Ghostpoet beim ADD-Festival: Der Blues vor dem Bankomaten

Von Silke Weber

Keine Kohle, aber die Welt erobern wollen: Mit grandiosen Elektro-Arrangements und Texten über ein Leben am Limit füllt Ghostpoet Festivalplätze wie ein Prediger die Kirche. Der britische HipHop-Musiker tritt beim Auf-den-Dächern-Festival von SPIEGEL ONLINE und tape.tv auf.

Ashley Bingham

In einen Ghostpoet-Song wird man hineingeworfen wie ins Leben: "Rolling like a penny through the day." Wie Kleingeld rollt man durch den Tag. "Got no check book, got no credit card, life is pretty hard" - ohne Kreditkarte ist das Leben hart, so rappt Ghostpoet, der eigentlich Obaro Ejimiwe heißt. Er ist gebürtiger Brite, 29 Jahre alt, mit nigerianischen und dominikanischen Wurzeln und in der post-industriellen Ödnis Coventrys aufgewachsen. Der Musiker kennt das Geräusch des Bankautomaten, wenn der seine Bankkarte verschluckt.

Aber dann sind da diese aufwendig produzierten Videos, denen man anmerkt, dass Ghostpoet gefallen will, dass er ganz genau auf die Arrangements achtet. Das ist keiner, der ganz unten anfängt. In den letzten zwei Jahren verlief sein Leben ziemlich rasant, mit seinen schleppenden Reimen wirbelte er durch die britische Musikszene, er schaffte es nicht nur in die persönliche Playlist von Mike Skinner (The Streets) oder ergatterte sich einen begehrten Platz in dem "New Band of the Day"-Feature des "Guardian". Sein Debütalbum "Peanut Butter Blues And Melancholy Jam" war 2011 für den Mercury Prize nominiert, die wichtigste britische Auszeichnung.

"Sound of Life", so beschreibt Ghostpoet seine Arbeit im Interview. Er will nicht als "Rapper" kategorisiert werden. Das ist nicht der Livestyle eines jungen Mannes aus dem hippen East-London, wo Ejimiwe inzwischen lebt. Ohnehin ist sein Künstlername die Flucht vor Genres und Generalisierungen: "Ich habe versucht einen Namen zu finden, aus dem sich nichts ablesen lässt", sagt er.

In seinen somnambulen Songs arrangiert er Alltagsplots wie in einem vernebelten, aber dennoch begierigen Bewusstseinsstrom, sie sind zugleich lethargisch und treibend, vorgetragen mit einer nöligen Stimme, die den Zuhörer sanft einhüllt. Es gibt viele bewusst offen gelassene Leerstellen in seinen Songs, ein Beat den man sich ständig dazu denken will. Und in diese Lücke entlädt sich eine gewaltige Sehnsucht. Es sind Skizzen aus dem morgendlichen Zwielicht an der Bar, während die letzte Nacht noch dumpf im Kopf dröhnt. Versteckt sich dort eine Botschaft? "Es geht nur darum, den Druck des Lebens in der Musik zu spiegeln", sagt er.

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HipHop-Dichter Ghostpoet: Im Beat des Lebens
Wenn Ghostpoet über den Sound und das Leben spricht, benutzt er ausgewählte Worte wie "Ambiguität" und "Momentum", seine kräftigen Hände tanzen dabei durch die Luft. Mit 16 hat er mit dem Texten begonnen, zwei Jahre später machte er in einem Grime-Kollektiv erste Experimente mit elektronischer Musik, studierte dann Medienproduktion in seiner Heimatstadt. Äußerlich ein eher grober Kerl mit Stiernacken, verbirgt sich hinter der Hipster-Brille ein sensibler Geist mit viel Gespür für die melancholischen Seiten des Lebens. Bei seinen Live-Auftritten, die er zumeist alleine mit einem Arsenal von Geräten und einem Begleit-Gitarristen absolviert, entwickelt Ghostpoet eine enorme Kraft.

Aber wohin damit? "Es gibt keinen Plan, kein Ziel", sagt Ghostpoet. "I just wanna live life and survive it", singt die Menge im Refrain zu funkigen Backlines mit.

Mit seiner eindringlich-monotonen Stimme füllt er die Bühne und den Raum davor aus wie der Prediger seine Kirche. Der singende Straßenpoet öffnet einen Raum, in dem alles die gleiche Gültigkeit zu besitzen scheint, ein Mix an Stilen und Gefühlen, in dem sich die Ziele und Sinn suchende Jugend der prekären Vororte widerspiegelt. Doch Ghostpoet will einen "experimentellen Sound" und Musik, "zu der jeder Zugang findet, egal woher er kommt" - Mainstream und individuell zugleich.

Damit trifft er den Nerv der Zeit ziemlich gut.

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