Glastonbury Festival: Matsch Satisfaction

Das Glastonbury Festival ist das größte Pop-Ereignis Englands. Festivalgründer Michael Eavis erfüllt sich einen lange gehegten Traum: einen Auftritt der Rolling Stones. Zum Aufwärmen gab es viel Matsch - und umjubelte Konzerte von Haim und den Arctic Monkeys.

Glastonbury 2013: Ein Bassgesicht, triumphierende Affen und die Stones Fotos
DPA

"Das ist der beste Moment in meinem Leben!", rief Este Haim, blonde Bassistin des schwer angesagten US-Mädchentrios Haim, am Freitag ins Glastonbury-Publikum. Das war, trotz Regenschauern und frühnachmittäglicher Terminierung des Haim-Gigs, überraschend zahlreich erschienen, um die Schwestern aus Los Angeles mit ihrem R&B-beeinflussten Westcoast-Pop zu sehen - und erfreute sich des inzwischen zur Internet-Berühmtheit gewordenen "Bassgesichts" Estes, die beim Spielen gerne sehr lustige selbstvergessene Grimassen macht.

Der beste Moment des Lebens, das ist vielleicht ein bisschen dick aufgetragen, aber Glastonbury, mit mehr als 150.000 Besuchern das größte Pop-Ereignis Großbritanniens, ist ein Klassiker: Wer hier spielt, ist berühmt oder wird es bald sein. Das gilt und galt auch für die Arctic Monkeys, die auf dem Farmgelände im Südwesten Englands vor sechs Jahren als via YouTube groß gewordene Newcomerband ihren ersten großen Auftritt vor Massenpublikum absolvierten - und am Freitagabend als Headliner des ersten Festivaltags laut britischen Medienberichten eine umjubelte, triumphale Rückkehr feierten.

Zu den weiteren Highlights des 43. Glastonbury-Festivals zählen außerdem Portishead, Rock-Frischling Jake Bugg, Mumford & Sons, Nick Cave & The Bad Seeds sowie "Glasto"-Stammgast Elvis Costello, der schon 1984 mit einem dreistündigen Konzert zur Legendenbildung rund um das Festival beitrug. Auch U2, Radiohead, Oasis und David Bowie hatten Auftritte in Glastonbury, die zu den besten ihrer Karrieren gehören.

Auf die Stones einigen sich alle

Unumstrittener Höhepunkt sind dieses Jahr jedoch die Rolling Stones, die am Samstagabend zum allerersten Mal in Glastonbury spielen werden. Für Festivalgründer Michael Eavis, 77, einen ehemaligen Hippie und Milchfarmer, der inzwischen zu den verschrobensten und beliebtesten Promis der Insel gehört, geht damit ein lange gehegter Traum in Erfüllung. Noch vor zwei Jahren mutmaßte Eavis, es sei nun wahrscheinlich zu spät, die Stones noch für sein Festival gewinnen zu können, doch zähe Verhandlungen mit dem Management der Band führten nun doch noch dazu, dass die altehrwürdige Rockband auf der "Pyramid-Stage" zu sehen sein wird. "Das ist wirklich eine große Sache für uns", sagte Eavis dem "Guardian".

Immerhin: Auf die Rolling Stones können sich wahrscheinlich alle Festivalgäste einigen. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Kontroversen über allzu poppige Headliner wie Beyoncé oder Jay-Z, während sich die Jüngeren bei Bruce Springsteen oder Stevie Wonder langweilten. Doch 2013 herrscht muntere Eintracht: Am Donnerstag und Freitag sah man Teenager wie Altrocker, die sich mit Stones-Masken oder im Piratenlook von Keith Richards zeigten. Der "Guardian", Co-Präsentator des Festivals, ließ die Fans zur Einstimmung schon mal den Stones-Evergreen "Satisfaction" intonieren. Eine rührende Collage, die auch den Volksfestcharakter von Glastonbury betont.

Legendäre Schlammschlacht

Eavis gründete das Festival 1970 auf seiner eigenen Farm bei Somerset im Stil der damals durch Woodstock geprägten Free-Festival-Bewegung: Rockbands sollten möglichst umsonst und draußen zu sehen sein, damals entrichteten Besucher einen symbolischen Obolus von einem Pfund. Heute kostet ein Glastonbury-Ticket allerdings satte 205 Pfund (rund 240 Euro), wer einen der begehrten Festivalpässe haben wollte, musste sich bereits im Spätsommer 2012 registrieren lassen. Die Tickets waren innerhalb weniger Stunden komplett ausverkauft, ein ausgeklügeltes "Power Fence"-System hält rebellische Festivalfans seit Jahren davon ab, sich durch den einst beliebten Sport des "Gatecrashings" umsonst Zugang zum Gelände zu verschaffen.

Vom Hippie-Spirit ist trotz Megalomanie dennoch einiges übrig geblieben. Einen Großteil der Erlöse spendet Eavis an Umwelt- und Hilfsorganisationen wie Greenpeace oder Oxfam, alle fünf Jahre pausiert das Festival, damit sich Scholle - und Nachbarschaft - erholen können.

Dieses sogenannte "Fallow year" hat aber noch einen ganz anderen, viel profaneren Grund: Da sich das Gelände auf lockeren Viehwiesen und Weiden befindet und es eigentlich immer wie aus Eimern schüttet, wenn "Glasto" beginnt, gilt das Festival nicht nur als legendäre Schlammschlacht, sondern drohte in der Vergangenheit auch bereits mehrmals, schier überflutet zu werden. Indem Eavis das Land immer wieder brach liegen lässt, sorgt er dafür, dass sich der Boden festigt und regeneriert.

Dem typischen Festivalbesucher dürfte das allerdings ziemlich egal sein: Wer nach Glastonbury pilgert, rechnet ohnehin damit, im Matsch zu versinken. Dafür wird er aber auch mit den aufregendsten Pop- und Rock-Acts der Saison belohnt.

bor

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insgesamt 8 Beiträge
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1.
unus_multorum 29.06.2013
Wenn der Autor über ein Ereignis berichtet wird, bei dem er schon nicht vor Ort ist, empfehle ich für das nächste Mal, auf einen verlässlicheren Wetterbericht zurück zu greifen.
2. Abgesang
W. Robert 29.06.2013
Die geringe Resonanz hier scheint mir symptomatisch für den Niedergang der Relevanz der Popmusik als Identifikationsvehikel zu sein. Die „Generation Pirate Bay“ hat sich die Festplatten mit irgendwelcher Musik gefüllt, und längst den Überblick über all die Files verloren. Die zur Musik der Stones gehörende Subkultur existiert einfach nicht mehr. Es ist wie beim Jazz: Die verräucherten Jazzclubs von New Orleans sind zu Touristenfallen mutiert. In den heutigen Clubs dominiert ein stupides Bumm Bumm als Gymnastik- und Extasy-Soundtrack. Die Musik stagniert in einem desaströsen Ausmaß. Wieder geht eine Kulturepoche zu Ende, sie wird museal, und entfernt sich vom Zeitgeist. Kaum einer kennt noch die propagierten neueren Bands. Sie vermitteln ihre kaum noch vorhandene Message nur noch einer kleinen Fangemeinde. Die Stones sind schon seit über 40 Jahren nicht mehr relevant, bei Bowie sind das vielleicht 30 Jahre. Die Rockmusik hatte ihre Blüte in der Epoche zwischen 1963 und 1975, danach wurde der Traum zunehmend zum ordnerbewehrten Albtraum zu Wucherpreisen. Der Nachwuchs versagt total, das hängt damit zusammen dass keine authentische Szene mehr existiert, und dass sich die Kreativen angewidert vom Kommerz-Spektakel distanziert haben. In Deutschland ist es ja ähnlich: Ein paar Altstars ziehen mit Sattelschleppern durch die Mehrzweckhallen und beschallen ihre alte Fangemeinde. Die Industrie versucht weitgehend vergeblich, neue Acts zu etablieren. Die unzähligen kleinen alternativen Labels sind aus dem Geschäft verdrängt worden, und somit ist die authentische Szene im Eimer. Übrig bleiben die über die Massenmedien gepushten Retorten-Acts wie Lady Gaga und Madonna, die trotz der Downloads noch nennenswerte Umsätze generieren. Irgendwann macht sich dieser Raubbau an der künstlerischen Substanz aber deutlich bemerkbar. All die Retortenbands erreichen ihr Publikum nicht mehr, es beginnt das große Studio-Sterben und die wenigen verbliebenen Star-Produzenten erzeugen weitgehend gleich klingende Acts ohne künstlerische Relevanz. Was Deutschland betrifft ist die Ära der Pop-Musik jedenfalls Geschichte. Und in GB wäre ohne die zahllosen tingelnden Altstars wohl auch nur wenig los.
3. 1975ff.
angry lurker 29.06.2013
Zitat von W. RobertDie Rockmusik hatte ihre Blüte in der Epoche zwischen 1963 und 1975, danach wurde der Traum zunehmend zum ordnerbewehrten Albtraum zu Wucherpreisen. Der Nachwuchs versagt total, das hängt damit zusammen dass keine authentische Szene mehr existiert, und dass sich die Kreativen angewidert vom Kommerz-Spektakel distanziert haben.
An Ihrem Post ist einiges dran, aber nur ein völlig verbohrter Althippie würde die Ära relevanter Popkultur mit 1975 abhaken. Bis in die späten 90er gab es noch zeitlich begrenzt kreative Ausbrüche und authentische Renitenzen gegen den industriellen Moloch. Der echte, endgültige "paradigm shift" war m.E. 2000, napster war zugleich Verstärker und Symptom eines allgemeinen Ideenverlustes. Im Nachhinein betrachtet wird es wahrscheinlich gerade die historische Würde der sterbenden Popkultur ausmachen, das selbst ihren talentierteren zeitgenössischen Protagonisten zur allgemeinen geistig-moralischen Degeneration der westlichen Gesellschaften in den Neokonservatismus nicht mehr eingefallen ist als Retro-Musik, die nur noch Altbekanntes aus den 70ern und den Postpunk-80ern plündern konnte.
4. Kein Abgesang!
schwan 29.06.2013
Liebe(r) W. Robert, Glastonbury ist immer ausverkauft, sogar wenn die Stones headlinen. Also kein Abgesang, sondern einfach anders. Die Musik hat sich geändert, mit allem was dazu gehört. Man mag den vergangenen Zeiten nachtrauern, aber dann ist man auch nur noch die Zielgruppe vom 32. Joe Cocker Album! Ich kann das Gejammer (auch der Industrie) nicht mehr hören, es gab immer schlechte und gute Musik, daran wird sich nix ändern. Und die Endscheidung trifft immer noch der Käufer oder User, ob an der Kasse oder am PC, und der ist nicht immer mit den Stones groß (alt) geworden.
5. abgesang auf den abgesang
jm92 29.06.2013
[QUOTE=W. Robert;13094927] erst einmal muss ich ihrem beitrag in bezug auf "pop", sprich dem mainstream zustimmen. ich denke jede musik verliert ihren reiz wenn sie vor ein breites puplikum gezerrt wird (außer vielleicht klassische musik, aber das ist eine andere baustelle). ansonsten hört sich das ganze jedoch nach "früher war alles besser" und "die böse jugend" an, ein gesang so alt wie die menschheit, in die wohl jede generation aufs neue einstimmt. Die wahrheit ist: so richtig sie mit ihrer bemerkung über zum bersten gefüllte datenspeicher liegen, so falsch erscheint mir ihr urteil. das internet als medium mit seinem filesharing und dergleichen ist zugleich eine unglaubliche plattform für die verbreitung von indie-musik. natürlich sind das andere stile als früher, aber es herrscht eine unglaubliche bandreite an bands, die man gar nicht kennen würde, richtete man sich nach den 3 verschiedenen songs die täglich im radio laufen, geschweige denn nach dem was in den charts so alles zu finden ist. Natürlich hören diese musik nicht alle. andererseit werden wohl auch zu rockmusik zeiten schlager und dergleichen gelaufen sein. eine veränderung ist unbestreitbar, aber das ist oberfläche.
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