Tod mit 53 Jahren Die zwei Leben des George Michael

Nach dem Welterfolg als gut gelaunter Popstar mit Wham! und Jahren der Depression erfand sich George Michael als seriöser Solokünstler neu. Nun ist der Popstar im Alter von 53 Jahren gestorben.

Ein Nachruf von


Vielleicht lässt sich das Leben des George Michael ja tatsächlich in ein Vorher und Nachher aufteilen - vor und nach diesem 7. April 1998, als ein Undercoverpolizist ihn in einer öffentlichen Bedürfnisanstalt im Will Rogers Memorial Park von Beverly Hills in die Falle lockte - und George Michael wegen "unzüchtigen Verhaltens in der Öffentlichkeit" festnahm.

Davor war George Michael einer der berühmtesten Popstars der Welt, erst als die kreative, singende Hälfte des Duos Wham!, danach als Solokünstler, dessen Album "Faith" unglaubliche Stückzahlen verkaufte. Aber George Michael war auch ein unglücklicher Mann, der seiner Mutter nachtrauerte - und einem Lebensgefährten, von dem die Öffentlichkeit nichts wissen sollte.

Nach dem Vorfall in Beverly Hills nahm George Michael den Song "Outside" auf, der die Freuden des Sex in der Öffentlichkeit pries - und tanzte im Musikvideo knüppelschwingend im Polizistenkostüm herum. Vielleicht zum ersten Mal in seiner Karriere machte sich George Michael über sich selbst lustig; über seine Homosexualität sprach er danach offen, wirkte befreit.

Doch seine Gesundheit machte Sorgen. Am ersten Weihnachtstag ist er nun in seinem Haus in Goring-on-Thames gestorben; sein Manager sprach von Herzversagen. Georgios Kyriakos Panagiotou, wie er mit gebürtigem Namen hieß, wurde nur 53 Jahre alt.

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Sänger George Michael: Ein Leben in Extremen

Der Sohn eines griechisch-zyprischen Vaters und einer englischen Mutter, die in Restaurants arbeiteten, wuchs in einer Vorstadt am nördlichen Rand von London auf, wo er in der Schule Andrew Ridgeley kennenlernte: "Da war George 13 und der pummelige griechische Junge mit Locken und Brille - und neben ihm saß der Klassenschönling", erzählt Simon Napier-Bell, der Michael und Ridgeley später managen sollte, als aus ihnen das Duo Wham! geworden war: mit einem schlanken George Michael mit glatten Haaren und Kontaktlinsen.

Manager Simon Napier-Bell, der letzte aus der großen Tradition homosexueller britischer Popproduzenten aus den Sechzigerjahren (als er mit den Yardbirds und Marc Bolan arbeitete), sah nach eigener Aussage in Wham! etwas, das niemand sonst sah: "Dieses Hollywood-Ding mit den zwei Buddies, den zwei Cowboys. Im Film verliebt sich der eine, der andere geht in den Puff, aber am Ende reiten sie doch immer zusammen davon. Es ist niemals sexuell, aber definitiv homoerotisch - und das wurde in der Rockmusik noch nie so richtig gemacht."

Im Video: George Michael beim Konzert in der Prager Staatsoper 2011

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Andrew Ridgeley mit dem Schlafzimmerblick und George Michael mit dem kantigen Kinn wurden 1982 im britischen Pop euphorisch begrüßt: Motown-beeinflusste Songs von Londoner Vorstadtjungs in Lederjacken. "I'm a soul boy, not a dole boy", sang George Michael. Songs wie "Club Tropicana" huldigten dem Hedonismus und dem Individualismus der Thatcher-Jahre (wenngleich Wham! auch bei einem Benefizkonzert für die streikenden Minenarbeiter auftraten).

1984 verdrängten Wham! endgültig Culture Club und Duran Duran in der Hierarchie der ehrgeizigen englischen Popper, aus ihrem zweiten Album "Make It Big" stammten drei Nummer-eins-Hits ("Wake Me Up before You Go-Go", "Freedom", "Careless Whisper"). Und "Last Christmas" wäre der vierte geworden, wenn nicht die Afrika-Benefiz-Single "Do They Know It's Christmas?" gekommen wäre - an der Wham! natürlich auch beteiligt waren.

In England waren sie so "das populärste Ding nach der königlichen Familie"; mit brauner Haut, blonden Strähnchen und weißen Zähne war George Michael zum extrem wiedererkennbaren Gesicht geworden. Und Manager Napier-Bell hatte eine Idee, wie das Duo in der ganzen Welt bekannt werden könnte: Er organisierte 1985 Auftritte in China, wo Wham! als erste westliche Popgruppe überhaupt spielten.

Die Popkritik verübelte Wham! derweil, dass sie "nicht mehr sein wollten, als sie sowieso zu sein schienen: Zwei nette Mittelklassejungs, die damit beschäftigt sind, ein Vermögen zu machen", so der "Smash Hits"-Autor Dave Rimmer. Doch auch George Michael selbst, der ja bei dem Duo die Hauptstimme sang und praktisch alle Songs schrieb, während Andrew Ridgeley irgendwie dabei war und gut aussah, machte sich Gedanken, ob Wham! alles sein konnte.

"Careless Whisper", die Saxofonballade, deren Video dem Regisseur zufolge "vor allem bekannt dafür, wie sehr Georges Frisur der von Prinzessin Diana ähnelt", war nominell bereits eine Solosingle gewesen, auch das minimalistische "A Different Corner" erschien unter dem Namen George Michael. 1986 lösten sich Wham! mit einem Konzert im Wembleystadion auf. Um Ridgeley wurde es still.

George Michael hingegen war auf einer Mission, der Mission, ernst genommen werden zu wollen: "Ich muss mich noch weltweit etablieren. Das ist mein unaufhaltbarer Ehrgeiz. Ich muss das schaffen, ich will in die Geschichte eingehen", sagte er der Journalistin Sylvia Patterson, die konstatierte: "George Michael, 24, das war sofort offensichtlich, war die Definition von abgehoben."

Doch er erreichte tatsächlich, was er sich vorgenommen hatte: Sein erstes Soloalbum "Faith" gefiel weißem und schwarzem Publikum in den USA; George Michael war der erste weiße Künstler, der es auf Platz eins der R&B-Albumcharts brachte. Insgesamt über 20 Millionen Exemplare wurden verkauft. Und im Video zum Titelsong "Faith" schaffte er wieder ein starkes Image mit Bikerjacke, Jeanshose und Akustikgitarre.

Fans trauern vor dem Wohnhaus von George Michael

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Weniger selbstsüchtig wurde er durch diesen Erfolg nicht: Es folgte einer der schlimmsten Albumtitel der Popgeschichte: "Listen Without Prejudice Vol. 1". Er hatte einen Riesenhit im Duett mit seinem Vorbild Elton John ("Don't Let the Sun Go Down on Me"). Er erwies sich als so ziemlich einziger tauglicher Freddie-Mercury-Ersatz 1992 beim Tribute-Konzert mit Queen.

Für das "Freedom '90"-Video von David Fincher engagierte er die fünf supersten Supermodels der Epoche: Cindy Crawford, Christy Turlington, Linda Evangelista, Tatjana Patitz und Naomi Campbell. George Michael war nicht im Bild: Er trat zu dieser Zeit nicht in seinen Musikvideos auf, prozessierte gegen seine Plattenfirma.

Wendepunkt in Beverly Hills

Auf dem sehr schönen Album "Older" sang George Michael 1996 mit "Jesus To A Child" eine Ballade, die er später als Hommage an seinen Partner Anselmo Feleppa interpretierte, der an einer Komplikation seiner Aids-Erkrankung drei Jahre zuvor gestorben war. Doch solange seine Mutter am Leben war, wollte er ihr sein Coming-out ersparen. 1997 starb sie. In späteren Interviews sprach er davon, nach ihrem Tod depressiv gewesen zu sein. "Ich konnte nicht schreiben, mein Leben erschien mir wertlos."

Doch dann kam in der öffentlichen Toilette von Beverly Hills das Ereignis, das der Wendepunkt im seltsamen Karriereablauf von George Michael darstellte: Erst erreichte George Michael allzu früh die Reife des mittleren Alters, dann fing er an, wie ein erratischer Teenager zu handeln, der allzu gerne kifft und immer wieder experimentiert, unter anderem auch mit politischem Aktivismus: Tony Blair zeigt er 2002 als George W. Bushs Schoßhündchen im Video zu "Shoot the Dog".

2009 sagte er dem "Guardian", er habe nun seinen Cannabiskonsum eingeschränkt - nur noch sieben oder acht Joints pro Tag, statt, wie zuvor, 25. Im Jahr darauf fuhr Michael unter schwerem Drogeneinfluss mit dem Range Rover ins Schaufenster eines Fotogeschäfts, nur einer von mehreren spektakulären Verkehrsunfällen, in die Michael verwickelt war.

Noch größer wurden die Sorgen um George Michaels Gesundheit, als er seine "Symphonica"-Tour im November 2011 abbrechen und in ein Wiener Krankenhaus mit einer akuten Lungenentzündung eingeliefert werden musste. Als er einige Wochen später erstmals wieder öffentlich auftrat, dankte er den Wiener Ärzten mit tränenerstickter, schwacher Stimme - sein Leben sei in akuter Gefahr gewesen.

Musikalisch trat George Michael danach nur noch punktuell in Erscheinung - doch in den Charts war er trotzdem jedes Jahr wieder: mit "Last Christmas", jenem wunderbaren Weihnachtssong von Wham!, der vielleicht deswegen so großartig ist, weil er eigentlich ein Liebeslied ist, das nur zufällig an Weihnachten spielt.

Wahrscheinlich ist es Zufall, dass George Michael ausgerechnet am Weihnachtstag des Jahres 2016 gestorben ist. Aber die Nachricht fühlt sich dadurch noch ein wenig tragischer an, als sie es sowieso tut, wenn ein Mensch mit 53 Jahren stirbt.

Lesen Sie hier ein Interview mit George Michael aus dem Jahr 2006.



insgesamt 169 Beiträge
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Seite 1
n.strohm 26.12.2016
1. Last Christmas
R.I.P.
Sommersprosse 26.12.2016
2. Ein
mega Talent ist gegangen.....RIP.
mimas101 26.12.2016
3. Nun Ja
Michael hatte eher eine gute Stimme die ein bißchen an Mecury erinnert. Ansonsten halte ich ihn für überschätzt. Wham war nur Mainstream aus dem eher seichten Genre und die Solo-Aufnahmen, nun da ist mir auch nichts besonderes in Erinnerung geblieben. Eher erinnere ich mich an die eine oder andere Eskapade. Aber immerhin - jetzt wirft die Multimediaindustrie auf allen Kanälen erneut die Vermarktungsmaschinerie an, mit Verblichenen kann man offensichtlich noch gute Geschäfte in den nächsten 70 Jahren machen. So eine elende Leichenfledderei gehört eher verboten.
h.hass 26.12.2016
4.
So leid es einem um den Mann selbst tut - der Musiker George Michael stand für die übelste, schmierigste Eighties-Poppermusik. Für einen Sound, der wie geschaffen war für Weihnachtsfeiern von geföhnten Jungliberalen in Designerpullovern. In den 60ern gab es in Großbritannien die Beatles, die Stones, The Who, die Kinks, ein paar Jahre später kamen Deep Purple, Pink Floyd, Led Zeppelin, Jethro Tull, Queen. Das waren Bands, die noch Ecken und Kanten und charismatische Musiker hatten. In den 80ern brachte GB dann plötzlich nur noch glattgebügelte Bubis hervor, die Kuschelrock-CDs befüllten - Wham, Duran Duran, Culture Club... eine traurige Entwicklung. Alles in allem hätte GM prima in die gestrige Helene-Fischer-Show gepasst, wo neue Höhe- bzw. Tiefpunkte der klebrigen, pathetischen Gefühlsseligkeit erreicht wurden.
spoon123 26.12.2016
5. Wie traurig...
Eine der besten Stimmen der Popwelt ist fuer immer abgetreten. Danke George fuer die vielen schönen Momente im Soundtrack meines Lebens.
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