Abgehört - neue Musik Sitz, du schwarzbraune Bestie!

Get Well Soon orchestriert den neuen deutschen Albtraum im Sinatra-Stil, Antilopen-Gang-Mitglied Danger Dan gibt sich fresh und feministisch. Außerdem: Eine R&B-Entdeckung und eine Experimental-Amazone.

Von und


Get Well Soon - "The Horror"
(Caroline/Universal, ab 8. Juni)

Da sitzt er, in der Zimmerecke und drückt sich vor der aufklärerischen Sonne. Der schwarze Schäferhund auf dem Cover von Get Well Soons neuer Platte (eine Fotografie von Agnès Geoffray) könnte sinnbildlicher nicht sein: Der titelgebende Horror ist der bissige Köter einer nach Tollwut und Morast müffelnden deutschen Vergangenheit, der nur darauf wartet, mit einem kühnen Satz wieder ins Licht zu springen. Zum Beispiel mit der Aussage des Oppositionsführers im Deutschen Bundestag, Hitler und der Nationalsozialismus seien nur ein "Vogelschiss" in "über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte". Was für ein Alptraum.

Aus den Abgründen finsterster Träume bezog auch Konstantin Gropper alias Get Well Soon die Inspirationen für seinen neuen Liederzyklus. Das Erstarken von AfD und Rechtspopulismus, die Wahl Trumps zum US-Präsidenten, all dieser autoritäre, nationalistische Murks, der überwunden geglaubt war, brach sich Bahn ins besorgte Unterbewusstsein des Mannheimer Musikers. Er träumte von Erdrutschen, die sein Haus in die Tiefe zu reißen drohen ("Nightmare No. 1 (Collapse))", von unbehaglichen Abendeinladungen inmitten mahnender Raubkunst in Görings alter Villa ("Nightmare No. 2 (Dinner at Carinhall))" oder schlicht davon, zu ersticken ("Nightmare No. 3 (Strangled))".

Die Gräuel der Historie ziehen wie Poltergeister durch diese Phantasmagorien und sorgen für Unruhe: "Haunted by a knocking sound/ Horror makes the world go round"). Die Angst der Mittelschicht vor dem Abstieg ("How To Stay (Middle Class)" thematisiert Gropper in seiner irisierenden Angst-Bilanz ebenso wie die #MeToo-Debatte ("Nightjogging"), religiösen Wahn ("Martyrs") und den Krieg in Syrien ("Future Ruins Pt. 2"). Und endet in "(Finally) A Convenient Truth" mit einem versöhnlichen Riff auf Heiner Müller und die Beastie Boys: "You gotta fight for your right/ To cringe and take fright/ So join hands/ In horror unite". Selig sind die Ängstlichen.

Keine leichten Themen für ein Pop-Album, aber für die leichte Muse trat Gropper, einst Absolvent der Pop-Akademie, noch nie an. Dem bieder-romantischen Optimismus seines letzten Albums "Love" setzt er jetzt ein unbequemes, an Scott Walker, David Lynch und Sinatras "In The Wee Small Hours" geschultes Crooner-Opus entgegen, das seinen gediegenen Orchester-Wohlklang immer wieder ins Surreale und (Schauer-)Märchenhafte driften lässt, dräuende Waldhörner und irrlichternde Oboen inklusive. Das ergibt ein dichtes Geflecht aus gedrückten Stimmungen, urgewaltigen Assoziationen und erhabenen, tief in die Zeitläufte resonierenden Klängen - ein ambitioniertes Werk, das in der jüngeren deutschen Musik seinesgleichen sucht.

Schade nur, dass es trotz seiner emotionalen Tiefe und intellektuellen Wucht ein zuweilen allzu träger Traumtanz bleibt, statt die dem Nachtmahr angemessene Dramatik und Dringlichkeit zu entfachen. Das böse Erwachen in Gestalt einer geifernden, laut bellenden Bestie in Schwarzbraun wird dieser nach Trost sinnende Schöngeist kaum bannen können. Leider. (7.9) Andreas Borcholte

Jorja Smith - "Lost & Found"
(Famm/The Orchard, ab 8. Juni)

Vor ein paar Monaten verschluckte sich "Pitchfork" mal wieder vor Aufregung fast am nachmittäglichen Frappuchino: "Ihre Stimme könnte die Welt heilen", schrieb das US-Onlinemagazin über Jorja Smith, die zuvor mit einigen Singles, einer EP sowie einer Handvoll Güteklasse-A-Features mit Drake, Stormzy, Kali Uchis oder Kendrick Lamar auf dessen "Black Panther"-Soundtrack reichlich Staub aufgewirbelt hatte. Natürlich war man sich sicher: Die 20-Jährige aus den englischen West Midlands ist die nächste große R&B-Nummer.

Angesichts eines solchen Vorschusses überrascht "Lost & Found" zunächst: Smiths Debüt ist alles andere als ein Innovationsmotor. Stattdessen kocht sie auf 12 Songs bis aufs Mikrogramm genau das gute, alte R&B-Rezept nach: Zwei Messbecher Bass, fünf Esslöffel Boom-Bap-Drums, zwei Teelöffel Soul, drei Messerspitzen Soul-Piano und eine Prise getrockneter Funk. Das schmeckt, ist nahrhaft, haut aber eigentlich niemanden mehr vom Hocker - außer, wenn Jorja Smith es zubereitet.

Wie das sein kann? Erstens hat die Britin tatsächlich eine außergewöhnliche Stimme, die wohl auch den örtlichen Spielmannszug spannend klingen lassen würde. Zweitens besteht zieht "Lost & Found" eine autonome Stärke eben genau daraus, sich konsequent aktuellen Trends des Genres zu entziehen.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Smith flirtet nie mit Trap oder Grime, widersteht jeglichen Crossover-Versuchungen, bringt kein einziges prominentes Feature oder den eigentlich obligatorischen Club-Banger an den Start. Stattdessen formuliert sie einen höchst persönliches Hybrid aus großer Diven-Geste und eigensinnigem Leftfield-Pop, irgendwo zwischen Lauryn Hill, FKA Twigs und SZA.

Das führt sich auch thematisch fort: Während ein Großteil der Songs die Fallstricke junger Liebe durchdekliniert, schleichen sich beispielsweise in "Blue Lights" (das sich an Dizzee Rascals Hit "Sirens" orientiert) oder "Lifeboats (Freestyle)" einige beißend sozialkritische Kommentare ein: "There's no need to run/ If you've done nothing wrong/ Blue lights should just pass you by", singt sie. Soll heißen: Renn nicht gleich los, wenn du die Polizei hörst - auch wenn du als schwarzes Kid darauf konditioniert bist. Am Ende muss man "Pitchfork" also nur teilweise widersprechen: Für die ganze Welt reicht es noch nicht, etwas zutiefst Heilsames hat "Lost & Found" trotzdem. (8.5) Dennis Pohl

Danger Dan - "Reflexionen aus dem beschönigten Leben"
(JKP/Warner, seit 1. Juni)

Mit dem Albumtitel wird das wohl nix mit dem Erfolg beim durchschnittlichen deutschen Rap-Hörer: zu viele Silben und ein Fremdwort mit x… heijeijei. Dabei beginnt der Solo-Trip von Antilopen-Gang-Mitglied Daniel Pongratz mindestens so gewaltbereit wie ein gemeiner Battletrack: "Eine aufs Maul", garniert mit Autotune, Streichersatz und Hämmerpiano, eröffnet Danger Dans Reflexionen mit schönster Autoaggression: Aufs Maul soll hier nämlich nicht der ideologische Gegner, Fremde oder Rap-Antagonist kriegen, sondern sein schwaches, Drogenkonsum, Trägheit und Schwachmatentum zugeneigte innere Schweinehund. Im Folgenden hält ein älter und weiser gewordener Chaot und Lebenskünstler sehr unterhaltsame 40 Minuten lang ein kafkaesk-komödiantisches Zwiegespräch mit sich selbst und dem Status Quo seiner neuen, wundersamen Existenz im Pop-Establishment ("Private Altersvorsorge 2", "Die Verwandlung"). Das letzte Album der Gang aus Düsseldorf und Aachen, "Anarchie und Alltag", eroberte letztes Jahr die Nummer eins der Charts.

Nur einmal, in "Drei gegen einen", an dem die Antilopen Koljah und Panik Panzer auch teilnehmen, schwenkt Danger Dan in übliche Rap-Rhetorik. Es geht darum, sich im Zwielicht der aktuellen Straßenrap-Debatte gegen Kollegah, Gzuz und Co. abzugrenzen ("Diskriminierung ist behindert, du Hurensohn"), aber Pongratz schafft sich auch ganz alleine, eine ganz und gar unpeinliche Ausnahmestellung im schmalen Genre des deutschen Conscious Rap zu beziehen. Schlagfertig und -kräftig positioniert sich Danger Dan, Vater einer kleinen Tochter, in "Sand in die Augen" als Feminist, der in der #MeToo-Debatte statt einer Armlänge Abstand eine Krav-Maga-Handkante empfiehlt, den Frauen, versteht sich. Dem allgemeinen Trend, nichts mehr ernst zu nehmen erteilt er mit "Wir lachen uns tot" eine giftige Absage; "Piss in den Käfig" und "Mingvase" rufen dazu auf, die lähmenden Ketten der Lethargie und Angepasstheit zu sprengen. Hier sitzt fast jeder Reim, entfaltet jeder Hook und Refrain Nachhaltigkeit und kopfnickende Wirkung.

Andreas Borcholtes Playlist KW 23
SPIEGEL ONLINE

01 Schwesta Ewa: Tabledance feat. SXTN

02 Danger Dan: Drei gegen einen feat. Koljah & Panik Panzer

03 Drake: I'm Upset

04 Kanye West: All Mine

05 Pusha T: Come Back Baby

06 Moses Sumney: Make Out In My Car (James Blake Version)

07 Eartheater: Inclined

08 Jenny Hval: The Long Sleep

09 Oneohtrix Point Never: Black Snow

10 Get Well Soon: The Horror

Musikalisch geht es ebenso sprunghaft zu wie in den Texten, Reggae und Rock werden ebenso instrumentalisiert wie Pop-Melodien, ohne dass es je zu anbiedernd wirkt. Einzig das auf Bluesgitarre schunkelnde "Die Grundvoraussetzung", eine kleine, selbstverliebte Prahlerei, und die kuriose Prinzen-Hommage "Die Prinzentragödie" (mit Sebastian Krumbiegel als Gast) wirken stumpfer, als nötig gewesen wäre. Aber geschenkt: "Reflexionen aus dem beschönigten Leben" hat mehr Druck und Pop-Appeal, als der gedrechselte Titel verheißt. Krasse Bosstransformation, aber mit Herz, Witz und Verstand. (8.0) Andreas Borcholte

Eartheater - "Irisiri"
(Pan, ab 8. Juni)

Wenn man sich spätabends an Brooklyns Myrtle Avenue ins "Happyfun Hideaway" verirrt, kann es nicht nur sein, dass in der Queer-Bar gerade die frauenbewegte Oben-Ohne-Truppe "Boobs of Bushwick" Jenga spielt. Es kann auch sein, dass man von einer der zurzeit interessantesten Elektronik- und Experimentalmusikerinnen bedient wird. Neben ihrer Kunst jobbt Alexandra Drewchin alias Eartheater nämlich als Tresenkraft, aber das wird sich bald erledigt haben, wenn ihr weiterhin so viel Aufmerksamkeit zukommt wie in den vergangenen drei Jahren seit Veröffentlichung ihres Debüt-Doppels "Metalepsis" und "RIP Chrysalis". "Irisiri" erscheint nun auf dem kundigen und sehr coolen Berliner Label Pan Records, das mit Pan Daijings "Lack" eines der besten Experimental-Alben des vergangenen Jahres herausbrachte.

Wie Pharmakon, Sevdaliza oder Moor Mother, die hier im tribalen Track "MMXXX" gastiert, gehört Eartheater zu einer kleinen Gruppe junger Frauen, die mit ihrer klanglich fordernden Musik bestehende soziale Systeme, Geschlechtermuster und Rezeptionsordnungen umstürzen. "C.L.I.T", einer der am ehesten Pop-konformen Tracks auf "Irisiri", der an The Knife oder Fever Ray erinnert, bedeutet nicht nur das, was das Akronym suggeriert, sondern "Curiosity Liberates Infinite Truth" - Wahrheit, die durch Neugier erschlossen wird. Ein Grundthema des Albums, wie Drewchin sagt. "These tits are just a side effect", sprechsingt sie in "OS In Vitro", "you can't compute Her" - die Frau, das autonome, ungeplante, unkontrollierbare Wesen.

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Ähnlich idiosynkratisch komponiert Eartheater auch ihren Sound, der in "Inclined" kecke Hip-Hop-Rhythmik mit sehnsuchtsvollen Streicher-Samples und hektischen Klopfgeräuschen kontrastiert. "Not Worried" löst ein altmodisches Jazz-Schlummerlied in irritierender Polyphonie, Piepen und Klickern auf; durch "Inkling" schiebt sich ein schleppender Trip-Hop-Beat, über den Drewchins gepitchter Sopran geisterhaft heult. Und "Curtains" lässt die auf dem Album allgegenwärtige Harfe klimpernd mit futuristischem Techno interagieren, der wie aus der Zukunft immer wieder in den Track hineinweht.

Um den Clash einer naturgewaltigen Folklore, so alt wie Mutter Erde, mit den multiplen Möglichkeiten der Technologien des 21. Jahrhunderts, darum scheint es in dieser feministisch-schamanischen Musik zu gehen, die, so sagt es Drewchin, sich wie ein freundlicher Fungus ins Patriarchat hineinfressen will. Um es irgendwann komplett zu verdauen, versteht sich. (8.2) Andreas Borcholte

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 2 Beiträge
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marac 05.06.2018
1.
Bravo Herr Bocholte, sie haben es wirklich geschafft. Extra für sie habe ich mir die Zeit genommen einen Spiegel-Online Account zu erstellen. Ich möchte ihnen nur sagen, dass ihre Einleitung in die Danger Dan Review wirklich das widerlich elitärste ist, was ich heute gelesen hab. Ihr unterschwelliger Sozialchauvinismus war wirklich wundervoll verpackt. Innerlich musste ich mich nicht nur einmal übergeben. Liebe Grüße,
spon_5447681 14.06.2018
2. Mehr geht nicht
Antilopen, das sind doch die mit den Atombomben auf Deutschland. MeToo, Patriarchat, deutscher Alptraum. Wohl noch nie wurde dermaßen viel virtue signaling in einer einzigen Musikkolumne komprimiert. Im Ergebnis leider so ungenießbar wie die präsentierte Musik.
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