Ghetto-Kultur Poesie aus der Siedlung

Die Unterschichtskultur hat ihre TV-Programme, ihre Zeitungen, ihre Reisen. Vor allem hat sie Gangsta-Rapper, die sich in Berliner Straßenclans organisieren. Der neueste Star soll Massiv werden, ein ehemals krimineller Palästinenser.

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Von dem Plan für sein neues Leben erzählte Wasiem Taha seinen Eltern zum ersten Mal vorletztes Jahr im Winter. Wasiem hatte, damals 22, seinen Vater Hani und seine Mutter Hiam ins Wohnzimmer bestellt, in dem die Familie damals zu viert lebte, die Eltern, Wasiem und seine Schwester Amani plus ein paar Katzen, eine Einzimmerwohnung in Pirmasens in der Pfalz.

Wasiem hatte sich genau überlegt, was er sagen wollte, und wie immer sprach er mit seinen Eltern Arabisch, er sagte: "Vater, Mutter, ich möchte, dass wir nach Berlin ziehen. Ich werde dort Gangsta-Rapper werden, ich werde Erfolg haben, reich werden und für euch alle sorgen können."

Die Mutter schüttelte den Kopf. Dann fing der Vater an zu schreien. Ging denn mit diesem, seinem einzigen Sohn alles schief?

Die Familie Taha lebte seit über 25 Jahren in Pirmasens. Sie ist dort heimisch geworden, nachdem sie durch Zufall dort gelandet war, damals 1980, als sie wie viele Palästinenser aus dem Südlibanon fliehen musste. Der Vater hatte sich in Pirmasens einen Job erkämpft, von dem er nicht weiß, wie er auf Deutsch heißt, doch der damit zu tun hatte, Metallteile zu verzinken. Die Mutter hatte endlich ein bisschen Deutsch gelernt, es gab Freunde. Niemals würden sie dieses Leben aufgeben, nur weil der Sohn etwas von - wovon? - von Gangsta-Rap redete.

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Ihr Sohn Wasiem ist in Deutschland geboren, er ist die zweite Generation, die anfällige, die radikalisierte, die im Wohlstandsrummel das Risiko nach unten eingeht: in fanatische Glaubenszirkel, in Halbweltgeschäfte, in die Idee vom schnellen Geld. Wasiem sollte alle Chancen haben, sagt die Mutter, doch in den letzten Jahren hatte er sich zu einem Koloss von 120 Kilo entwickelt, er hatte seinen Oberkörper mit Muskeltraining aufgepumpt, sich den Schädel rasiert und sich immer neue Zeichen und Bilder in die Haut tätowieren lassen, die die Eltern nicht verstanden. Wasiem hatte sein Geld damit verdient, Drogen zu verkaufen, und seine Freizeit damit verbracht, anderen die Köpfe einzuschlagen, er landete im Jugendarrest, später in Untersuchungshaft. Wasiem war gerade erst Anfang zwanzig, als das Jugendamt sagte, er habe schon keine Perspektive mehr in Deutschland.

Zu dieser Zeit, vor ein paar Jahren, begann Wasiem, immer wieder nach Berlin zu reisen. Manchmal blieb er zwei Wochen, andere Male monatelang. Er habe dort Freunde gefunden, berichtete er den Eltern, Araber wie sie. Sie hätten ihm geholfen, in Berlin Fuß zu fassen, und ihn beschützt. Außerdem hat er dort angefangen, kleine Geschichten aus seinem Leben aufzuschreiben, über Messerstechereien, über Kokainhandel, Freunde im Gefängnis und über "Nutten". Diese Geschichten hat er über HipHop-Beats gerappt und aufgenommen.

Und jetzt, sagte Wasiem an jenem Tag vor anderthalb Jahren im Wohnzimmer in Pirmasens zu seinen Eltern, lasse sich in Berlin für jemanden wie ihn als Gangsta-Rapper Geld machen, viel Geld.



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