Opernpremiere in Dresden: Das Gespenst der Freiheit
Giacomo Puccinis Oper "Manon Lescaut" ist eine Herausforderung für Regisseure, Dirigenten und Sänger. Wie man effizient mit dem Gefühlsbombast umgeht, zeigten Stefan Herheim und Christian Thielemann an der Semperoper. Sogar Puccini selbst war zugegen.
Was ist die Liebe in Wirklichkeit? Nein, eine Nummer kleiner geht es nicht, denn Giacomo Puccini hat in seiner frühen Oper "Manon Lescaut" (1893) genau diese Frage auf die Bühne gebracht. Darum herumdrücken kann sich kein Regisseur, und an der Dresdner Semperoper kreuzte der überaus erfolgreiche Stefan Herheim die Klingen mit Puccini. Damit auch Puccini buchstäblich im Bilde war, stellte Herheim den Komponisten als Wiedergänger mitten in die Handlung - und hatte damit gleich seinen doppelten Boden zwischen Ironie und Kommentar eingezogen. Das Ganze mit einer Pantomine während des Vorspiels eingeführt, und der Diskurs konnte beginnen. Und der geriet wunderbar kurzweilig.
Erstens: Die Liebe strebt nach Freiheit. Manon Lescaut, die fröhlich-lebensdurstige Frau, die sich hin- und her reißen lässt zwischen großen Gefühlen für den armen Renato Des Grieux und materiell gesichertem Leben mit dem älteren Geronte di Ravoir kämpft um ihre Freiheit und Selbstbestimmung, ohne immer genau zu wissen, was das Beste für sie ist. Regisseur Herheim dekliniert diesen Freiheitsanspruch durch verschiedene historische und gesellschaftliche Aspekte. Dabei greift er zum prallsten und bekanntesten Freiheitssymbol: Das Wahrzeichen des amerikanischen Traum für die Ausbrecher aus aller Welt, die Freiheitsstatue, ist während der gesamten 120 Minuten von "Manon Lescaut" im Bau, wird transportiert, späht gespenstisch drohend auf die Szenerie, wird Projektionsfläche und Versprechen. Die Geschichte der USA schaut in Gestalt der Unabhängigkeitserklärung im Riesenformat vorbei, Zeitreise ist angesagt.
Der Traum wird zum Tod
Zweitens: Liebe ohne Zwänge gibt es nicht. Die Gesellschaft, die Politik spielt immer mit. Herheims opulente Drehbühne (erdacht von Heike Scheele) packt eindrucksvoll den Chor als perfekt arrangierte Volksmassen mit dicht choreographierten Bildern auf die Bühne. Dass der Dresdner Opernchor stimmlich superfit ist (geleitete von Pablo Assante), versteht sich von selbst. Ob Arbeitermassen, die Lady Liberty und ihr gesellschaftliches Versprechen formen, oder als bigotte Verächter der lebenslustigen Manon, sie symbolisieren Druck und Zwang. Das führt dazu, dass Manon Lescaut wegen eines vermeintlichen Vergehens in die amerikanische Verbannung geschickt wird: Der Traum kehrt sich um in Strafe und letztendlich Tod. Dass ihr der romantische Liebhaber Des Grieux in Verbannung, Wüste und diesen Tod folgt, macht die Sache nicht schöner.
Aus diesen Widersprüchen heraus spielt Stefan Herheim mit dem Stoff, dem er zwar durchaus vertraut, ihm aber neues Leben mit vielerlei Aspekten einhaucht. Dabei gelingen ihm und der Kostümbildnerin Gesine Völm suggestive Bilder aus historisch-pastellenen Kleidern, die mit karikierender Verzerrung verstören. Die Gefängnisszene mit den gefesselten Kokotten, die wie gekreuzigt als ein Foltertableau über die ganze Bühnenhöhe erstehen, brennt sich symbolhaft ein. Die schreckliche Wahrheit: Das Versprechen der Freiheit wird niemals eingelöst, nicht als Ideal und nicht in der Realität.
Opulenter Klang und routinierte Manon
Der neue Chef (seit 2012) des Staatskapelle Dresden, Christian Thielemann, hielt kräftig mit, und ihm gelang das nicht kleine Kunststück, aufzutrumpfen ohne zu dominieren. Offenbar schätzte der als durchaus regiekritisch bekannte Thielemann die Einfälle des Regisseurs, denn seine Orchesterausbrüche an Opulenz und süffigem Breitklang setzte er nicht ständig, sondern sehr dosiert ein, was deren Wirkung optimierte. Die Fetzen flogen sehr dezent. Hilfreich für den Dirigenten war die stets freundliche Rampenplatzierung der Solisten durch die Regie.
Leider überzeugt der Held Des Grieux in der Tenorgestalt des italienisch-brasilianischem Thiago Arancam nicht voll, sein Strahle-Gesang traf die Höhen leider nur aus etwas enger Kehle. Die kraftvolle Manon der routinierten Norma Fantini, ein internationaler Star, brachte ihr viel Publikumsjubel ein und schimmerte ohne Fehl und Tadel. Das übrige Ensemble der Semperoper fügte sich geschmeidig ins Tableau. Die vereinzelten Buhs für die Regie wirkten am Schluss dann fast wie mitinszeniert.
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