Grammy Awards Performance ist wichtiger als Preise

Was wird eher im Gedächtnis bleiben von der 60. Grammy-Verleihung: Mehrfach-Gewinner Bruno Mars oder die effektvollen Auftritte von Kendrick Lamar, SZA oder Kesha?

Kendrick Lamar bei den Grammys
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Kendrick Lamar bei den Grammys

Eine Analyse von


Erinnern Sie sich noch an die großen Gewinner der Grammy-Verleihung vor zwei Jahren? Taylor Swift gewann damals mit "1989" den Preis für das Album des Jahres. Bruno Mars und Mark Ronson hatten mit "Uptown Funk" die beste Aufnahme des Jahres. Ach ja. Was jedoch wirklich in Erinnerung blieb von der 58. Grammy-Show, war die kontrovers-politische Live-Performance von Kendrick Lamar.

Der Rapper aus Los Angeles eröffnete auch die 60. Grammy-Verleihung am Sonntagabend in New York - zusammen mit Bruno Mars und Jay-Z hatte er die meisten Nominierungen bekommen und galt als Favorit. Sein grimmig groovendes Medley aus Songs wie "XXX" und "DNA" setzte - mit martialischen Szenen von marschierenden Soldaten und exekutierten, in flammendes Orange gekleideten Gefängnisinsassen - einen düsteren, politischen Ton für die Pop-Veranstaltung.

Dieses Intro wird bleiben von diesen Grammys, als Weißt-Du-noch-Erzählung oder als YouTube-Evergreen. Sechs Grammys für Bruno Mars - das interessiert irgendwann nur noch Statistiker. Erneut bewiesen die Produzenten der Grammy-Show mehr Gespür für den Zeitgeist als die Grammy-Voter mit ihren Preisentscheidungen.

Pop-Mädchen statt R&B-Sensation

Sicher, man kann sich darüber ärgern, dass Kendrick Lamar schon wieder nicht den Grammy für das beste Album bekam, sondern erneut - mit dem Gewinn für das beste Rap-Album, in die Nische verwiesen wurde. Auch dass Jay-Z bei der Verleihung in seiner Heimatstadt keinen Preis bekam, ist ein Affront, der vielleicht auch etwas mit dem Grammy-Boykott des Rappers in früheren Jahren zu tun hat. Wohl noch nie waren die Nominierungen von so vielen Rap- und R&B-Künstlern dominiert wie in diesem Jahr. Das allein zeigt einen Wandel im Bewusstsein (und der Zusammensetzung) der Grammy-Gremien, dass diese Genres schon seit Jahren den Pop-Mainstream dominieren. Immerhin.

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Grammys 2018: Weiße Rosen auf dem roten Teppich

Am Ende gewann mit dem aus Hawaii stammenden Bruno Mars dann doch der talentierte, aber eher harmlose Song-and-Dance-Mann, und in der wichtigen Newcomer-Kategorie zeichnete man das brave Pop-Mädchen Alessia Cara aus, statt der R&B-Sensation SZA einen Preis zu geben. Da geht noch was, keine Frage. Dann wiederum hatte diese wichtige neue R&B-Stimme einen furiosen Auftritt in der Show mit ihrem Song "Broken Clocks".

Ja, die Uhren gehen noch etwas nach bei den Grammys, deswegen war es gut, dass viele der Gäste und Performer mit weißen Rosen am Revers oder "Time's Up"-Statements daran erinnerten, wie sehr auch die Musikbranche von paternalistischen Strukturen dominiert wird, die es Frauen schwer machen, sich zu behaupten. Dass sich aber in der Kategorie "Beste Pop-Solo-Performance" ausgerechnet der einzige Mann gegen vier nominierte Frauen (Kesha, Lady Gaga, Pink und Kelly Clarkson) durchsetzte, ist das falsche Beispiel, um sich zu erregen: Es wäre nach einem Jahr, in dem Sheerans "Shape Of You" der mit Abstand erfolgreichste und allgegenwärtigste Song war (neben "Despacito") sehr fragwürdig gewesen, dem Briten keinen Preis zu geben.

Einen viel größeren und wichtigeren Punkt machte ohnehin Kesha mit ihrer berührenden Live-Performance von "Praying", dem Song über ihre Missbrauchserfahrungen mit Produzent Dr. Luke.

Noch so ein Moment, der bleiben wird von diesen Grammys. Ebenso wie Janelle Monáes Ansage an alle Männer, die meinen, sie müssten ihre Macht gewalttätig und repressiv ausnützen: "Wir kommen in Frieden, aber wir meinen es ernst."

Männlich vielleicht, aber weiß?

Trotz solcher Statements gab es Unmut im Publikum. Mit dem Hashtag #GrammysSoMale wiesen enttäuschte Zuschauer darauf hin, dass sich unter den Hauptgewinnern mit Alessia Cara nur eine einzige Frau findet und Lorde (die nicht gewann) die einzige Frau unter den Nominierten für das beste Album war. Das ist betrüblich. Und auch wenn es in den vergangenen Jahren zumindest oberflächlich anders aussah (mit Gewinnerinnen wie Alicia Keys, Lady Gaga, Adele oder Taylor Swift), so zitierte die "New York Times" am Wochenende eine Studie, der zufolge von 899 Grammy-Nominierten in den letzten sechs Jahren lediglich neun Prozent Frauen waren.

In den 100 Kategorien der diesjährigen Grammy-Verleihung finden sich indes viele weitere Preisträgerinnen, darunter Aimee Mann, Shakira, die weiblich geführte Rockband Alabama Shakes, die Gospel-Sängerin CeCe Winans und die Jazz-Vokalistin Cécile McLorin Salvant, Letztere übrigens Afroamerikanerinnen.

Man kann den Grammys in diesem Jahr also ihre Männerlastigkeit vorwerfen, aber eher nicht mehr #GrammysSoWhite: Der überwiegende Teil der Live-Performances während der Show wurde von R&B- und Rap-Künstlern afroamerikanischer oder hispanischer Prägung ("Despacito") bestritten; die Auftritte traditioneller weißer Pop-Künstler ( Elton John & Miley Cyrus, U2, Little Big Town) gehörten nicht zu den Highlights oder bekamen, wie Sam Smith, die geballte Häme der Twitter-Gemeinde zu spüren: Nicht nur, weil der weiße britische Sänger in einem kuriosen weißen Doktorkittel auftrat, sondern weil sein schwarzer Gospelchor im Hintergrund so schlecht ausgeleuchtet war.

Geschmäcker, Sensibilitäten und Wahrnehmungen ändern sich zurzeit rapide. Die Grammys reagieren darauf nachvollziehbar langsam und unbeholfen. Sie sollen, wie die Oscars, nicht mehr nur Entertainment sein, sondern auch politisch - und dabei auch noch möglichst korrekt. Dass es dabei zu Pannen kommt wie dem plumpen "Fire And Fury"-Zitatelesen mit Hillary Clinton, ist schmerzhaft, aber verzeihlich. Den Grammys, jahrzehntelang Bewahrer des weißen Rock- und Pop-Spektrums, fehlt halt noch der richtige Groove.

REUTERS

Die Grammy-Preisträger in den wichtigsten Kategorien:

Album des Jahres: Bruno Mars - "24K Magic"

Song des Jahres: Bruno Mars - "That's What I Like"

Aufnahme des Jahres: Bruno Mars - "24K Magic"

Bester Newcomer: Alessia Cara

Beste Pop-Solo-Performance: Ed Sheeran - "Shape of You"

Beste Pop-Duo/Gruppen-Performance: Portugal. The Man. - "Feel It Still"

Bestes Pop-Gesangsalbum: Ed Sheeran - "Divide"

Bestes traditionelles Pop-Gesangsalbum: Verschiedene Interpreten - "Tony Bennett Celebrates 90"

Bestes Rock-Album: The War on Drugs - "A Deeper Understanding"

Bestes Rap-Album: Kendrick Lamar - "DAMN."

Bestes R&B-Album: Bruno Mars - "24K Magic"

Bestes Dance/Electronic-Album: Kraftwerk - "3-D The Catalogue"



insgesamt 9 Beiträge
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Maggie Mae 29.01.2018
1.
Wenn mir persönlich Musik gefällt ist das weil mir ein Text gefällt oder die Musik oder auch beides. Der Text kann ein seichter z.B. I love you oder auch meinetwegen politische Botschaften enthalten. Das gefällt mir dann oder auch nicht. Also Musik sollte meiner Auffassung nach das Gefühl ansprechen. Das wäre mein Verständnis von guter Musik. Das Bruno Mars abgeräumt hat finde ich OK. Vieles was er macht finde ich gut. Das jetzt Frauen schlechter abgeschnitten haben und das verächtlich sein soll oder auch einige Männer die politischer waren und deshalb eher einen Grammy verdient hätten würde ich nicht unterschreiben. Etwas gefällt oder gefällt weniger
derdudea 29.01.2018
2. Überflüssig
"Erneut bewiesen die Produzenten der Grammy-Show mehr Gespür für den Zeitgeist als die Grammy-Voter mit ihren Preisentscheidungen" Vielleicht lassen wir bei den Grammys den Unfug mit der Musik einfach weg? Und bei den Oscars die Sache mit den Filmen? Wenn es doch eigentlich nur darum geht, maximale Betroffenheitspunkte beim Treffen des aktuellen Zeitgeistes zu machen (und kein Jota von der Linie abzuweichen, um überhaupt nominiert zu werden), könnte man dann nicht gleich von vornherein die Planung für die Show optimieren? Erst mal vornweg eine "weiße Liste" mit Künstlern, deren Liedgut den "Zeitgeist" trifft und über die es keinerlei negative Presse in Sachen Sexismus, Rassimus gibt. Dann streichen wir noch alle, die im letzten Jahr nicht mindestens einmal eine flammende Rede gegen Trump und für "Metoo" gehalten haben. Aus den verbleibenden wählt dann eine Kommission eine Gruppe von Preisträgern aus, die keinerlei Kritik betreffend Geschlecht, Hautfarbe und sexueller Orientierung mehr erlaubt. Quasi wie beim Regional- und Geschlechtsproporz der Parteiführungen. Am Ende steht dann das perfekte Abfeiern des aktuellen Zeitgeistes. Wozu braucht es da noch Musik oder Film?
troy_mcclure 29.01.2018
3. Was wird eher im Gedächtnis bleiben von der 60. Grammy-Verleihung:
NIchts. In zwei Wochen ist alles vergessen
Newspeak 29.01.2018
4. ...
Mal ehrlich. Weiss noch irgendjemand etwas von den Grammys letztes Jahr, oder vor fuenf Jahren, oder zehn? Das sind Werbeveranstaltungen der Musikindustrie, nichts weiter. Man feiert sich gegenseitig. Natuerlich, das schliesst nicht aus, das Kuenstler verdient Preise gewinnen und es tolle Showacts gibt. Aber nichts davon ist auf Dauer von Bedeutung, ausserhalb von irgendwelchen Zirkeln, in denen Preise gezaehlt und andere Statistiken erstellt werden. Was zaehlt, ist, ob man als Kuenstler andere Menschen mit seiner Kunst beruehrt. Und doch nicht solche Showveranstaltungen.
spiegelchrischan 29.01.2018
5. Totale Verarschung
Das diese dämlichen Preisverleihungen dermaßen gehypt werden, kann ich beim besten Willen nicht begreifen. Egal ob Grammy, Oscar oder wie die alle heißen, es gibt kaum etwas unwichtigeres und bedeutungsloseres als diesen albernen Preisverleihungen. Alles von der Unterhaltungsindustrie gesteuert und massiv beeinflusst, gerade im Musik-Business, immer dieselben dümmlichen ”Künster” mit immer bedeutungsloseren Texten und reiner Massen-Lala-Musik. Ein Spiegelbild unserer komplett verblödeten und dekadenten Gesellschaft. Wenn ich in den Nachrichten höre (als allererstes, noch vor den Neuigkeiten vom Türkischen Überfall auf Syrien), das Bruno Mars 6 oder 8 von den Preisen abgeräumt hat, dann frage ich mich: wer zum Geier ist Bruno Mars und was trägt er zum Frieden auf Erden bei, oder zur Völkerverständigung, oder gegen Rassismus, oder oder oder. Aber die Hauptfrage ist: warum machen wir das mit und finden das soooo wichtig? Arme traurige Welt, ich gebe Dir nicht mehr sehr lange...
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