Avantgarde-Gitarrist Glenn Branca mit 69 Jahren gestorben

Er galt als "der lauteste Komponist der Welt": Glenn Branca schrieb und dirigierte Sinfonien für 100 E-Gitarren, sein Einfluss auf die Post-Punk-Szene New Yorks war immens. Nun ist er mit 69 Jahren gestorben.

Glenn Branca
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Glenn Branca


Manche hörten in den Werken des 1948 in Pennsylvania geborenen Musikers und Komponisten Glenn Branca vor allem Gitarrenkrach. Andere aber sagten: Was für ein Gitarrenkrach! Spätestens seit der Veröffentlichung seines experimentellen Albums "The Ascension" im Jahre 1981 galt Glenn Branca in der musikalischen Avantgarde-Szene als Pionier. In der Nacht auf Montag ist Glenn Branca nun im Alter von 69 Jahren an den Folgen einer Kehlkopfkrebs-Erkrankung gestorben, wie seine Frau Reg Bloor auf Facebook postete:

"Ich bin dankbar dafür, dass ich die vergangenen achtzehneinhalb Jahre mit einem Menschen voller so vieler unglaublicher Ideen leben und arbeiten durfte", schrieb Bloor, selbst experimentelle Gitarristin. Sein gesamter musikalischer Output sei nur ein kleiner Teil seiner Ideen eines einzigen Tages gewesen. "Sein Einfluss auf die musikalische Welt ist unermesslich."

Vorbild für David Bowie

Glenn Branca studierte zunächst Theater am Emerson College in Boston, bevor er 1976 nach New York zog. Dort wollte er ans Theater, hoffte aber auch auf all seine Punk-Helden zu treffen - die allerdings zumeist auf Tournee fern der Stadt waren. So startete er mit dem Konzeptkünstler Jeffrey Lohn seine eigene Band Theoretical Girls, die es bis 1981 gab.

Ein Jahr später gründete er mit Neutral Records sein eigenes Label, wo er unter anderem die ersten Platten der Post-Punk- und späteren Proto-Alternative-Rockband Sonic Youth veröffentlichte. Die Sonic-Youth-Mitglieder Thurston Moore und Lee Ranaldo hatten sich als Mitglieder von Glenn Brancas E-Gitarrenorchester kennengelernt, für das er Sinfonien komponierte. Auch für David Bowie war Branca ein musikalisches Vorbild, er nannte "The Ascension" 2003 in einer Liste für das Magazin "Vanity Fair" von Alben, die sein Leben verändert haben. "Wie der Singsang tibetanischer Mönche - bloß viel, viel lauter", beschrieb Bowie den Effekt der Musik.

Glenn Brancas musikalische Anfänge fanden fern von klassischen Konzertsälen statt, er führte seine Werke in New Yorker Klubs wie dem Mudd Club oder der Danceteria auf; es war Branca, der den Besitzer des Plattenladens 99 Records überredete, ein Label zu starten. Auf die erste Veröffentlichung, Branca Solo-Debüt-EP, folgten auf 99 Records Post-Punk-Klassiker von Liquid Liquid oder ESG.

Die Kompositionen Brancas verwendeten die Obertöne und Verstärkerresonanzen des Gitarrenklangs, zum Teil von eigens dafür gebauten Instrumenten. Heraus kam, wie es Klaus Umbach 1983 im SPIEGEL beschrieb, "ein Concerto grosso aus Rock und Punk, elektronischem Debussy und überdrehtem Stockhausen - jedenfalls der massigste und massivste Totalbeschuss von Tönen, den der Musikbetrieb bislang über sich ergehen lassen musste: eine abendfüllende Wucht."

Wenige Monate vor den Anschlägen auf das World Trade Center 2001 dirigierte Branca am Fuße der Zwillingstürme ein Orchester mit 100 Elektrogitarren. 2008 zeichnete ihn die Foundation for Contemporary Artists mit dem renommierten Grants to Artists Award aus.

brs/feb



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