Newcomer Nir Felder Groß genug für ein goldenes Zeitalter

Ob Balkan-Folklore oder Tschaikowski: Jazzgitarristen bedienen sich in vielen Musikgenres. Als kommende Größe gilt Nir Felder aus New York. Jetzt erscheint sein Debüt "Golden Age".

nirfelder.com

Von Hans Hielscher


Bei einem improvisierten Klubauftritt am Vorabend des Elbjazz Festivals in Hamburg zeigt er, was er drauf hat: Nir Felder spielt countryhafte Melodien, rockige Riffs und Akkordfolgen nach Art der Swinggitarristen. Seine perfekte Technik und Ausdrucksstärke beeindrucken.

Es ist schon einige Jahre her, dass das US-amerikanische National Public Radio (NPR) vorhergesagt hat, Felder werde "the next big jazz gitarrist". Die damals noch gewagte Prognose könnte sich bewahrheiten. Denn nach Gigs als Sideman von Greg Osby, Esperanza Spalding und Terri Lynne Carrington hat der 30-Jährige nun seine erste CD unter eigenem Namen herausgebracht: "Golden Age", ein beeindruckendes und gleichwohl etwas rätselhaftes Album.

Nir Felder, Sohn israelischer US-Einwanderer ("Nir" ist ein hebräischer Vorname) hat am Berklee College in Boston studiert und 2005 den Jimi Hendrix Award gewonnen. "Jazz ist sowohl Hochkultur wie auch Volkskultur", sagt er - und das hört man auch seiner Spielweise an.

Das Album "Golden Age" hat er mit seinen Bandkollegen Aaron Parks (Piano), Matt Penman (Bass) und Nate Smith (Schlagzeug) aufgenommen. Er hat alle zehn Titel selbst komponiert - und einige mit Samples von Stimmen unterlegt: unter anderem von Malcolm X, Richard Nixon und Bill Clinton. "Interpretiert das, wie ihr wollt", sagt er.

Das britische Magazin "Jazzwise" beschreibt die Platte als "eine postmoderne Collage von Musik und Geschichte, ein Archiv, das singt". So kann man es sehen.

Eine Genre-Collage hat auch etwa der Berliner Andreas Brunn kreiert: Er kombiniert Jazz mit traditionellen Klängen und Rhythmen des Balkans. Die CD "Kaleidoscope Freedom" seines deutsch-bulgarisch-griechischen Quartetts "For Free Hands" kam im Juni heraus und ist ein Beispiel für Inspiration durch europäische Folkore.

Die Schweizer Franz Hellmüller (Gitarre), Luca Sisera (Bass) und Tony Renold (Drums) haben sich Standards aus dem Great American Songbook - wie etwa Jerome Kerns "All the Things You Are" - ausgewählt und gestalten sie im Idiom des zeitgenössischen Jazz.

Im Duo mit zwei Gitarren spielen Slawa und Leonard Grigoryan die zwölf Stücke von Peter Tschaikowskys Klavierwerk "Die Jahreszeiten". Die australischen Brüder mit kasachischen Wurzeln sind eher in der klassischen Musik zu Hause. Doch Slawa bildet auch ein Trio mit den Jazzgitarristen Wolfgang Muthspiel und Ralph Towner - ein weiteres Beispiel für die Vielseitigkeit der heutigen Spitzengitarristen.


CD-Angaben:
Nir Felder: Golden Age. Okeh; 16,99 Euro;
For Free Hands: Kaleidoscope Freedom. Laika; 16,99 Euro;
Hellmüller, Sisera, Renold: Roots. Double Moon Records; 17,99 Euro;
Grigoryan Brothers: The Seasons. Material Records; 19,99 Euro.



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