Gisbert zu Knyphausen in Hamburg Beklemmend ist das neue charmant

Botschafter einer Generation in der Ego-Krise: Der Liedermacher Gisbert zu Knyphausen singt mit großem Erfolg Songs über Selbstzweifel, Versagensängste und Orientierungslosigkeit - genau das richtige für ein Open-air-Konzert an einem Sommerabend, wie sich in Hamburg zeigte.

SPIEGEL ONLINE

Auf dem Dach des alten Bunkers ist die Aussicht fast grenzenlos weit. Es ist Abend, 200 Gäste stehen dicht gedrängt beieinander. Irgendwann bahnt sich Gisbert zu Knyphausen unauffällig den Weg durch die Leute auf die kleine Bühne. Er steht da mit dem Rücken zur Stadt, die Gitarre in der Hand. Dann schließt er die Augen und beginnt zu spielen.

Gisbert zu Knyphausen singt von seinen Hoffnungen, seinem Scheitern und seinem Hadern. Seine Skepsis hat mit dem Erfolg, den er als Kritikerliebling mit seinem ersten Album erzielte nicht nachgelassen, sondern sich eher noch verstärkt. Auch deshalb ist seine zweite Platte "Hurra! Hurra! So nicht." so tief traurig geraten. Sie wirkt geradezu beklemmend. "Musik hat einen reinigenden Effekt für mich. Ich kann damit etwas loswerden," sagt er im Interview.

Damit trifft Knyphausen die Stimmung seines Publikums. Die meisten Männer tragen Drei-Tage-Bart, wie der Sänger selbst. Viele haben ihre Schuhe ausgezogen und tippen den Rhythmus mit ihren nackten Füßen auf den grauen Steinboden. "Grässlich, was ich hier heut wieder erzähle," kommentiert der Liedermacher einen seiner Smalltalk-Versuche zwischen den Songs. "Total charmant", widerspricht ihm eine junge Frau.

Die Leute trinken Flaschenbier, rauchen und schauen in den sich langsam verfärbenden Himmel. Fast alle hier sind textsicher, an manchen Stellen schmunzeln sie in sich hinein, als wollten sie sagen: "Singst Du von mir? Ich weiß genau, was du meinst."

Die Zuschauer scheinen in ihre Gedanken abgetaucht, einige haben Tränen in den Augen. "Zwei Wochen später auf dem Hof/ Dein lebloser Körper/ In einem Zimmer voller Blumen und Gewalt/ Und sechs kleine Jungs/ Aufgereiht im dunklen Anzug/ Und ihre Lieder klagten lautlos in der Nacht/ Sie sangen: Bitte, bitte bleib hier/ So wie wir." In "Seltsames Licht" nimmt Gisbert zu Knyphausen Abschied von einem Menschen. Plötzlich ruft er ins Mikrophon: "Ihr seid alle viel zu ernsthaft, meine Damen und Herren." Ein bisschen richtet er diese Worte auch an sich selbst.

"Ach fick dich ins Knie, Melancholie"

Als Gisbert zu Knyphausen "Spieglein, Spieglein" vom ersten Album spielt, geht wieder ein wissendes Schmunzeln durch die Reihen.

"Du bist so groß und machst dich selbst so seltsam klein/ Du bist immer so fixiert auf das, was noch fehlt/ Und jetzt schau nicht so gequält - das sieht scheiße aus…" Gisbert zu Knyphausen erzählt hier von seinen ständigen Zweifeln an sich selbst. Von einem unspezifischen Gefühl, das spezifisch für seine Generation ist. Eine Mischung aus Unbehagen, Orientierungslosigkeit und diesem viel zu hart sein gegen sich selbst. Darum geht es in fast allen Songs von "Hurra! Hurra! So nicht."

Er hält sich und den Zuschauern den Spiegel vor's Gesicht. Anklagend, selbstironisch und auch immer ein bisschen optimistisch. Genau das bewahrt ihn vor Kitsch und Klischee. In den einfachen Worten liegt seine Stärke. Darin finden sich auch die Menschen hier auf der Dachterrasse des "Uebel & Gefährlich" wieder. Und das macht Gisbert zu Knyphausen zu einer Art Botschafter seiner Generation. Einer Generation nicht der Wirtschafts-, sondern der der Ego-Krise.

Der Hafen dient als Zufluchtsort und ist allgegenwärtig in den Texten des Albums, so auch in "Kräne": "Unten am Fluss, mit den Füßen im Sand und den Blick/ auf die gewaltigen Tiere/ mit metallenen Krallen/ mit Neonlichtaugen/ und die Container, die fallen/ unter grandiosem Gepolter/ in den hungrigen Bauch/ eines uralten Frachters/ und mein Herz, es poltert auch."

Bis vor ein paar Wochen war die Hafenstadt Knyphausens Heimat. Nun ist er nach Berlin gezogen. "Ich bin mir sicher, dass sich die Lieder durch meinen Umzug verändern werden und das sollen sie auch. Ich habe Lust was Neues zu machen und mich weiter zu entwickeln mit meinen Texten."

Er will nicht mehr der ewige Zweifler sein. "Ich wünsche mir, dass in meiner Musik auch mal meine optimistische Seite zum Vorschein kommt. Keine Ahnung ob das klappt, aber man kann es sich ja mal vornehmen." Er will auch nicht immer nur über sich singen. Das sei anstrengend, so auf die Dauer. Geschichten erzählen, wie Nick Cave, das würde er gerne können. Das passt zu ihm: Der nie Zufriedene braucht eine neue Herausforderung.

"Wollt ihr noch ein wenig mehr Melancholie über euch ausgeschüttet haben?", fragt Gisbert zu Knyphausen sein Publikum. "Was hast du der Menschheit jemals Gutes gebracht?/ Außer Musik und Kunst und billigen Gedichten? Hast du darüber schon mal nachgedacht?/ Ach fick dich ins Knie/ Melancholie/ Du kriegst mich nie klein." Und für einen Moment mag man es ihm glauben. Das Publikum klatscht enthusiastisch, als wolle es sagen: "Du schaffst das schon."

"Keine Ahnung, ob ich das schaffe. Ich bin gespannt," sagt Gisbert zu Knyphausen und schmunzelt. Das klingt nicht gerade überzeugt. In der letzten, sehr erfolgreichen Zeit in Hamburg musste der Zauderer lernen, mit Lob umzugehen. Berlin sei nichts für jemanden, der noch auf der Suche sei, hat er mal gesagt. Jetzt traut er sich trotzdem. Zweifel können auch Antrieb sein.



© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.