Beth Ditto und Gossip: Die Mega-Madonna

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Je gewichtiger Sängerin Beth Ditto wird, desto leichter wirkt die Musik ihrer Band Gossip. Auf ihrem neuen Album huldigen die feministischen Alternative-Rocker jetzt dem Pop und damit ihrem großen Vorbild - der frühen Madonna. "A Joyful Noise" ist auf SPIEGEL ONLINE komplett vorab zu hören.

Beth Ditto und Gossip: Schwer auf Erfolgskurs Fotos
Sony Music/ Rankin

"Madonna ist eine Legende!", kreischt Beth Ditto fröhlich und hüpft fast von ihrem Stuhl. Man möchte nicht unbedingt im Weg sein, wenn die 31-Jährige ihren üppigen Körper in Wallung bringt. Was Ditto an Größe (knappe 1,55 Meter) fehlt, macht sie durch Wucht (um die hundert Kilo) wett. Ein "Bild"-Journalist hatte wenige Tage zuvor das Vergnügen gehabt, die US-Sängerin auf dem Schoß balancieren zu dürfen. Die Zeitung veröffentlichte ein Foto davon. Die Schlagzeile dazu: "Gossip-Star macht 'Bild'-Reporter platt".

Sie mache das gerne mal, hatte die Promoterin noch mit hinterlistigem Lächeln geraunt, bevor sie einen in die Suite eines Berliner Luxushotels zum Interview schickte. Der Massetest fiel dann aus. Zum Glück. Und mag sich die bekennende Lesbe auch als männermordende Knutschkugel geben, im Interview zum neuen Gossip-Album "A Joyful Noise" (erscheint am 11. Mai und ist auf SPIEGEL ONLINE exklusiv und komplett im Videostream zu hören, iPad-User bitte hier entlang) gibt sich die Mode-Ikone, Frauenbewegungs-Galionsfigur und stimmgewaltige Sängerin Beth Ditto quirlig, aber gutmütig.

Madonna, die Königin der Subversion

Unumwunden outet sie sich als Madonna-Fan. Vorangegangen war die Frage, ob sich ihre Kollegin nicht zum Feindbild aller Feministinnen mache, wenn sie sich trotz ihrer 53 Jahre und ihrer Vorbildfunktion als spindeldürres, ewiges Girlie inszeniere - und damit den Magerwahn befeuere. "Ich bekämpfe ja nicht per se alle dünnen Menschen", sagt Ditto lachend. "Wenn ich das täte, hätte ich niemanden mehr, mit dem ich rumhängen könnte." Mit Madonna verbinde sie fast schon eine Obsession, sagt sie und freut sich unbändig darüber, dass die Pop-Queen unlängst durchblicken ließ, gerne einmal mit Ditto Songs zu schreiben. "Sie hat immer noch so viel zu geben. Wer ist schon nach 30 Jahren Karriere noch relevant?"

Gossips Schlagzeugerin Hannah Blilie, der schlanke Tomboy, dessen ernstes Antlitz das Cover des letzten Albums "Music For Men" zierte, ergänzt nüchtern: "Madonna bereitete in den Achtzigern den Weg für Frauen wie uns, die in einer Band spielen wollen. Es ist total wichtig, Leuten wie ihr Respekt zu zollen. Immerhin hat sie die katholische Kirche herausgefordert und ihr Publikum mit Homosexualität konfrontiert. Keine andere Künstlerin hat so viele subversive Themen aufgegriffen, während sie gleichzeitig enorm populär war. Auch wenn niemand ihr neues Album mag, ist sie immer noch ziemlich cool."

Mehr Videos von Gossip gibt es hier auf tape.tv!


Das Gerede über Madonna kommt nicht von ungefähr. Auf ihrem neuen Album zelebrieren Gossip den von Synthesizern und Drumcomputern geprägten Pop-Sound, mit dem Madonna in den Achtzigern berühmt wurde. Und treffen damit einen Zeitgeist, der das Jahrzehnt des bonbonbunt inszenierten Pathos und der geschmacklosen Frisuren als obercool verklärt. Mit "A Joyful Noise" vollenden Gossip ihren 2006 begonnenen Marsch durch die Instanzen: Vom Soul- und Funk-beeinflussten Alternative-Rock des Durchbruchalbums "Standing In The Way Of Control" über das poppig-tanzbare "Music For Men" (samt Über-Hit "Heavy Cross") bis hin zum gefälligen Radio-Pop der aktuellen Single "Perfect World".

Die Macht des Produzenten

Doch wer Ditto, Blilie und den Hipster-Schnauzbart tragenden Gitarristen Brace Paine Ausverkauf und Verrat diffuser Rocker-Ideale vorwerfen will, verkennt einerseits den Willen der Band aus Portland, Oregon, möglichst viele Menschen für ihre Musik zu begeistern. Und andererseits die Eigenwilligkeit dreier Musiker, die sich keinen Deut darum scheren, was irgendjemand von ihnen erwartet. "Nichts macht mir mehr Freude, als zu Leuten, besonders Plattenfirmen-Bossen, 'nein' zu sagen", strahlt Ditto. Im Zweifelsfall waren Gossip ohnehin nie eine echte Rockband, sondern sind erst jetzt, nach mehreren Häutungen, bei ihrer wahren Pop-Definition angelangt.

Dazu passt auch die Zusammenarbeit mit dem britischen Produzenten-Star Brian Higgins alias Xenomania, der schon den Pet Shop Boys, Kylie Minogue und den Sugababes seinen etwas aseptischen, aber extrem massenkompatiblen Sound aufstempelte. Vom Rock-Guru Rick Rubin, der bei "Music For Men" behutsam die Pop-Wurzeln der Band freilegte, bis zum Radio-Fließbandarbeiter Higgins ist es ein weiter Weg - auf dem auch ein wenig die musikalische Qualität auf der Strecke geblieben ist. Zwar erkennt man in den allesamt vor der Produktion geschriebenen Songs die Handschrift der Band, und auch Beth Dittos dunkle, kräftige Soulstimme ist ein unkaputtbares Markenzeichen - dennoch wirkt vieles ein bisschen zu einfach und zu sehr auf Massengeschmack getrimmt. Billig, könnte man sagen, wollte man der Band Böses.

Anfangs hatten Gossip mit dem nicht minder berüchtigten Mark Ronson (Adele, Amy Winehouse) zusammengearbeitet, der seinen Künstlern zumeist ein Sixties-Retrogewand überzieht. Doch Band und Produzent fanden keinen gemeinsamen Nenner: "Wir hätten sehr gerne weiter mit Mark gearbeitet", sagt Ditto, "aber es passierten einfach zu viele Dinge, als dass eine kreative Atmosphäre entstehen konnte: Amy starb, mein Vater starb, Mark heiratete und musste die Musik für die Olympischen Spiele in London komponieren. Es haute allein zeitlich nicht hin. Und dann kam Brian Higgins wie der weiße Ritter daher."

Muttergefühle für Adele

Ist der Achtziger-Jahre-Sound von "A Joyful Noise" also nur ein Zufallsprodukt, dem Einfluss eines mächtigen Produzenten geschuldet? Warum produziert sich eine erfolgreiche Band wie Gossip, die seit 13 Jahren existiert und jede Menge Erfahrung hat, eigentlich nicht selbst? Ditto protestiert: "Was viele Leute nicht verstehen, ist, dass man nicht immer wieder dasselbe Album machen möchte. Das wäre sehr einfach, aber auch verdammt langweilig. Ein Produzent schaut von außen auf deine kreative Sphäre und kann dir so ganz neue Impulse geben."

Blilie ergänzt: "Wir hatten Songs, die alle gut waren, aber noch nicht auf den Punkt fertig. Brian wusste genau, was er tun musste, um das Beste aus ihnen herauszuholen: ein Tempowechsel hier, eine andere Tonart dort. Wir kennen uns viel zu wenig aus mit den technischen Aspekten des Produzierens." Ditto: "Es geht nicht darum, diesen oder jenen Sound zu bekommen, für den ein Produzent steht. Wir brauchen jemanden, der uns zu unserem Ziel führt, wenn wir noch gar nicht so genau wissen, wo wir hin wollen."

Am Ende, so bekräftigen alle drei, zähle in der heutigen Zeit nur, ob man das, was man auf Platte zeigt, live glaubhaft reproduzieren könne: "You have to pull it off", nennt Ditto das. Daran macht sie auch den Erfolg ihrer Kollegin Adele fest, die, ebenfalls stimmgewaltig und nicht die Schlankeste, seit ihrem Album "21" zu den erfolgreichsten Pop-Künstlerinnen der vergangenen Jahre zählt. Haben Gossip den Weg für Adele bereitet? "Glaube ich nicht", sagt Ditto, "allerdings weiß ich genau, wie sie sich fühlt. Bis auf das Gefühl, 20 Millionen Platten verkauft zu haben", lacht sie, "das kenne ich nicht. Noch nicht!"

Ein paar Muttergefühle hat sie aber doch für die jüngere Britin übrig: Der Modezar Karl Lagerfeld, ein bekennender Ditto-Fan, bezeichnete Adele unlängst als fett. "Dazu habe ich drei Dinge zu sagen. Erstens: Ja, ist sie. Zweitens: Er war's auch. Drittens: Ich glaube, Karl Lagerfeld ist das Letzte, worüber Adele nachdenkt, wenn sie sich auf ihren Grammys und Millionen Dollar ausruht".

Damit schließt sich der Kreis zu Madonna, die sich ja auch immer noch selbst verwirkliche, auch wenn sie für manche eher wie eine Karikatur ihrer selbst wirken mag. "She's still expressing herself", spielt Hannah Blilie scherzhaft auf einen frühen Madonna-Hit an. "Egal, was sie gemacht hat und künftig machen wird, sie wird immer mit einer riesigen Welle von Kritik konfrontiert werden". Und trotzdem ziehe sie ihr Ding durch.

Gossip sind mit "A Joyful Noise" auf dem Weg, ihrem Vorbild darin zu folgen. Mit Beth Ditto besitzt die Band ein großes Pfund an Originalität. Das muss sich künftig aber noch stärker in der Musik niederschlagen, sonst wird's kaum klappen mit dem Legendenstatus. Im Video-Clip zur Single "Perfect World" tritt Ditto übrigens als Nonne an den Altar einer Kirche. An welches kontroverse Madonna-Video erinnert einen das bloß?


Gossip: "A Joyful Noise" (Columbia/Sony) erscheint am 11. Mai

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insgesamt 29 Beiträge
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1. Wie ein Verkehrsunfall...
Weltfinanzexperte 07.05.2012
..eigentlich abstoßend, aber man muss trotzdem dauernd hingucken. Die Kapelle ist was für Menschen, die ein "gutes Buch" im Regal stehen haben und den Fernseher abends auch gerne mal auslassen. Da kann man dann der Musik lauschen, auch wenn die Sängerin so fett und häßlich ist (ich weiß, das ist nicht p.c., aber schlicht die Wahrheit). Wo andere Sängerinnen erfolgreich sind, weil sie dicke Silikonkissen und lange Haare haben, ist sie es, weil sie die Mainstream-Verweigerer bedient. Das ist alles.
2. Gähn!
blue_plasma 07.05.2012
Zitat von sysopSony Music/ RankinJe gewichtiger Sängerin Beth Ditto wird, desto leichter wirkt die Musik ihrer Band Gossip. Auf ihrem neuen Album huldigen die feministischen Alternative-Rocker jetzt dem Pop und damit ihrem großen Vorbild - der frühen Madonna. "A Joyful Noise" ist auf SPIEGEL ONLINE komplett zu hören. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,831753,00.html
Wow, der Artikel liest sich zwischen den Zeilen wie ein Abgesang auf Gossip. Getreu dem Motto: "Es kann nicht schlecht sein, was nicht nicht schlecht sein darf!" weil ein hipper Journalist natürlich einen "töfte-bionade"-Musikgeschmack hat. Aber mal ehrlich, das, was Frau Ditto so von sich gegeben hat, sind Musikersätze von der Stange!
3. Spiegelt
crocodil 07.05.2012
so richtig die Fast Food Gesellschaft der USA. Aber was soll`s , auch hässlich und unappetitlich kann man Kohle machen!!
4. Comeback
spon-facebook-10000038283 07.05.2012
Wer das neue Material von Hannah Blilie, Frontfrau Beth Ditto und Nathan Howdeshell alias Brace Paine hierzulande erstmals live erleben möchte, der hat morgen (8. Mai) im Berliner Berghain die Gelegenheit dazu. http://faktis.net/Film-Musik/gossip-band-comeback Ich freue mich jedenfalls schon drauf.
5. Kaufhausmusik
normalerfamilienvater 07.05.2012
Wie kommt man eigentlich auf den Trichter, der Tröte irgendwelche feministischen/kulturellen/gesellschaftlich relevanten Qualitäten anzudichten? "Peinlichkeit als Geschäftsmodell" träfe es besser.
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