Hanseplatte feiert Jubiläum "Kulturästhetisch finde ich so was wie Revolverheld wirklich schlimm"

Dieser Plattenladen steht für den anderen Lokalpatriotismus: Hanseplatte verkauft seit zehn Jahren Musik aus Hamburg. Ohne Stadtmarketing, sagt Gründer Gereon Klug im Interview.

Conny Winter

Der vor zehn Jahren gegründete Laden Hanseplatte ist auf Tonträger Hamburger Künstler spezialisiert und weit über die Grenzen der Hansestadt hinaus bekannt. Musiker wie Jan Delay, Tocotronic, Thees Ullmann oder Jochen Distelmeyer, deren Werke dort verkauft werden, kommen immer mal wieder zu Besuch. Dazu gibt es regelmäßig Konzerte von Musikern wie Johannes Oerding, Gisbert zu Knyphausen oder Jupiter Jones.

SPIEGEL ONLINE: Herr Klug, zehn Jahre Hanseplatte, Glückwunsch! Wie kamen Sie auf die Idee, mitten in der Krise der Tonträgerindustrie einen Plattenladen zu eröffnen, der sich auf Tonträger Hamburger Künstler spezialisiert?

Klug: Das war eine Idee von RockCity, dem Lobby-Musikerverein der Kulturbehörde, die hatten das Angebot einigen Leuten wie mir, die ehemals einen Plattenhandel betrieben haben, gemacht - und ich habe zugegriffen. Zuvor hatte ich acht Jahre einen Plattenladen in Göttingen. Da dachte ich mir: Hamburger Musik machste mit dem kleinen Finger. Ein Irrtum, denn man musste da doch viel mehr in die Tiefe gehen, als ich mir gedacht hatte.

Zur Person
  • Benjakon
    Gereon Klug, 46, gehört zu den Gründern der Hanseplatte. Er war als Tourmanager mit Rocko Schamoni und Studio Braun unterwegs, begleitete Andreas Dorau auf Lesereise, arbeitete in der Werbebranche und ging Deichkind bei ihrem Hit "Leider geil" zur Hand. Seine unter dem Pseudonym Hans E. Platte verfassten Hanseplatte-Newsletter genießen Kultstatus und wurden unter dem Titel "Low Fidelity" in Buchform veröffentlicht.
SPIEGEL ONLINE: Wie gut überlebt man denn vom Verkauf Hamburger Tonträger?

Klug: Neben Platten bieten wir auch Bücher, Filme, Klamotten und Devotionalien an: Ostfriesennerze, Scheisse-by-Schamoni-Schmuck oder musikaffine Kunst und sogenannte Hamburgensien, aber nur die guten. Du musst schon einige Platten verkaufen, um den Mehrwert eines verkauften Pullovers reinzuholen. Die Leute dachten deshalb auch immer, dass wir durch die Stadt finanziert werden. Das stimmt aber nicht. Wir hatten nur eine Anschubfinanzierung und damit haben wir den Tresen gebaut. Mehr gab es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Keine Unterstützung von der Marketingabteilung der Stadt?

Klug: Nein, und wenn ich mir anschaue, was das Hamburg-Marketing so auf der Pfanne hat, möchte ich damit auch nichts zu tun haben. Warum sollte ich mich zu Leuten ins geölte Boot setzen, die sich sonst den lieben langen Tag damit beschäftigen, die "Musical-Stadt Hamburg" zu pushen und Hamburg zur "schönsten Stadt der Welt" zu erklären?

SPIEGEL ONLINE: Drei von vier Tocotronic-Musikern leben mittlerweile in Berlin. Gelten die noch als Hamburger Band?

Klug: Das ist eine Diskussion, die uns wenig interessiert und die Kundschaft auch nicht. Der Laden war nie als Abgrenzung zu Berlin oder so gedacht, sondern eher für die Förderung lokaler Musik. Es geht darum, denen eine Plattform zu bieten, die im kommerziellen Bereich keine mehr hatten und haben.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie auch Annett Louisan, Johannes Oerding oder ähnliche Hamburger Größen im Angebot?

Klug: Ja, schon. Meist nicht lange, weil wir festgestellt haben, dass das große Mainstream-Publikum doch nicht bei uns vorbeikommt - trotz der Hamburg-Klammer. Einen Lotto King Karl ins Programm zu nehmen, nur weil er hier wohnt, ist Quatsch. Johannes Oerding dagegen hat bei uns sogar mal im Laden gespielt. Die ganzen eh erfolgreichen Ina Müllers oder Stefan Gwildisse zu fördern, sollte aber nicht unsere Aufgabe sein.

SPIEGEL ONLINE: Was wäre denn Ihre Aufgabe?

Klug: Wenn die nächste, noch unbekannte Ina Müller ihre selbstgebrannte Demo-CD vorbeibrächte, wäre das ein Fall für uns. Auch die verlorenen Trash-Techno-Versuche von Heidi Kabel wären interessant.

SPIEGEL ONLINE: Bringen Vorortdebütanten denn wirklich ihre Demos vorbei?

Klug: Ja! Gisbert zu Knyphausen hat zum Beispiel damals seine Demos auf selbstgebrannten CDs bei uns abgegeben. Und ist dann ja später durch die Decke gegangen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Ortsansässigen lehnen Sie ab?

Klug: Kulturästhetisch finde ich so was wie Revolverheld wirklich schlimm. Deren Musik fördert heimselige Gefühle, die ich nicht unterstützenswert finde. In München haben sie dafür Sportfreunde Stiller. Im Endeffekt machen die alle dasselbe: Kleinster gemeinsamer Nenner, risikoärmste Gefühlswelten.

SPIEGEL ONLINE: Und der Hamburger Kinderlied-Titan Rolf Zuckowski?

Klug: Der ist tatsächlich Hanseplatte-Fan, war bereits mehrfach im Laden, spielte hier sogar. Und kaufte etwas Erwachsenes. Viele Musiker erkennt man aber auch gar nicht. Udo Lindenberg dagegen sofort, obwohl der zunehmend wie Karl Lagerfeld aussieht. Udo hat sein Fach bei uns kontrolliert, verbotenerweise im Laden geraucht und war dann auch schnell wieder weg.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die Hamburg-Bestseller?

Klug: Ich glaube, wir verkauften mal von einer Vinyl-Gesamtauflage einer Tocotronic-LP extrem viel, fast zehn Prozent. Dafür machen wir dann sogar einen Mitternachtsverkauf. Auch DJ Koze läuft bei uns fantastisch. Eh musikalisch und humortechnisch ein Griff in die Sonne.

SPIEGEL ONLINE: Aber eine Platte von Neil Young, sagen wir, findet man nicht in Ihrem Sortiment, oder?

Klug: Nein. Allerdings haben wir ein kleines, feines Fach, in dem Hamburger Musiker zu Platten aus aller Welt raten - sogenanntes Empfehlungsmarketing. Da scheuen sich Deichkind nicht, die erste Coldplay-Platte zu empfehlen, obwohl die extrem uncredibel ist. DJ Koze empfiehlt da übrigens Manfred Krug und Dirk von Lowtzow erstaunlicherweise Sisters of Mercy.

SPIEGEL ONLINE: Die unvermeidliche Frage: Gibt es einen Hamburg-Sound?

Klug: In Hamburg wird oft Humor in die Musik eingebaut, dazu kommen Selbstironie und Selbstdistanz. Das macht so was wie einen Hamburg-Sound vielleicht aus. Ansonsten ist die Auswahl an Sounds von kleinen Plattenfirmen in der Stadt breit: Gefühliges von Grand Hotel Van Cleef, Politaktivistisches wie Buback oder Elektrotrashiges von Audiolith, um nur ein paar zu nennen.

SPIEGEL ONLINE: Deshalb bieten Sie zum Jubiläum auch "Hambrug"- Devotionalien an?

Klug: Ich habe mal in einem Ein-Euro-Shop in Altona "Hambrug"-Mützen entdeckt. Da war Hamburg einfach von einem indischen Näher falsch geschrieben worden. Ich kaufte fünf und verschenkte die an Freunde. Am nächsten Tag waren da alle Mützen weg. Zum Jubiläum haben wir nun eigene "Hambrug"-Sachen herstellen lassen. Wenn es dann demnächst aber "Brelin"-Mützen gibt, müssen wir uns wieder etwas Neues einfallen lassen.


Konzert: "10 Jahre Hasenplatte! 10 Jahre Hamburg!" Hamburg, 1. April, Knust

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Seite 1
karlaschnikow 01.04.2016
1.
The Sisters of Mercy könnte ja auch halbwegs als "Hamburger Band" durchgehen!
GyrosPita 29.03.2017
2.
Ah, mal wieder ein Vertreter der Gattung "Kunst ist nur wertvoll wenn es keiner kauft und man nicht davon leben kann". Davon ab geht mir Revolverheld aber auch auf den Keks...
dertieftaucher 29.03.2017
3. Kulturästhetik?!?
Vielleicht mag mir mal einer erklären warum der seichte Pop von Jupiter Jones kulturästhetisch weniger schlimm sein soll als der von Revolverheld. BTW: Jupiter Jones kommen nicht aus Hamburg.
Tiburon_Blanco 01.04.2016
4. Kulturästhetisch .....
...... dürfte es Revolverheld ziemlich egal sein was der gute Mann sagt. Seine Kultur scheint ja zu sein, so ziemlich alles schlecht zu reden was ihm nicht in den Kram passt (Revolverheld, Sportfreunde Stiller, Stadtmarketing ...). Von Größe zeugt so etwas kaum, eher von kleinlicher Verbissenheit. Finde ich kulturästhetisch reichlich unappetitlich. Die Idee hinter dem Plattenladen finde ich dennoch sehr charmant. So etwas wäre sicherlich auch für andere Städte/Regionen eine Bereicherung.
rahelrubin 29.03.2017
5. Recht hat er
Revolverheld ist schlimm, verstehe auch nicht, warum Sender, die niemals Helene Fischer spielen würden, sowas wie Revolverheld laufen lassen. Ich finde die Idee des Hamburg-Ladens jenseits von blöden Musicals gut. Sollte es in jeder Großstadt geben.
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