Ghetto-Kultur Poesie aus der Siedlung

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3. Teil: Der Manager war überrascht, dass Massiv noch zu haben war


Schulz sagt, er sei erstaunt gewesen, wie einfach es am Ende war, Wasiem alias Massiv aufzuspüren und zu verpflichten. "Jeder kannte ihn in der Szene." Als Wasiem letztes Jahr nach Berlin kam, hatte er auf einem kleinen Label ein Album herausgebracht. 2000 Stück wurden davon gepresst, die waren in ein paar Wochen ausverkauft, und zu seinen Auftritten kamen damals schon tausend Leute.

"Ich war eigentlich überrascht", sagt Schulz, "dass der noch zu haben war." Als Schulz Ende letzten Jahres Wasiem der Sony BMG anbot, griff diese sofort zu.

Vor dem Wohnsilo im Wedding steht im Halteverbot ein metallicblauer Mercedes, schwer und nagelneu. Den hat Wasiem bis auf weiteres gemietet, 1500 Euro kostet ihn das im Monat, Wasiem hat schon einen Vorschuss bekommen. Jeden Tag fährt er nun mit stolzer Brust in diesem Mercedes nach Kreuzberg in das Aufnahmestudio des Produzenten DJ Desue, den die Sony BMG für ihn engagiert hat. Desue ist einer der angesehensten und teuersten Produzenten für Rap-Musik in Deutschland, man will kein Risiko eingehen.

Denn das Rap-Geschäft ist riskant. Der Konkurrent Warner zum Beispiel ist bereits gescheitert mit seinem Ausflug ins Gangsta-Land. Warner ist überhastet einen Deal mit den Weddinger Gangsta-Rappern des Labels Shok Muzik eingegangen, die sich vor allem Aufmerksamkeit dadurch versprachen, dass sie die anderen Berliner Rapper, Sido und Bushido, aber auch Massiv, in ihren Texten bedrohten und beschimpften. Bushido sagt, er habe diese in den Liedern ausgesprochenen Beleidigungen "privat geregelt", was immer das heißt. Fest steht, dass das Album des Shockers D Irie sich nur äußerst schleppend verkaufte - der sonst so erfolgreiche Berliner Gangsta-Rap hatte seine erste große Pleite.

Man ist also gewarnt bei Sony BMG, es darf kein Fehler gemacht werden. DJ Desue und ein, zwei andere Gastproduzenten schreiben für Wasiem die Musik, alles, was er noch braucht, sind seine Texte und so viel Rhythmusgefühl, sie über die Musik zu sprechen. Das klappt erstaunlich gut. Wasiem steht in der Gesangskabine des Studios, er ist konzentriert, seine Stimme rau, aber er hält den Rhythmus. Wasiem hat sich eine schwere goldene Kette um den Hals gehängt, er hebt seine mächtigen Arme hoch zum Mikrofon, Arme so breit wie anderer Leute Beine, all seine Vorstrafen fänden darauf Platz und auch die seiner Freunde. Und was er nun zu der Musik singt, ist genau, was Sony BMG sich gewünscht hat:

Ich bin ein Kanake, der vom Messerstechen Narben hat.

Wasiems Texte sind härter als das, was Bushido singt, sie sind pathetisch, humorlos und manchmal kitschig. Aber vor allem, sagt Sony BMG, seien sie authentischer als die von Bushido, der in der Szene längst als Kinder- und "Bravo"-Star gilt.

Das Leben ist wie Einzelhaft, ich ziehe die Knarre erst, wenn der Mond in mein Ghetto kracht.

Das wird der erste Hit, Wasiem ist sich sicher, Guido Schulz auch, Sony BMG hofft.

Nur ein paar Straßen weiter, auch in Kreuzberg, liegt die Zentrale von Aggro Berlin, das Epizentrum des Berliner Gangsta-Rap. Hier trifft man einen Mann, der sich Specter nennt und seinen Klarnamen nicht in der Zeitung lesen möchte. Specter ist einer der drei Chefs von Aggro Berlin, der Architekt der Karriere von Sido, der Entdecker von Bushido und Ziehvater der weniger berühmten Künstler des Labels wie zum Beispiel B-Tight.

Den hat Specter heute hierherbestellt, sein neues Album "Neger Neger" ist fast fertig, nun müssen noch Fotos gemacht werden. Dafür hat Specter zwei Stripperinnen kommen lassen, sie sollen sich mit ihren schönheitschirurgisch vergrößerten Brüsten neben B-Tight legen, er soll sich an sie schmiegen und dabei eine Maschinenpistole in der Hand halten. "Klar, Alter, kein Problem, mach ich", sagt B-Tight, schließlich gehe es für ihn beim Rappen darum, "zu zeigen, was man hat", und das sind in seinem Fall schöne Frauen, genug Dope, Mittel, sich zur Wehr zu setzen, und ein funktionstüchtiges Geschlechtsteil.

Specter, der Labelchef, ist in Paris und Washington groß geworden, seine Eltern waren Aufsteiger, doch Specter sagt, er fühlte sich früh abgestoßen von ihrer gesellschaftlichen Welt, ihn zog es auf die Straße in ein, wie er sagt, "authentisches Leben".

Specter redet und denkt schnell, er springt durch die Räume, als hätte ihn jemand an einem Rädchen auf dem Rücken aufgezogen. Jetzt sagt er: "Wenn du von ganz unten kommst, aus der untersten Unterschicht, wenn du im letzten Loch gelebt hast, bei keinem Scheiß-Amt gemeldet warst, noch nicht mal eine Krankenversicherung hattest - ist es dann nicht in Ordnung, dass man stolz ist auf das bisschen, was man erreicht hat - auch wenn barbusige Frauen dazugehören?"

Für die Mittelschicht sei die Musik von Aggro Berlin wie ein Besuch im Zoo, sagt Specter, mit ihr könne man eine Kultur miterleben, die für einen Moment die gesellschaftliche Pyramide umdrehe. "Die Straße steht dann ganz oben", sagt Specter, "die Unterschicht. Die Mittelschicht und die Oberschicht schauen in dem Moment, in dem sie unsere Musik hören, zu uns herauf."

Das hat es tatsächlich bisher in Deutschland nicht gegeben: eine Unterschichtskultur, die sich selbstbewusst als solche artikuliert und die eigenen Merkmale ästhetisch überhöht. Das bestätigt der Milieuforscher Carsten Ascheberg, er sagt: "Die konsum-materialistische Unterschicht, die wir bisher in unseren Untersuchungen angetroffen haben, würde sich selbst nie als Unterschicht beschreiben. Im Gegenteil, ihr Verhalten war immer darauf ausgerichtet, den Anschluss an die Restgesellschaft zu finden."

Man schere sich nicht um den Anschluss, verkündet B-Tight. Und Wasiem sagt, er sei stolz, die "Schattenseiten Deutschlands zu repräsentieren".

Wasiems Rapper-Biografie hatte bloß einen Haken: Er ist nicht aus Berlin. Er hat hier keine Revierrechte. Das ist wie im Tierreich.

Doch Wasiem hatte vorgesorgt. Noch von Pirmasens aus hatte er für dieses Problem eine Lösung organisiert.

Und diese Lösung wartet an diesem Nachmittag in einem arabischen Schnellimbiss auf der Sonnenallee in Neukölln, wo Wasiem seinen Miet-Mercedes nun hinsteuert. Er ist stolz auf diese Lösung und will sie vorstellen. Sie heißt Kubilay, Aschraf und Haider. Wasiem nennt sie "mein Rücken".

Den Abschnitt der Sonnenallee, auf dem der Schnellimbiss liegt, nennen Kubilay, Aschraf und Haider "Gaza-Streifen", weil er voll ist mit arabischen Wasserpfeifen-Cafés und -Restaurants. Es ist einer der ersten warmen Tage des Frühlings, auf den Straßen blubbern die BMW, die Auspuffrohre dick, die Reifen breit, die meisten sind alte Cabrio-Modelle, darin arabische Männer. Sie tragen Sonnenbrillen. Es dröhnt die Musik.

Kubilay ist Kurde, Haider ist Türke und Aschraf kurdischer Libanese, aber das ist nicht so wichtig, zusammen gehören sie zu einer arabischen Großfamilie. So bezeichnet das Landeskriminalamt Berlin die arabisch geführten Gruppen, die weite Teile der Berliner Rotlicht-, Drogen- und Nachtlebenszene kontrollieren. Haider und Aschraf haben früher zusammen Raubüberfälle verübt, sie saßen dafür im Gefängnis, Haider sechs, Aschraf nur drei Jahre.

"Das sind meine Brüder", sagt Wasiem und stellt einen nach dem anderen vor. Die Brüder sind höflich, sie sprechen zuvorkommend, und bald beginnt Aschraf von seiner Jugend in Neukölln zu erzählen, von der Rütli-Schule, wo er mit zwölf im Unterricht rauchen konnte, von all den anderen Schulen, von denen er geflogen ist, und davon, dass er von vornherein keine Chancen in Deutschland hatte. "Mein Leben ist versaut", sagt Aschraf, er habe keine Perspektive mehr in Deutschland. Er hat eine Duldung, darf aber Berlin nicht verlassen.

Vor ein paar Monaten, im Januar, hat wieder jemand auf ihn geschossen, mitten auf der Straße, hier in Neukölln. Doch die Waffe hatte Ladehemmungen, keiner der Schüsse hat ihn getroffen.

Aschraf sagt, er weiß weder, wer geschossen habe, noch warum geschossen wurde. Und spätestens jetzt wird klar, die Welt des Gangsta-Rap hat auch viel mit misslungener Integration zu tun: Außer Sido sind fast alle der Berliner Gangsta-Rapper fremder Abstammung. Das typisch gerollte R, die harten Konsonanten, so klingt Deutsch im Gangsta-Rap.

Axel Bédé ist Chef des Dezernats für Organisierte Kriminalität beim Landeskriminalamt in Berlin. Er kennt Wasiems sogenannten Bruder Aschraf, beim LKA existiert eine ganze Akte über ihn. Bédé nennt jemanden wie Aschraf nicht "Bruder", sondern Gewalttäter, er gehört zu einem der mächtigsten Clans. Warum auf Aschraf geschossen wurde, darüber hat Bédé auch keine, wie er sagt, gesicherten Erkenntnisse, allerdings hat er, um das herauszufinden, am Tag nach den Schüssen 350 Beamte in Gang gesetzt und in Lokalen und Cafés der Araberszene Razzien durchführen lassen. Ergebnislos zwar, allerdings vermutet Bédé hinter den Schüssen einen Streit zwischen Aschrafs Clan und ausgerechnet jener Araberfamilie, die enge Verbindungen zu dem Rapper Bushido unterhält.

Das Geschäft der Straße wird mit Mitteln der Straße geführt. Zwischen Massiv und Bushido etwa bahnt sich nicht nur eine künstlerische Rivalität an, es besteht bereits jetzt eine Rivalität der Schutztruppen im Hintergrund.

Um ebendiesen Schutz geht es an diesem Nachmittag im Neuköllner Schnellimbiss. Man dürfe das bitte nicht mit Schutzgeld verwechseln, sagt Aschraf. Man sei doch befreundet. Natürlich passe man auf Wasiem ein bisschen auf. Und wenn sich Wasiem außerhalb seines Terrains bewegt, ist immer einer von Aschrafs Jungs mit dabei.

Bei der letzten "Echo"-Verleihung trafen Wasiem und Bushido aufeinander. Beide eskortiert von ihren Clans. Es ging ausgesprochen friedlich ab, und doch ist die Veranstaltung in den Akten des LKA verzeichnet, als ein besonderes Vorkommnis.

Man fragt sich, ob dem Unterhaltungskonzern Sony BMG in seiner Zentrale im fernen München klar ist, was er sich mit seinem Glücksgriff Massiv alles mit eingekauft hat.

Am Abend, als Massiv nach Hause kommt, hat sein Vater auf ihn gewartet. Er hat keine Arbeit mehr seit dem Umzug der Familie nach Berlin, doch jeden Morgen steht er um sechs Uhr auf, denn jeden Morgen ist irgendwo in Berlin ein Markt. Der Vater fährt dorthin und hilft, die Stände aufzubauen. "Du kriegst kein Geld dafür", sagt Wasiem zu ihm, "warum machst du das?" Der Vater zuckt dann mit den Schultern, irgendetwas müsse er doch tun.

In solchen Momenten bekommt Wasiem manchmal ein schlechtes Gewissen. Und was, wenn das doch alles nicht klappt mit dem Gangsta-Rap-Startum?

Er ruft dann schnell seinen Agenten an. Ob alles klar sei mit dem Vertrag, fragt er. Auf der anderen Seite wird etwas geantwortet, Massiv sagt immer wieder "Hammer" und "auf jeden", dann wieder "Hammer". Kein Grund zur Beunruhigung.

An diesem Abend hat der Vater seinen Sohn gefragt, ob er ihn vielleicht mit seinem Mercedes in die Beusselstraße fahren könne. Was er denn da wolle, hat Wasiem zurückgefragt. Eine libanesische Eisdiele sei da, sagte der Vater. Die suchten eine Aushilfe.

Wasiem hat kurz überlegt. Dann hat er den Kopf geschüttelt und dabei mit der Zunge geschnalzt. Warum begreift der Vater es nicht? Es wäre ja noch schöner, wenn der Vater eines Gangsta-Rap-Stars in der Eisdiele arbeiten würde.



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