Los Angeles - Hier stimmt er einmal nicht, der alte Abba-Klassiker "The Winner Takes It All": Obwohl Beyoncé Knowles nach der Zahl der gewonnenen Preise die große Gewinnerin des Abends war und mit sechs Grammy-Trophäen gar einen neuen Rekord für weibliche Solokünstlerinnen aufstellte, wird die 52. Verleihung der weltweit wichtigsten Musikpreise wohl nicht ihretwegen in Erinnerung bleiben. Denn in Zeiten, in denen Popmusik ihre herausragende Stellung im Wettbewerb der Populärkulturen verloren hat, zählt die Zahl der Preise weniger als der eine denkwürdige Auftritt, die Musik weniger als der eine spektakuläre Moment.
Spötter könnten sagen: Wer solch einen Moment braucht, muss einfach Elton John anrufen. Schon bei den Grammys 2001 ging sein Duett mit Eminem um die Welt. Nun kam er in der Mitte des Auftritts von Lady Gaga, der Pop-Aufsteigerin des Jahres, auf der einen Seite eines großen Doppelpianos aus der Kulisse gefahren. Auf der anderen Seite saß Lady Gaga selbst und klimperte die Akkorde ihrer Ballade "Speechless" so einfühlsam, dass man ihre übliche Cartoon-Sex-Alien-Aufmachung vergaß. Stattdessen erinnerte sie an ihre Anfänge als Klavier spielende Stefani Germanotta, die eher Tori Amos als Madonna nacheiferte. Nach zwei Strophen wechselten die beiden in eine vierhändige Version von Elton Johns Klassiker "Your Song", die Sir Elton in eine Hommage wandelte: "How wonderful life is, with Gaga in this world."
Die Grammys mögen zwar als Selbstfeier der Musikindustrie an Relevanz verloren haben, aber sie funktionieren noch immer als Möglichkeit, das eigene Künstlerprofil zu schärfen oder zu ändern. So hat Lady Gaga also einem Millionenpublikum gezeigt, dass sie auch Musical und Pianoballaden kann. Und auch die große Preisgewinnerin Beyoncé weitete ihr Repertoire aus und sang bei ihrem Auftritt die 15 Jahre alte Rockballade "You Oughta Know" von Alanis Morissette. Wie solches Spielen auf fremden Spielfeldern allerdings auch schief gehen kann, zeigte die junge Country-Sängerin Taylor Swift, deren Duett mit Stevie Nicks von Fleetwood Mac wohl vor allem dadurch in Erinnerung bleiben wird, dass die Jüngere der Älteren stimmlich bei weitem nicht das Wasser reichen konnte.
Pink nahm bei ihrem Auftritt Anleihen bei der Welt des Zirkus: Sie hing kopfüber und nass an einem Seil. Die R&B-Diva Mary J. Blige versuchte sich in einem Duett mit Andrea Bocelli an Opernartigem - allerdings in einer Coverversion von "Bridge Over Troubled Water", für die insbesondere sprach, dass sie um Hilfe für die Erdbebenopfer von Haiti warb. Bon Jovi ließen sich ihre Setlist von Fans aus dem Internet diktieren.
Lady Gaga mag also nur zwei Grammys gewonnen haben, aber mit ihrem Auftritt hat sie die diesjährige Grammy-Verleihung entscheidend geprägt - ihrer Karriere wird es nützen.
feb/dpa/AFP
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