Gilles Peterson "Ich würde es eher Soul nennen..."

Vor einem Jahrzehnt erfand der Londoner DJ Gilles Peterson die Stilrichtung "Acid Jazz". Seine Plattenfirma Talkin' Loud feiert ihren 10. Geburtstag mit einer retrospektiven Album-Reihe. SPIEGEL ONLINE sprach mit Peterson über alte Geschichten und zukünftige Musik


SPIEGEL ONLINE:

Herr Peterson, wie fühlt man sich als Gründervater eines Musikstils?

Hat auch nach 10 Jahren "Talkin' Loud" noch gut lachen: Peterson

Hat auch nach 10 Jahren "Talkin' Loud" noch gut lachen: Peterson

Peterson: Mit diesem Ruf muss ich jetzt seit zehn Jahren leben! Dabei gab es schon vor mir Leute, die gute Musik gefördert haben und die dafür nie die Anerkennung bekommen haben, die sie verdient hätten. Als ich dann so um 1990 damit angefangen habe, waren DJs plötzlich Superstars - und davon habe ich profitiert. Eigentlich bin ich aber auch nur ein Schaf in der Herde.

SPIEGEL ONLINE: Wie kamen Sie eigentlich auf den Begriff "Acid Jazz", der durch ihr Label "Talkin' Loud" populär wurde?

Peterson: So um 1987 herum war ich DJ in der Londoner Soulszene und legte damals zusammen mit Paul Oakenfold, Pete Tong und Danny Rampling auf, die heute in den Mainstreamclubs Englands zu den prominentesten DJs gehören. Die entdeckten damals eine Musik für sich, die sie "Acid House" nannten. Ich blieb bei meinem etwas abseitigen Funk, Rare Groove und Jazz - und nannte das als Gag einfach "Acid Jazz". Das Label war dann mehr eine natürliche Weiterentwicklung meiner Aktivitäten, weil ich neben dem DJ-ing auch für Plattenfirmen wie Blue Note gearbeitet habe. Mit irgendeiner Vision, ein neues musikalisches Genre verbreiten zu wollen, hatte das nichts zu tun - ich hielt das mit dem Label einfach für eine gute Idee, weil ich mir so keinen richtigen Job suchen musste. Erst ein paar Jahre später habe ich das dann wirklich Ernst genommen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es bei Talkin' Loud den Jazz des Techno-Zeitalters?

Peterson: Ich würde gar nicht behaupten, dass wir auf Talkin' Loud Jazzplatten herausbringen - ich würde es eher Soul nennen. Natürlich ist Jazz für viele unserer Künstler der Lehrmeister. Stilistisch decken die Talkin' Loud-Platten aber zwischen HipHop, Drum&Bass, House und Soul ganz verschiedene Felder ab. Das ist wie bei meiner Arbeit als DJ: Ich bin gegen Schubladen-Ghettos. Meine Idee ist, die Fäden zwischen verschiedenen Genres zu verknüpfen und zuzusehen, dass diese Mischung funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind dabei stets im Hintergrund geblieben. Hat es Sie nie gereizt, auch selber mal ein Album aufzunehmen?

Peterson: Das möchte ich tatsächlich in den nächsten Jahren nachholen. Ich probiere schon ab und zu im Studio vor mich hin. Aber im Moment kann ich mich nicht wirklich darauf konzentrieren, denn die Arbeit als DJ, meine Radiosendungen und Talkin' Loud zu leiten, hält mich beschäftigt. Und ehrlich gesagt: Die Ambitionen von Leuten wie Carl Craig, Roni Size, 4Hero oder unserem neuesten Act MJ Cole, die allesamt Pioniere in ihrem Feld sind, zu verwirklichen und dem Rest der Welt zu vermitteln, wie aufregend deren Musik ist, das sehe ich als meinen eigentlichen Job an - mit dem Label genauso wie mit meiner Radioshow.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Radiosendung heißt "GP Worldwide" und wird zwischen der Türkei, Australien und den USA in 15 Ländern ausgestrahlt. Hat Popmusik also längst die Welt vereint?

Peterson: Es gibt da zwei Extreme im Moment: Die großen Plattenfirmen orientieren sich nur noch am kleinsten gemeinsamen Nenner, um Top 10-Hits zu produzieren. Die Club-Szene dagegen, zu der auch ich gehöre, existiert als eine Art globale, antikommerzielle Gegenbewegung, die den musikalischen Rassismus, den es einmal gab, überwunden hat. Da kann man exzellente Platten aus den USA und England ebenso wie aus Polen, Finnland oder Israel finden. Übrigens auch aus Deutschland: Leute wie Pole, Tarwater, Kruder&Dorfmeister, das Zeug von Jazzanova, Compost und so weiter - das ist mit die stärkste Szene, die es zur Zeit überhaupt gibt.

Interview: Peter M. Boenisch

Die Doppel-CDs "GP Worldwide" und "Talkin' Inside The Beat" sind auf Talkin' Loud/Universal erschienen. Bis Ende 2000 folgen im Rahmen dieser Jubiläumsreihe noch "Talkin' House", "Talkin' HipHop", "Talkin' Drum&Bass", "Talkin' Rare" und " GP Worldwide II".



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