Gilbert Bécaud Monsieur 100.000 Volt ist tot

Trauer um einen der letzten Welstars des französischen Chansons: Der 74-jährige Sänger und Komponist Gilbert Bécaud starb am Dienstag auf seinem Hausboot auf der Seine nahe Paris an Lungenkrebs.


Energischer Entertainer: Chansonnier Bécaud (im Pariser "Olympia", 1991)
AFP

Energischer Entertainer: Chansonnier Bécaud (im Pariser "Olympia", 1991)

Paris - "Monsieur 100.000 Volt", wie er wegen seiner dynamischen Bühnenshows genannt wurde, galt neben seinem Freund Charles Aznavour als einer der letzten international erfolgreichen Stars des französischen Chansons.

Der am 24. Oktober 1927 als François Léopold Silly in Toulon geborene Musiker tingelte nach dem Krieg als Pianist durch Nachtclubs und Bars in Paris, wo er von Edith Piaf entdeckt und gefördert wurde. Mitte der fünfziger Jahre schaffte er den Durchbruch in der legendären Pariser Konzerthalle "Olympia". Bei dem Pantomimen Marcel Marceau erlernte Bécaud seine elektrisierende Körpersprache.

Bis zu 250 Konzerte gab der stets mit Anzug und gepunkteter Krawatte auftretende "Monsieur Dynamite" jährlich. "Die Bühne ist eine Droge", sagte der Sänger mit der rauchigen Stimme 1999 in der ZDF-Sendung "Leute heute": "Wenn ich nicht singen würde, dann würde ich sehr nervös werden." Anfang der Neunziger zog sich Bécaud jedoch aus dem anstrengenden Bühnenleben zurück und trat nur noch selten auf. Mehrmals verkündete er seinen kompletten Rückzug aus dem Showgeschäft, kehrte aber immer wieder mit umjubelten Auftritten zurück.

"Nathalie" brachte den Weltruhm"

1964 besang Bécaud die schöne Fremdenführerin "Nathalie" im kalten Moskau, es wurde sein größter Hit. Frank Sinatra und Barbara Streisand übernahmen sein "Et maintenant" erfolgreich als "What Now My Love". Bob Dylan, Nina Simone und James Brown coverten "Je t'appartiens" ("Let It Be Me"). Rund 400 Chansons komponierte Bécaud während seiner rund fünf Jahrzehnte dauernden Karriere. 1952 schuf er sogar eine Oper ("Opera d'Aran"), 1981 eroberten seine gemeinsam mit Neil Diamond geschriebenen Songs für den Film "Der Jazzsänger" die US-Hitparade. Evergreens wurden auch die Chansons "L'important, c'est la rose" oder "La solitude ca n'existe pas".

Gelegentlich unternahm Becaud als Schauspieler auch einen Abstecher ins Kino. 1956 kam sein erster Film "Le Pays d'où je viens" heraus. Es folgten der Revuefilm "Casino de Paris" (1957) mit Caterina Valente, "Croquemitoufle" (1958) und "Les Petits Matins" (1961). 1959 komponierte Bécaud die Musik für den Film "Babette zieht in den Krieg" mit Brigitte Bardot. Doch sein liebstes Terrain blieb stets die Bühne - ob in Europa, Amerika oder Asien. Immer wieder kehrte er ins "Olympia" nach Paris zurück, wo er insgesamt 30-mal auftrat - so oft wie kein anderer Künstler. 1997 durfte er es nach der Renovierung mit einem triumphalen Konzert anlässlich seines 70. Geburtstag wiedereröffnen. Sein letztes Album "Faut faire avec" erschien 1999, eine neue Platte ("Mon cap"), kurz vor seinem Tod fertig gestellt, soll im nächsten Jahr erscheinen.

Am frühen Dienstagmorgen um 06.00 Uhr starb Bécaud im Beisein seiner Familie und von Freunden. Wie sein Agent Charley Marouani sagte, wollte der Sänger nicht mehr ins Krankenhaus. "Besonders in den letzten Tagen hat er viel gelitten." Der passionierte Raucher erlag einem Lungenkrebs, einen Mundhöhlenkrebs, an dem er seit 1998 gelitten hatte, konnte er zuvor auskurieren.

"Er war ein Bühnentier"

Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac würdigte Bécaud am Dienstag als "einen der begabtesten Botschafter des französischen Chansons". Premierminister Lionel Jospin betonte, Bécaud sei ein sensibler Komponist gewesen, der zugleich elektrisierende Konzerte gegeben habe. Charles Aznavour hob seinen Optimismus und die mitreißende Energie seines Kollegen hervor, der mit ihm gemeinsam in den fünfziger Jahren seine Karriere begonnen hatte.

Auch in Deutschland löste Bécauds Tod unter Kollegen Bestürzung aus. "Der Name 'Monsieur 100 000 Volt' traf das genau", sagte der Liedermacher Reinhard Mey am Dienstag in Berlin. "Er hatte wirklich eine enorme Spannung auf der Bühne, auch bei den leisen Tönen. Er war ein Bühnentier". Als er die Nachricht vom Tod des 74-Jährigen gehört habe, sei ihm durch den Kopf gegangen: "Jetzt ist nur noch Aznavour da. Sonst sind alle großen Lehrmeister und Wegbereiter des französischen Chansons gegangen".

Zwei Mal verheiratet (mit der Sängerin Janet Woolacott, später mit der Amerikanerin Kitty Saint-John), lebte der Vater von sechs Kindern (darunter ein Adoptivkind aus Laos) in der westfranzösischen Region Poitou, in einem Haus auf Korsika und auf seinem Seine-Hausboot bei Paris. Zu Bécauds zahlreichen Ehrungen zählt auch das Bundesverdienstkreuz, das ihm 1973 für seine "Verdienste um die deutsch-französische Freundschaft" verliehen wurde.



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