Kultur

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Abgehört - neue Musik

Gorilla sucht Weltgeist

Keine Meta-Ebene, aber schön melancholischer Gegenwartspop: Das Gorillaz-Album ist Damon Albarns privater Reiseblog. Außerdem: Florence Welch ganz intim, Gewalt im Remix und Charts-Rapper Capital Bra.

Von , Katharina Koerth und

Dienstag, 03.07.2018   16:44 Uhr

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Gorillaz - "The Now Now"
(Parlophone/Warner, seit 29. Juni)

Nur in der Fremde findet man zu sich selbst, für diese Erkenntnis muss man nicht die Reiseberichte Hölderlins oder Goethes gelesen haben. Es reicht schon, sich selbst in Transit zu begeben, stundenlang in Flughafen-Wartezonen zu sinnieren, sich in die Geworfenheit der eigenen Entwurzelung und Entwöhnung hineinzuwerfen, in der wohligen Melancholie des Weltschmerzes entgrenzt zu Zettel und Stift zu greifen. Musiker genießen dieses Privileg - denn reisen ist ja ein Luxus! - immer dann, wenn sie auf Tournee gehen. Damon Albarn, 50, fühlt sich davon derart inspiriert, dass er seine virtuelle Band Gorillaz nun schon zum zweiten Mal (nach "The Fall", 2011) nutzt, um ein musikalisches Reisetagebuch zu veröffentlichen.

Mit dem kollaborativen Meta-Album "Humanz" aus dem vergangenen Jahr hat "The Now Now" nämlich nichts zu tun. Die einzigen Gäste, die hier auftreten, sind Jazz-Gitarrist George Benson, der "Humility" ein paar schicke Funk-Riffs verpasst, sowie Rap-Veteran Snoop Dogg und House-Pionier Jamie Principle, die dem Track "Hollywood" einen treibenden, urbanen Appeal verleihen, der zu den ambienten Lyrics passt: "Hollywood is alright/ Hollywood is vagrant", leiert Albarn den Refrain herunter. Die Stadt der Träume als Hort bedröhnter Hobos, die von Party zu Party driften - you can check out any time you like, but you can never leave, wussten schon die Eagles in den Siebzigern. Der Party-Vibe zieht sich auch durch "Tranz", eins der besten Stücke des Albums, das auf einem fröhlich-doomigen Achtziger-Synthie-Motiv aufsattelt, als hätten sich die Sisters of Mercy mit den Pet Shop Boys gepaart.

Es gibt Abstecher nach "Kansas", wo Albarn in der Ski-Lodge von Bruce Willis abhing und nur mühsam die Tränen der Einsamkeit unterdrückt: "I'm not gonna cry/ Find another dream". Natürlich schwingt hier auch der Kummer über den Verlust des Amerikanischen Traums mit: "Idaho" blickt folkig-sehnsüchtig aus dem Nightliner-Fenster, erinnert musikalisch an "Tender Is The Night" und sinniert über Waffengewalt und "silver linings" am Horizont, die auf sich warten lassen. Dann geht's zurück nach Europa, wo Albarn am fast rein instrumentalen "Lake Zurich" zurück zu House und Funk findet und sich einen Tunnel nach London wünscht. Alles geht hier glatt ins Ohr, nichts ist disruptiv oder anstrengend, sondern will jenen transzendenten Flow erzeugen, den man sich beim Reisen auf die Kopfhörer wünscht - als Soundtrack einer Sehnsucht nach Connection, nach Verbundenheit. Auf dass aus Weltschmerz Weltgeist werde.

"I don't want this isolation" ist eine der wenigen Zeilen in diesen Songskizzen, die man politisch deuten kann; "Calling the world from isolation/ 'Cause right now that's the ball where we chained", singt er darin, ein Echo der trunkenen Rede, die Albarn bei den Brit Awards hielt und seiner Sorge Ausdruck verlieh, England könnte sich mit dem Brexit auch ins kreative und künstlerische Abseits stellen. Der von Benson verfeinerte Sound dazu erinnert an den politischen Funk von Style Council - beiläufig, aber sharp.

In "One Percent" nimmt er die geisterhafte Synthie-Melodie von "Hostiles" wieder auf, einem Song von seinem Soloalbum "Everyday Robots" - und stellt alle Sensoren auf Empfang: "Every sound from every world" will er aufsaugen, wie er es seit dem vorläufigen Ende von Blur immer schon getan hat, auf Reisen nach Afrika oder Asien oder in die Multikulti-Virtualität der Gorillaz. Im Schlussstück "Souk Eye", zurück in L.A., fühlt er sich, mit erst sanftem, dann animierendem Latin-Swing, in die widersprüchliche Emotionswelt eines "renegade" ein: heimatlos, aber frei. "The Now Now" ist genau das, was der Titel verspricht: Flüchtiger Gegenwartspop, der nachhallt. (7.9) Andreas Borcholte

Florence + The Machine - "High As Hope"
(Virgin EMI/Universal, seit 29. Juni)

Das Erfolgsrezept der Florence Welch geht so: Man nehme den Herzschmerz einer Träumerin, die zufälligerweise mit enormem Lungenvolumen und Stimmumfang gesegnet ist, und mixe ihn mit ordentlich Trommeln und Fanfaren. Dieses Musikdrama werde zur allgemeinen Verdaulichkeit mit bemüht gut gelauntem Indie-Pop garniert - fertig ist der Welterfolg. Zehn Jahre und drei Alben lang hat die Strategie dieser "Machine" funktioniert, doch auf Dauer schmeckt selbst das ausgefallenste Gericht fad. Auf "High as Hope" stimmt die 31-Jährige jetzt leisere Töne an - und bringt ihr bisher intimstes Album heraus.

"Hunger" beschreibt die Sehnsucht nach Verbundenheit, die sie offenbar lange mit einer Essstörung kompensierte: "At least I understood then the hunger I felt/ And I didn't have to call it loneliness". Erstmals formuliert die Britin ihre Gefühle direkt. Ihrem musikalischen Vorbild Patti Smith schreibt sie in "Patricia" eine leichtfüßige Hommage mit orientalisch klingenden Streichern. Bei ihrer Schwester Grace entschuldigt sie sich in der gleichnamigen Ode für den durch Drogenkonsum versauten Geburtstag. Grace reagierte laut Welchs Interview mit der "Sunday Times" überrascht: "You could've just told me you loved me. You don't have to be so English about it, then go make a pop song out of it".

Dabei liegt die Radikalität von "High As Hope" gerade in seiner Ruhe und dem Verzicht auf Umstand und Schnickschnack: Es fehlen die schwurbeligen Metaphern, es gibt keine dröhnende Dauerbeschallung, keine Bonustracks, kurz: keine Show. Das wirkt geerdet und berührt auch, vernachlässigt aber zwangsläufig die musikalische Experimentierfreude, die das Debütalbum "Lungs" auszeichnet. Besonders "Hunger" bleibt melodisch eintönig.

Die lauten, typischen Florence-Momente sind dafür endlich wohldosiert: In "Big God" und "100 Years" setzt sie Bombast-Drum, Bläser und gurgelnde Kehllaute ein. "June" schwelgt im Pathos. Doch selbst in diesen Hymnen schwingt durch konsequente Zurückhaltung in den Strophen eine neue Gelassenheit mit. Erstaunlich, wie Welchs Stimme nun auch in den tiefen Lagen brilliert. Das etwas reifere Alter tut ihr in jeder Hinsicht gut. (7.7) Katharina Koerth

Capital Bra - "Berlin lebt"
(Team Kuku, seit 22. Juni)

Da hört man einmal nicht genau hin, schon glaubt man, Capital Bra hätte seine Liebe zu Brasiliens Drama-Queen Neymar zugunsten eines DFB-Veterans aufgegeben. Wär schon sehr lustig, aber Bra, nennen wir ihn mal kurz so, meint nicht "Ballack", sondern dass es "ballert", wenn er rappt. Na gut. Der gebürtige Sibirier Vladislav Balovatsky, der über den Umweg Ukraine als Siebenjähriger im Berliner Stadtteil Hohenschönhausen landete, ist ein Musterbeispiel für gelungene Integration. Gut, in jüngeren Jahren wurde es nichts mit dem Start einer Profikarriere als Fußballer, dafür gab's ein paar Mal Aufenthalt im Jugendknast. Spätestens da lernte er dann, dass sich alles in dieser Welt um "Para" dreht, also Knete, Kohle, Penunze - und fing an, sich Rap-Skills beizubringen. "5 Songs in einer Nacht" würde er im Notfall schaffen, um Scheine zu machen, brüstete er sich im April in der ersten von bislang vier Nummer-Eins-Singles, mit denen er sich seitdem monatelang selbst an der Hitparadenspitze ablöste, zuletzt mit "Berlin lebt", dem Titeltrack seines vierten Albums, das soeben sogar Andreas Gabalier auf die Charts-Plätze verwies.

Die von beispiellosem Erfolg gekrönte Kapitalisten-Ethik des 23-Jährigen, der sich seine elegant-effizienten Beats bisher vom jetzt abgelegten Berliner Team Kuku basteln ließ, verleitete die liberale "Welt" schon dazu, Capital Bra und Kuku-Kollege Ufo 361 zu Rettern des Raps auszurufen. So weit muss man nicht gehen, denn zwischen hübsch heiser vorgetragenen Battle-Tracks wie "Kennzeichen B-TK" oder "Ballert" und eingängigen Autotune-Balladen wie "Neymar" oder "One Night Stand" findet sich wenig Tiefgang. Allerdings auch wenig von der ungenießbaren Misogynie, Gewaltverherrlichung und bizarrer Geschmacklosigkeit, mit denen vor allem westdeutsche Straßenrap-Kollegen sich in den vergangenen Monaten zur Bosstransformation aufpumpten. Das rettet noch nicht den Rap, ist aber ein angenehmes Lebenszeichen aus Berlin, das mit Bushido und Co. ja auch schon bösere Buben aufzubieten hatte.

Capital Bra ist dagegen eher Kleingangster, der sich und seine "Bratans", seine Brüder, als Psychopathen bezeichnet und im Videoclip zu "Berlin lebt" mit dem AMG-Benz protzen will, der dann aber das Provinzkennzeichen OHV statt dickem B trägt. Und statt über den Glitzerku'damm geht's zum Cruisen eher durch die Landsberger Allee. So viel Selbstironie war lange nicht. Zwar geht's auch hier um Maserati-Mackertum, Gucci-Wahn und Kofferräume voller Waffen, aber statt damit dann "packen" zu gehen, könnte Bra im gleichnamigen Track auch vom Kuchenbacken rappen (wieder so ein sympathischer Verhörer) - und es würde nicht weiter irritieren. Schon seine Mutter habe ihm eingebimst, erklärt er im etwas linkischen Bekenntnis-Rap "Gutes Herz" gegen Nazis, Egoisten und andere Blödmänner, dass diese Welt "hässlich" ist: "Doch weißt du nicht, wie du handeln musst, dann handel menschlich!" Kapitaler Ehrenmann. (7.0) Andreas Borcholte

Gewalt - "Manipulation"
(Unter Schafen Records/Alive, ab 6. Juli)

Alles muss raus, eins zu eins. "Ich bin ein trotziger Junge voller Scham", schreit Patrick Wagner in "So geht die Geschichte", und die Geschichte ist die Geschichte eines Absturzes in die Armut. "Ihnen und Ihrem Sohn droht Obdachlosigkeit", zitiert der Song die Frau vom Amt. Wenn der ehemalige Sänger von Surrogat mit seiner Band Gewalt auftritt, trägt er seinen alten Hochzeitsanzug, mit Blut- oder Rostfleckenapplikationen, man kann es von Weitem nicht so recht entscheiden. In den Liedern von Gewalt geht es um Kräfte, die jede Form von Behaglichkeit - von innen wie von außen - zu zerstören drohen. Und die Musik - ein stoischer Big-Black-Gedenk-Drumcomputer, Wummerbass und Noisegitarre - wirkt, als sei es nur gut und richtig, diese Destruktivität zu begrüßen.

Gewalt veröffentlichten seit rund zwei Jahren weitgehend unbemerkt von der Masse auf Vinyl-Singles. Für die EP "Manipulation" haben Freunde der Band nun drei Stücke remixt. Moon Duo machen Wagners Stimme in "So geht die Geschichte" kaputt, Ensslin Research unterlegen "Guter Junge/Böser Junge" mit gehetztem Puls und fräsendem Krach. Die besten Tracks sind Drangsals und Mathias Schaffhäusers Remixe von "Wir sind sicher".

Bei Texten, die es ernst meinen und die Peinlichkeiten nicht scheuen, ist die Fallhöhe stets groß. Gerade "Wir sind sicher" kann man für schlimm pathetisch halten. Oder aber für die präzise Beschreibung einer Saturiertheit, die abwehren muss, was ihr als bedrohlich erscheint und die doch selbst schon porös ist. Wagner rezitiert Begriffe, die beruhigen: "Grenze", "Staat", "ein Bau, ein Haus, eine Festung"; und für die, die es immer lustig haben wollen: "Ironie" und "Rückzug". Die Titelzeile wird dann gebrüllt. Oder jetzt, bei Schaffhäuser, suggestiv geflüstert, zu schönem Pluckertechno. Im einen wie im anderen Fall heißt das: Nichts ist sicher. Das Bedürfnis nach frischer Luft und freiem Raum ist groß in dieser Musik. (7.5) Benjamin Moldenhauer

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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