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Musikpreis Grammy: Der Preis ist heiß, die Show ist heißer

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Grammy 2016: Der Jubel der Sieger Fotos
AP

Lady Gaga performte als Ziggy Stardust, Stevie Wonder scherzte - die Grammys unterhielten in diesem Jahr durchaus. Nur der wahre Gewinner wurde nicht angemessen gewürdigt.

Vor gut einer Woche, in der Halbzeit vom Super Bowl, lieferte Beyoncé einen großen politischen Popmoment: In ihrem Song "Formation" rief sie Frauen zur Stärke auf, prangerte Polizeigewalt gegen Schwarze an, und auf der Bühne trugen ihre Tänzerinnen schwarze Lederuniformen, die dem ikonischen Dress der Black Panthers nachgebildet waren.

Nach den Grammys, die in der Nacht auf Dienstag in Los Angeles vergeben wurden, ist klar, dass Beyoncés Auftritt in diesem Jahr vorerst der einzige politische Popkraftakt bleiben wird: Denn Taylor Swift, die als unangefochtener Star des Abends für die Platte "1989" in der Hauptkategorie "Album des Jahres" ausgezeichnet wurde, hatte zwar eine Botschaft. Die klang aber nur vordergründig nach Emanzipation, weil sie sich spätestens beim zweiten Hinhören doch als Schaffe-Schaffe-Sinnspruch entpuppte, der die weibliche Unabhängigkeit nur in den Dienst des Erfolgs stellte:

"Als erste Frau, die bei den Grammys zum zweiten Mal für das Album des Jahres ausgezeichnet wird, will ich all den jungen Frauen da draußen sagen, dass es auf eurem Weg Leute geben wird, die euren Erfolg untergraben wollen", so etwa Swift. Weiter riet sie, sich auf die Arbeit zu konzentrieren und sich nicht von solchen Leuten ablenken zu lassen. Dann wisse man, dass man es selbst geschafft habe.

Taylor Swift bei den Grammys: Schwäbischer Schaffe-Schaffe-Sinnspruch Zur Großansicht
REUTERS

Taylor Swift bei den Grammys: Schwäbischer Schaffe-Schaffe-Sinnspruch

Das Netz machte die Rede dann inhaltlich noch kleiner, weil es Swifts Worte sofort als persönliche Abrechnung mit ihrem langjährigen Intimfeind Kanye West interpretierte, der in seinem neuen Song "Famous" über Sexfantasien mit Swift singt. Ob von Swift so intendiert oder nicht - mehr Haltung als das Maßregeln des notorisch frauenverachtenden Pop-Irren West und mehr als ein Satz wie von einem lauen Motivationsposter hätte an diesem Abend schon drin sein können. Und damit hätte man sich in einem zerrütteten Amerika, das zwischen Donald Trump und Polizeigewalt gegen Schwarze schlingert, noch nicht mal besonders weit aus dem Fenster gelehnt.

Ja, die Grammys unterhielten in diesem Jahr durchaus: Lady Gaga verwaltete nicht mehr nur das eigene Erbe, sondern zollte als leicht zerrupfte Ziggy-Stardust-Kopie mit einem durchweg gelungenen Medley David Bowie Tribut; Stevie Wonder berührte mit Worten zum verstorbenen Earth, Wind & Fire-Gründer Maurice White: "Maurice, mögest du in ewiger Seligkeit und Frieden ruhen." Die blinde Soullegende unterhielt aber auch, als er den Gewinner in der Kategorie "Bester Song" verkünden sollte (der Preis ging an Ed Sheeran und Amy Wadge für "Thinking Out Loud"). In der Hand den Umschlag, in dem der Siegername in Blindenschrift stand, lachte Wonder über das Publikum: "Ihr könnts nicht lesen, ihr könnt kein Braille."

Video: Lady Gaga ehrt David Bowie mit Musik-Medley

Aber trotzdem blieb der Beigeschmack, dass vor allem Erfolg und Selbstverwaltung großer Popgeschichten belohnt wurden, aber nicht die dringend benötigte Haltung: Kendrick Lamar, der mit seinem Hip-Hop-Manifest "To Pimp A Butterfly" wütend und hochintelligent die Ereignisse von Ferguson verarbeitete, war in diesem Jahr als unangefochtener Favorit in elf Kategorien nominiert - und gewann in fünf, räumte also ziemlich ab. Aber eben fast ausschließlich in den Rap-Kategorien: Der Künstler wurde ausgezeichnet für das beste Rap-Album, den besten Rap-Song, die beste Rap- Performance, die beste Rap-Kollaboration.

Das wird ihm im Poprahmen als Liebling des Feuilletons absolut gerecht, aber nicht seiner Bedeutung als Stimme der "Black Lives Matter"-Bewegung. Die Jury ließ hier zudem einmal mehr die Chance verstreichen, einen Rapper für die genreübergreifende Hauptkategorie "Album des Jahres" auszuzeichnen - bislang gewannen in der Geschichte der Grammys erst zwei Hip-Hop-Alben in dieser Sparte (Lauryn Hill 1999 für "The Miseducation of Lauryn Hill" und Outkast 2004 für "Speakerboxxx/ The Love Below").

Die einzige Auszeichnung für Lamar außerhalb der Rap-Kategorien folgte dann bezeichnenderweise für einen seiner blassesten Auftritte: In Zusammenarbeit mit Swift nahm Lamar "Bad Blood" auf. Der zugehörige Clip, in dem sich Swift als Mischung aus Agentin und Ninja unter anderem mit Cara Delevingne und Jessica Alba durch eine Großstadt kämpft, während Lamar vor allem aus dem Hintergrund im Sitzen rappt, wurde als bestes Video ausgezeichnet.

Kendrick Lamar : Show, die über Unterhaltung hinausweist Zur Großansicht
AFP

Kendrick Lamar : Show, die über Unterhaltung hinausweist

Zumindest zeigte Lamar selbst mit seiner Performance eindrucksvoll, dass jeder Preis dann egal wird, wenn die Show über die Unterhaltung hinausweist: Seinen Song "The Blacker the Berry" performte der Rapper in Häftlingskleidung, vor Gefängniskulisse und mit Handschellen; am Ende blieb seine Silhouette im Dunkeln vor dem Grundriss Afrikas, über den "Compton" geschrieben war; der Name des sozial gebeutelten Stadtteils in Los Angeles also, aus dem Lamar und andere Rapgrößen stammen. Es folgten Standing Ovations.

Und am Ende bekam der Künstler sogar, als er sich mit seinem Auftritt so schon längst selbst zum Sieger des Abends gekürt hatte, gar doch noch die Anerkennung, die ihn über den Poprahmen hinaus würdigte: Auf Twitter gratulierte ihm das Weiße Haus. Verpackt waren die Worte in eine Eigenwerbung für Obamas Mentorenprogramm, ja. Aber sie wirkten trotzdem: "Shoutout to @KendrickLamar and all the artists at the #Grammys working to build a brighter future" schrieb die US-Regierung. Word.

Die Grammy-Preisträger in den wichtigsten Kategorien:

Album des Jahres: Taylor Swift - "1989"

Song des Jahres: Ed Sheeran - "Thinking Out Loud"

Aufnahme des Jahres: Mark Ronson und Bruno Mars - "Uptown Funk"

Bester Newcomer: Meghan Trainor

Beste Pop-Solo-Performance: Ed Sheeran - "Thinking Out Loud"

Beste Pop-Duo-Performance: Mark Ronson und Bruno Mars - "Uptown Funk"

Bestes Pop-Gesangsalbum: Taylor Swift - "1989"

Bestes traditionelles Pop-Gesangsalbum: Tony Bennett und Bill Charlap - "The Silver Lining: The Songs Of Jerome Kern"

Bestes Rock-Album: Muse - "Drones"

Bestes Rap-Album: Kendrick Lamar - "To Pimp A Butterfly"

Bester R&B-Song: D'Angelo und Kendra Foster - "Really Love"

Bestes zeitgenössisches Album: The Weeknd - "Beauty Behind The Madness"

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insgesamt 13 Beiträge
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1. Haltung?
esheisstextravertiert 16.02.2016
Und wieder einmal war SPON die Auszeichnung des Muse-Albums "Drones" als bestes Rockalbum nicht einmal eine Erwähnung im Fließtext wert. Irgendwie folgerichtig, das Album wurde ja damals bei Erscheinen nur mit 2/10 bewertet. Dabei ist "Drones" durchaus ein Album, das ebenso für eine Haltung steht wie die so hochgejubelten Wortsalven von Lamar. Es geht um staatliche Überwachung, um Geheimdienst, um Drohnenkrieg und um die Kollateralschäden der Globalisierung. Und das hat mit einer "Selbstverwaltung großer Popgeschichten" nun einmal rein gar nichts zu tun.
2. Frau Gaga...
vaikl 16.02.2016
...ist nachweislich *nicht* David Bowie, also sollte sie sich auch nicht an dermaßen manieristischer Nachäfferei seiner Bühnenpräsenz versuchen. Peinlich, nicht "heiß".
3. Yes!
Zappa_forever 16.02.2016
Zitat von vaikl...ist nachweislich *nicht* David Bowie, also sollte sie sich auch nicht an dermaßen manieristischer Nachäfferei seiner Bühnenpräsenz versuchen. Peinlich, nicht "heiß".
...wie nennt man so etwas: "Rip off"? "Hommage" jedenfalls nicht.
4. Können sie mir erklaären
rolf.piper 16.02.2016
oder gar beweisen, was das hier mit Kultur zu tun hat?
5. Taylor Swift
lotharbongartz 16.02.2016
ist eben auch ein Marketing-Genie. Hier ein Ueberblick: http://1der1.com/pages/1der1?330
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