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Gitarristen-Ikone Bert Jansch: Der unbekannte Riese

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Bert Jansch: Gitarrist der Gitarristen Fotos
Corbis

Bert Jansch gilt als einer einflussreichsten Gitarristen der vergangenen Jahrzehnte. Fünf Jahre nach dem Tod des introvertierten Briten wird sein spätes Meisterwerk "Avocet" neu veröffentlicht.

Vor einigen Jahren lud Neil Young den Songwriter und Gitarristen Bert Jansch zum Essen auf seine Ranch ein und legte ihm nahe, gemeinsam auf Konzertreise zu gehen, damit der Brite endlich ein größeres Publikum erreiche. Jansch, frei von Eitelkeit, fühlte sich geehrt aber zögerte, denn die Vorstellung, von kleinen Clubbühnen in Mehrzweck-Arenen zu wechseln, schreckte den Künstler ab. Zugesagt hat er dann aber doch. Er habe noch mal erleben wollen, wie es sei, auf den ganz großen Bühnen zu spielen, erinnerte er sich später. Also begleitete der introvertierte Jansch den Grummler Young einige Monate lang durch amerikanische Stadien und Arenen. Das war 2010. Ein Jahr später starb Jansch im Alter von 67 Jahren an Krebs.

Die zahlreichen Nachrufe auf Bert Jansch waren voller Superlative, mit denen noch einmal verdeutlicht werden sollte, was für ein begabter und einflussreicher Künstler da abgetreten war. Tatsächlich ist die Galerie der Musiker, die Bert Janschs Einfluss auf ihr Schaffen preisen, lang und beeindruckend, sie reicht von Jimmy Page über Paul Simon, Nick Drake, Keith Richards, Eric Clapton, Donovan und eben Neil Young bis hin zu Johnny Marr, Laura Marling, Graham Coxon, Bernard Butler und Pete Doherty. Trotzdem ist Bert Jansch überwiegend nur ein Titan unter seinesgleichen geblieben. Nie wurde er so populär wie viele der Kollegen die er prägte.

Jansch selbst war das allerdings ziemlich egal. Er wurde lieber in Ruhe gelassen und ging schien jeder größeren Aufmerksamkeit instinktiv aus dem Weg zu gehen.

Der in Glasgow geborene Jansch fiel früh als hochbegabt auf, ein wortkarger Wuschelkopf, der als Teenager bei Konzerten ganz vorne stand, den Musikern auf die Finger starrte und das, was er dort sah, nach der Show besser beherrschte als seine Vorbilder. Was er sich bei anderen abschaute, erweiterte Jansch zu einem eigenen Stil, der von lustvoller Improvisation geprägt war. Obendrein mischte er die Folkszene auf, indem er sich nicht, wie so viele seiner Zeitgenossen, auf Protestlieder und Standards beschränkte, sondern auch eigene autobiografische Songs vortrug.

"Dauerrausch" mit Pentangle

Sein 1965 veröffentlichtes Debüt-Album "Bert Jansch" sorgte für Aufsehen in der Szene. Led-Zeppelin-Gitarrist Jimmy Page gehörte zu den Beeindruckten und sagte einst, das Jansch "allen anderen weit voraus gewesen sei". Er habe die Kunst, Gitarre zu spielen, "neu erfunden", attestierte ihm Johnny Marr, der mit The Smiths bekannt wurde. Jansch erweiterte damals Folksongs um Blues- und Jazz-Elemente und erzeugte so innerhalb des Genres ein völlig neues Spannungsgeld.

Ende der Sechzigerjahre startete Jansch dann mit seinem Gitarristen-Kumpel John Renbourn die Folkband Pentangle, die überraschend erfolgreich wurde. Zu Beginn der Siebziger, nach der Implosion der Beatles, herrschte in der britischen Musikwelt eine gewisse Ratlosigkeit. Damals einigten sich viele auf eine Sehnsucht nach Traditionen, wozu ein Folk-Revival gut passte. Bands wie Fairport Convention, The Incredible String Band und eben Pentangle begeisterten ein großes Publikum.

Dem Eremiten Jansch war die Sache allerdings nicht geheuer, so dass er sich jedes Konzert schöntrinken musste. Kein Wunder, dass er die Jahre mit Pentangle als "Dauerrausch" beschrieb. Endgültig zog er 1973 die Bremse, verließ die Band und versteckte sich für zwei Jahre auf einer Farm in Wales, um Schafe zu züchten. Als ihm das zu eintönig wurde, zog er zurück nach London um weiter zu trinken. Für Musik interessierte er sich erst wieder, als ihm die Ärzte ins Gewissen redeten. Damals, 1978, spielte er "Avocet" ein. Eine Platte die erneut die Kritiker euphorisierte, nur in kleiner Auflage erschien, rasch vergriffen war und dann ein teures Sammlerstück wurde.

Nun wurde dieser späte Höhepunkt aus Janschs Karriere restauriert, um ein herrliches Booklet erweitert und frisch aufgelegt. Das ungewöhnliche Werk, eingespielt als Trio mit dem Pentangle-Bassisten Danny Thompson sowie Martin Jenkins an Flöte, Geige und Mandoline, klingt wie die Ruhe nach dem Sturm. Über die Distanz von sechs instrumentalen, nahezu meditativen und nach Vögeln benannten Songs, variiert Jansch Folk mit Jazz und Kammermusik zu einem wundersamen Tagtraum-Sound, der damals, als Punkrock begann, wie aus einem Parallel-Universum wirkte.

Es folgten noch einige weitere Alben, von denen aber keines die Klasse von "Avocet" erreichte. Eine Krebserkrankung setzte Bert Jansch schließlich so zu, dass er nicht mehr aufnehmen konnte. Kurz nach der Diagnose erreichte ihn damals die Einladung von Neil Young, der sich später erinnerte, dass junge Zuhörer tief von Jansch beeindruckt waren; Sie wussten, sagte Young, "this is the real shit!".

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insgesamt 4 Beiträge
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1. nicht nur englischsprachige
noalk 25.03.2016
Auch jede Menge - wahrscheinlich sogar alle - europäischen Gitarristen wurden direkt (nicht über Umwege) von Jansch beeinflusst, ob Deutsche, Franzosen oder sonstwer. Amateure sowieso. Ich kenne keinen Gitarrenspieler, der nicht mit Bewunderung Jansch gehört hat. In dieser Hinsicht ist das Wort "Riese" eher eine Untertreibung. Er war ein Gigant.
2.
benatzky 25.03.2016
Zitat von noalkAuch jede Menge - wahrscheinlich sogar alle - europäischen Gitarristen wurden direkt (nicht über Umwege) von Jansch beeinflusst, ob Deutsche, Franzosen oder sonstwer. Amateure sowieso. Ich kenne keinen Gitarrenspieler, der nicht mit Bewunderung Jansch gehört hat. In dieser Hinsicht ist das Wort "Riese" eher eine Untertreibung. Er war ein Gigant.
dann kennen Sie halt zu wenig gitarristen und haben noch nie einen "richtigen" konzertgitarristen gehört. bert jansch ist nur für schlichte gemüter ein riese oder gigant. technisch einwandfrei, klar - musikalisches material dutzendware - texte - .......
3. längst geschlagene Schlachten
Don Lucio 25.03.2016
Ich dachte, der (typisch deutsche) Antagonismus zwischen (wertvoller) E-Musik und (billiger) U-Musik sei längst überwunden...
4.
benatzky 25.03.2016
Zitat von Don LucioIch dachte, der (typisch deutsche) Antagonismus zwischen (wertvoller) E-Musik und (billiger) U-Musik sei längst überwunden...
das denke ich auch; dazu gehört aber angemessene relativierung, nicht absolute heiligsprechung.
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