Komponist Malipiero Kühles Feuer, klare Formen

Von Barock bis Avantgarde umarmte der italienische Komponist Gian Francesco Malipiero die musikalischen Stile. Seine Werke stecken voller Klang, Vielfalt und Entdeckerlust. Jetzt gibt es ein kleines Füllhorn an Malipiero-Premieren auf einer neuen CD.

Antonio Tirocchi

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Ist das Debussy, Alban Berg oder doch eher Monteverdi? Ein Cocktail mit wechselndem Rezept: Der italienische Komponist Gian Francesco Malipiero (1882-1973) lässt sich keiner Schule zuordnen, sein Werk lässt sich stilistisch oft nicht eindeutig verorten. Das verwirrt schon mal, interessant und überraschend klingt seine hierzulande nicht übermäßig bekannte Musik allemal.

Das Malipiero-Gefühl kann man frisch und authentisch anhand einer neuen CD erfahren, auf welcher der Dirigent und Namensvetter Francesco La Vecchia mit dem Orchestra Sinfonica di Roma sich zunächst Malipieros große "Fantasie di ogni giorno" vornimmt: ein Zwanzig-Minuten-Kraftakt, mit welchem der Komponist 1953 wieder neue Wege mit seiner Musik beschreiten wollte. Dazu entfachte er eine enorme Bandbreite an Ideen und Ausdruck, behielt aber stets Proportionen und Form im Auge, balancierte zwischen Strenge und kühlem Feuer. Eine Wundertüte an Ideen, manchmal irritierend, fordernd, oft aber mit der breiten Pinselfarbe eines imaginären Filmsoundtracks gemalt. Alles andere als alltäglich jedenfalls, wie der Titel ("ogni giorno") scheinbar ankündigt.

Expeditionen auf der musikalischen Landkarte

Ganz anders faszinieren die beiden Tonträger-Premieren, die La Vecchia für diese Produktion ausgewählt hat: Zwei wesentlich archaischer anmutende Passacaglien für Orchester, 1952 entstanden, von denen vor allem die zweite, nur fünf Minuten kurze mit straffem Rhythmus unmittelbar wirkt. Malipiero spielt in der freien Passacaglia-Form mit den Instrumentengruppe, dreht und wendet die Themen wie ein intellektueller Jongleur.

Vertrackte Polyrhythmik, strenge und klare Melodieführung, plötzliche Soundwechsel und Pointen machen es dem Hörer nicht immer leicht, aber so gestaltete der Tonkünstler Malipiero eben seine aus reicher Repertoirekenntnis entwickelten Stücke: Es sind geplante Abenteuer, durchdachte Expeditionen auf der musikalischen Landkarte, oft mit harmonisch traditionell gestylten Rastplätzen. Die großen Vorbilder Malipieros stammen schließlich aus dem Erbe von Vivaldi, Scarlatti und Monteverdi, dazu etwas Gregorianik. Interpretiert und strukturiert aus der Kenntnis Strawinskys gelingt Malipiero damit ein musikalischer Erlebnispark, der trotz aller Artenvielfalt dennoch streng geführt wirkt. Schließlich war Malipiero nicht nur Komponist, sondern auch Musikwissenschaftler. Er gab die Werke Monteverdis und Vivaldis heraus, war Leiter von Musikinstitutionen in Venedig und Rom.

Ein Forscher im Labor

Dieser wissenschaftlich Hintergrund floss in sein Werk. Malipiero war kein Revolutionär, der zerstörte, um zu erschaffen. Er ging respektvoll mit der Tradition um, tüftelte wie ein Forscher im Labor. Wie so ein Ergebnis klingen kann, zeigt auch die Perlenschnur der kleinen "Concerti" auf der neuen CD: die zweite hier enthaltene Ersteinspielung.

Neun Miniaturen, die quer durchs Orchester führen und Posaunen, Trompeten, Schlagwerk, Kontrabass und anderes in den Vordergrund stellen. Nicht in virtuos solistischer Manier, sondern eher als Charakterstudien der Instrumente. Subtil, dezent und wie auf eine musikalische Metaebene gehoben, Diskurse in Klang und Form, die eine Quersumme aus den vielen Einflüssen in Malipieros Musik ziehen.

Miniaturen quer durchs Orchester

Der Kapellmeister Francesco La Vecchia, 1954 in Rom geboren, erhielt seine Ausbildung in Harmonielehre und Komposition von seinem vielseitigen Großvater, und sein erstes Instrument wurde die Gitarre. Doch seine Talente als Dirigent brachen sich schnell Bahn, ebenso wie seine Fähigkeit, Musiker zu inspirieren. Er gründete Orchester in Italien und Südamerika, widmete sich aber vor allem der italienischen Musik, wobei er weitgehend auf die gängigen Repertoire-Hits verzichtete. Werken von Casella, Busoni, Clementi oder Martucci gilt seine Aufmerksamkeit. Sein Orchestra Sinfonica di Roma, gegründet 2002, umfasst immerhin 75 Musiker, die sich bereits mit Konzerten in der Berliner Philharmonie, Asien sowie Nord- und Südamerika einen glänzenden Ruf erspielten. Die Musik Malipieros, ihre Finesse und die Kombination von Feinschliff und Kraft, gelingt ihnen unter La Vecchias Leitung ganz famos: feine Entdeckungen abseits vom Mainstream.


CD-Angaben:
Gian Francesco Malipiero: Fantasie die ogni giorno, Passacaglie, Concerti. Orchestra Sinfonica di Roma, Leitung: Francesco La Vecchia. Naxos; 8,99 Euro.



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