aus ärmlichen Verhältnissen und besuchte eine staatliche Schule. Den Oberklasse-Habitus, der dem schlanken Gentleman mit dem elegant zurückgekämmten Haar das Flair eines vornehmen Lords verlieh, hatte er sich als Leutnant der Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg angewöhnt. Martin flog Einsätze als Aufklärungsflieger, geriet aber nie in Kampfhandlungen.

Seine militärische Aura verleitete John Lennon trotzdem dazu, ihn mit dem Spitznamen "Biggles" zu necken. Die Abenteuer des gleichnamigen tollkühnen Kampfpiloten, damals populärer britischer Jugendbuch-Held, gehörten zur Lieblingslektüre des jungen Lennon. McCartney sagte später, es sei ein Vorteil gewesen, dass Martin sich mit Piloten und Navigatoren habe herumschlagen müssen, "so konnte er uns in den Griff kriegen, wenn wir über die Stränge schlugen". Martin, im Gegenzug, bezeichnete die Beatles noch Ende der Neunzigerjahre in einem Interview liebevoll als "kleine, arrogante Teufel".

Pete Best ersetzte Martin alsbald durch Ringo Starr und ließ die in seinen Ohren lahmende, an Roy Orbison erinnernde Beatles-Single "Please Please Me" zu einer bahnbrechenden Rock'n'Roll-Hymne werden: Er schlug der Band vor, sie solle die Nummer doch einfach mal schneller spielen. Nur wenig später hatten die Beatles den Spitzenplatz der britischen Charts dauerhaft erobert und machten sich gegen Ende 1963 daran, Amerika und den Rest der Welt in die "Beatlemania" zu versetzen. 1965 ließ sich Martin von der EMI freistellen, um sich als Freelancer ausschließlich als Beatles-Produzent zu betätigen.

Nicht nur Beatles, auch Elton John

Wäre die Band ohne Martins Impulse nicht zu dem Phänomen geworden, das sie bis heute ist? Je erfolgreicher die Beatles wurden, desto spannungsreicher wurde das Verhältnis nicht nur innerhalb der Gruppe, sondern auch zu Martin. Ausgerechnet durch den US-Hit-Produzenten Phil Spector, dessen raumgreifendes, orchestrales "Wall of Sound"-Klangambiente Martin eigentlich vorweggenommen hatte, wurde er für die Aufnahmen zum letzten Beatles-Album "Let It Be" ausgetauscht. Für "Abbey Road", das vor "Let It Be" erschien, aber später aufgenommen wurde, kehrte die Band jedoch reumütig zu ihm zurück. Kurz darauf lösten sich die Beatles im Streit auf.

Verärgert über ein Interview im "Melody Maker", in dem Martin von seinem großen Einfluss auf den Beatles-Sound gesprochen hatte, schrieb John Lennon 1971 in einem Brief, der auch der Redaktion des Musikblattes zuging: "Natürlich war George Martin eine große Hilfe dabei, unsere Musik technisch umzusetzen, als wir es nötig hatten", schrieb Lennon, "aber dass der Kameramann sich anmaßt, Regisseur gewesen zu sein, das ist ein bisschen viel." Man müsse sich nur mal die weltweiten Charts ansehen, giftete Lennon weiter, andeutend, dass "Let It Be" auch ohne Martin gut funktioniere. "Und, nebenbei, ich hoffe, Seatrain ist ein guter Ersatz für die Beatles".

Seatrain hieß die völlig erfolglose kalifornische Rockband, die Martin für Capitol Records nach dem Ende seiner Zusammenarbeit mit den Beatles produziert hatte. Tatsächlich beruht George Martins Erfolgsmythos bis heute auf den Jahren, in denen er zusammen mit den Liverpoolern einflussreiche Alben wie "Revolver" und "Rubber Soul" und "Sgt. Pepper" schuf. In den Siebziger- und Achtzigerjahren arbeitete Martin, inzwischen Inhaber seiner eigenen Firma Associated Independent Records, mit Paul McCartney an einigen Soloalben und produzierte Rock-Größen wie Jeff Beck, America, Jimmy Webb, Kenny Rogers und Elton John.

"Heutzutage denkt jeder, er sei Produzent"

Alle Wege führten jedoch immer wieder zurück zu den Beatles. Während er ihre Egos in Schach hielt, gaben sie ihm den Mut, musikalische Grenzen einzureißen, sagte er 2007 im Interview mit der "Financial Times". "Ich glaube nicht, dass ich das ohne sie gekonnt hätte."

Auch in den Büchern, die Martin schrieb, darunter die 1979 veröffentlichten Memoiren "All You Need Is Ears", ging es um die Beatles, und Mitte der Neunziger war Martin als Verwalter ihrer musikalischen Hinterlassenschaft federführend beim Remastering der alten Aufnahmen für die erfolgreiche "Anthology"-Reihe. 1998 machte er sich selbst noch ein besonderes Abschiedsgeschenk von seiner aktiven Arbeit als Produzent: Er trommelte Stars wie Phil Collins, Céline Dion, Robin Williams, Jim Carrey und Sean Connery zusammen, die für das Tributalbum "In My Life" Beatles-Songs neu interpretierten. 2006 schließlich, als er bereits 80 Jahre alt war, remixte er gemeinsam mit seinem Sohn Giles noch einmal zahlreiche Beatles-Songs für die Cirque-du-Soleil-Liveshow "Love".

"Als ich anfing, gab es nicht mehr als eine Handvoll Produzenten", sagte Martin vor Kurzem dem "Guardian". "Heutzutage denkt jeder, er sei Produzent. Die Technologie ist so fortgeschritten, dass du jeden nicht so tollen Track wundervoll klingen lassen kannst. Das erstickt die Kreativität, weil du dir nichts mehr erarbeiten musst: Es ist bereits alles da." Bei ihm sei es stets mehr um Psychologie als um Technik gegangen: "Ich stellte fest, dass ich die Fähigkeit besitze, das Beste aus Leuten herauszuholen. Ein Produzent muss ins Innere eines Künstlers eindringen."

1996 wurde George Martin zum Ritter geschlagen, im Jahr darauf produzierte er gemeinsam mit Elton John dessen modifizierte Version des Songs "Candle In The Wind" zu Ehren von Prinzessin Diana. Später Triumph: Es wurde die bestverkaufte Single aller Zeiten.

Sir George Martin starb in der Nacht zu Mittwoch im Alter von 90 Jahren.

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1. Wo ist denn Orchester zu hören?
r.putz 09.03.2016
in "I Wanna Hold Your Hand" oder "Lady Madonna"?! Ausserdem war "Love me do" die erste Single! Gruß vom Faktencheck an den "Musikredakteur"
2.
Gaztelupe 09.03.2016
The good die manchmal eben nicht young, sondern eher ziemlich old. Guter Mann, gentle soul, ausgezeichneter Produzent ...
3. Fünfter Beatle
xenoxx 09.03.2016
Ich vermag nicht mehr nachzuhalten, wieviele «fünfte Beatles» die Presse den Lesern seit etlichen Jahren untergejubelt hat. Jeder Musiker im näheren Umfeld der legendären Gruppe - insbesondere jene, die dann tasächlich mal hier und dort im Studio oder auf der Bühne beteiligt waren - steht in Verdacht der Fünfte um Bunde gewesen zu sein. Mitlerweile dürfe es nach dieser Zählweise mindestens zehn Beatles gegeben haben.
4.
deegeecee 09.03.2016
Zitat von r.putzin "I Wanna Hold Your Hand" oder "Lady Madonna"?! Ausserdem war "Love me do" die erste Single! Gruß vom Faktencheck an den "Musikredakteur"
Zumal der Titel korrekt "I *Want to* Hold Your Hand" heißt. Besonderer Clou, aber nicht im Sinne einer "komplexen Orchestrierung" war, die Rhythmusgitarre durch eine lediglich unterschwellig wahrnehmbare Orgel zu unterstützen. Ringo war kein "versierter Studio-Drummer" - das war der von Martin für die erste Aufnahmesession bestellte Andy White - sonder Drummer von "Rory Storm & the Hurricanes" und Freund der Beatles seit Hamburger Tagen. Für die "Anthology"-Reihe wurden zuvor unveröffentlichte Outtakes erstmals gemastert. Da schreibt kein Musikredakteur.
5. Sachliche Fehler
danman 09.03.2016
Der Artikel enthält einige sachliche Fehler. In "I Wanna Hold Your Hand" steckt sicher einiges drin, aber bestimmt keine komplexen Orchester-Arrangements von George Martin. Ringo Starr war auch ganz sicher kein versierter Studiomusiker, der Pete Pest ersetzte. Pete Best wurde nach den ersten Sessions bei George Martin zunächst durch den versierten Studiomusiker Andy White ersetzt. Dieser spielt, und da sind wir beim nächsten Fehler, auf der ersten Beatles-Single "Love Me Do" (Please Please Me war die zweite Single, aber der erste Nr. 1 Hit) das Schlagzeug (Ringo durfte das Tambourin bedienen). Die Beatles wollten Pete Best durch Ringo ersetzen, George Martin, der davon nicht wusste, schickte Ringo vor der Aufnahmesession wieder nach Hause, da er ja den Studiodrummer Andy White engagiert hatte. So, das soll mal genügen.
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