#GrammysSoMale Grammy-Präsident entschuldigt sich

Der Präsident der Grammy Academy riet Frauen in der Musikbranche, sich mehr anzustrengen und erntete dafür einen Shitstorm. Nun rudert Neil Portnow zurück.

Neil Portnow, Präsident der Recording Academy, die die Grammys vergibt
REUTERS

Neil Portnow, Präsident der Recording Academy, die die Grammys vergibt


Seine Aussage sei aus dem Zusammenhang gerissen und vermittele nicht seine Überzeugungen. Nach seiner viel zitierten Aufforderung an Musikerinnen, sich weiter zu steigern, hat sich Neil Portnow, Präsident der Recording Academy, nun selbst zu Wort gemeldet. Die Äußerung hatte er am Rande der Grammy-Verleihung am Sonntag gemacht.

In einem Statement, das er der "New York Times" zukommen ließ, schreibt er: "Unsere Branche muss realisieren, dass Frauen, die von einer Musikkarriere träumen, Hürden überwinden müssen, die Männern niemals im Wege stehen." Alle müssten dafür sorgen, dass diese Hürden verschwänden und gleichzeitig Frauen ermutigen, ihren Traum zu leben und ihre Leidenschaft und Kreativität in ihrer Musik auszudrücken.

Portnow, am Sonntag von einem Reporter im Backstagebereich der Grammy-Gala auf die männliche Dominanz bei den Preisträgern und den auftretenden Stars angesprochen, hatte dem Branchenblatt "Variety" zufolge gesagt: "Frauen, die Kreativität in Herz und Seele tragen und Musikerinnen werden wollen, müssen sich mehr anstrengen (auf engl. "step up")." Daraufhin war in den sozialen Medien ein Shitstorm losgebrochen. Schnell machte der Hashtag #GrammysSoMale (Grammys so männlich) die Runde.

US-Sängerin Pink war eine der Ersten, die sich dazu äußerte. Auf einem handgeschriebenen Zettel, den sie auf Twitter teilte, schrieb sie, dass Frauen sich nicht mehr anstrengen müssten, Frauen strengten sich schon immer an. Frauen beherrschten die Musik seit Anbeginn und zeigten damit nachfolgenden Generationen, was Gleichberechtigung und Fairness bedeute.

Sängerin Katy Perry, die zwar für einen Grammy nominiert war, aber zu der Verleihung nicht erschien, teilte den Tweet und kommentierte: "Eine weitere mächtige Frau, die mit gutem Beispiel vorangeht. (...) Ich bin auf alle Frauen stolz, die gegen alle Widerstände großartige Kunst machen." Andere forderten Portnows Rücktritt und riefen zum Boykott der Grammys auf.

Die neuseeländische Sängerin Lorde war es, die ins Zentrum der Diskussion über den Frauenanteil bei der Grammy-Show geriet. Sie war der einzige weibliche Star, der auf der Shortlist für das beste Album des Jahres stand, und gleichzeitig die einzige Nominierte, der kein Soloauftritt gewährt wurde.

Bei der Verleihung hatte sie sich als Zeichen des Protests gegen die männliche Dominanz einen Spruch auf den Rücken ihrer roten Robe geheftet. Nach der Gala schaltete sie in der größten neuseeländischen Zeitung "The New Zealand Herald" einen ganzseitige Anzeige, in der sie denen dankte, die an sie glauben: "Thank you, also, for believing in female musicians. You set a beautiful precedent!"

Bei der Verleihung am Sonntag war die große Mehrzahl der Preise in 84 Kategorien an Männer oder von Männern geführte Bands gegangen, Künstlerinnen wie Lady Gaga, Kesha, Lorde und SZA gingen leer aus. Laut einer Studie der Annenberg Inclusion Initiative an der University of Southern California waren zwischen 2013 und 2018 fast 91 Prozent der Grammy-Nominierten Männer.

Grammy-Präsident Portnow ist derweil weiter um Schadensbegrenzung bemüht. In der "NYT" schreibt er weiter: "Wir müssen Frauen in der Musikbranche unterstützen und bestärken. Unser Branche wird dadurch nur noch reicher." Er bedauere, dass er das nicht richtig ausgedrückt habe. "Ich werde weiterhin alles dafür tun, was in meiner Macht steht, damit die Musikbranche zu einem besseren, sichereren und repräsentativeren Ort für jeden einzelnen wird."

brs



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mynonys22 31.01.2018
1. wenn sie nicht gewinnen
müssen Sie sich eindeutig mehr anstrengen... liegt doch klar auf der Hand. Verstehe das Problem nicht, die Hürden sind im Musik Geschäft für alle gleich. Nennen Sie eine Hürde die nicht auf beide Geschlechter zu trifft?
Horst-Güntherchen 31.01.2018
2. Hexenjagd
Anders als Frau Stokowski vor ein paar Tagen in ihrer Kolumne komme ich zu dem Schluss, dass man sich in der amerikanischen Film- und Musiklandschaft einem Generalverdacht ausgesetzt sieht, sobald man a) männlich und b) weiß ist. Scheinbar ist man als Mann automatisch ein sexistischer Macho, der Frauen entweder bewusst (bei den zu vergebenen Preisen) ignoriert oder nur durch (sexuelle) Erpressung zum Zuge kommen lässt. Was für ein Männerbild wird hier vermittelt? Fehlt jetzt nur noch - was schon hier und da gefordert wurde - die Einführung einer Zwangsquote für Frauen.
uzsjgb 31.01.2018
3.
Zitat von Horst-GüntherchenAnders als Frau Stokowski vor ein paar Tagen in ihrer Kolumne komme ich zu dem Schluss, dass man sich in der amerikanischen Film- und Musiklandschaft einem Generalverdacht ausgesetzt sieht, sobald man a) männlich und b) weiß ist. Scheinbar ist man als Mann automatisch ein sexistischer Macho, der Frauen entweder bewusst (bei den zu vergebenen Preisen) ignoriert oder nur durch (sexuelle) Erpressung zum Zuge kommen lässt. Was für ein Männerbild wird hier vermittelt? Fehlt jetzt nur noch - was schon hier und da gefordert wurde - die Einführung einer Zwangsquote für Frauen.
Wenn Sie den Spruch "Frauen sollen sich mehr anstrengen" als richtig ansehen, kann ich durchaus verstehen, warum Sie meinen einen Hexenjagd erkennen zu können.
creusa 31.01.2018
4.
In der Musikbranche geht es wie in vielen anderen anderen Branchen und Arbeitsbereichen auch viel um Kontakte, Netzwerke, Förderung durch etablierte Branchengrößen usw. Um überhaupt für einen Grammy nominiert zu werden, muss man ja auch erstmal einen gewissen Erfolg gehabt haben, etwas bekannt geworden sein. Und dafür muss man, egal wie viel Talent man auch hat, egal ob Mann oder Frau, die richtige Gelegenheit kriegen, eine Chance. Das ist der Knackpunkt: Denn viele dieser "Hürden" die angeblich für alle gleich sind, bestehen darin, dass Menschen, entscheiden, wer eine Chance bekommt und wer nicht. Dass dabei in den letzten Jahr(zehnt)en offensichtlich Männer einen Vorteil hatten, ist doch nun wirklich offensichtlich. Denn einen Anteil von fast 91% kann man leider nicht mehr mit mehr Talent erklären, sondern nur mit einem gehörigen Anteil von Bevorzugung. Und diese mangelnde Förderung weiblicher Musiker sollte man in der Tat beheben. Damit ist auch den Männern übrigens nichts genommen. Es sollte nur halt bei der Förderung möglichst um das Talent gehen, nicht das Geschlecht. Dass sich hier im Forum viele Männer über eine "Hexenjagd" beschweren kann ich nicht nachvollziehen. Natürlich ist es unangenehm für die große Mehrheit der anständigen Männer, dass diverse Geschlechtsgenossen, derzeit so ein schlechtes Bild abgeben. Aber die berechtigte Kritik an diesen Männern sollten sie sich wirklich nicht zu Herzen nehmen. Ihr seid nicht gemeint, okay? Aber die betroffenen Opfer, können deswegen jetzt nicht einfach die Klappe halten, nur damit ihr euch nicht angefriffen fühlt.
Horst-Güntherchen 31.01.2018
5. Gewollt missverstanden?
Zitat von uzsjgbWenn Sie den Spruch "Frauen sollen sich mehr anstrengen" als richtig ansehen, kann ich durchaus verstehen, warum Sie meinen einen Hexenjagd erkennen zu können.
Legen Sie mir bitte keine falschen Worte in den Mund. Auf das Zitat habe ich mich nirgendwo bezogen. Es geht mir um die generelle Tendenz, die sich in der Unterhaltungsindustrie ablesen lässt. Dieser Vorfall ist nur die Spitze des Eisbergs. Nach welchen Motiven eine Jury ihre Entscheidung für Preise fällt, möchte ich gar nicht mutmaßen. Jedem, der allerdings die Entwicklungen der letzten Monate beobachtet, dürfte aufgefallen sein, dass im Zuge der sogenannten MeToo-Bewegung allerlei Hexenjagd-ähnliche Dinge betrieben werden: Ob eine Universität ein Gedicht übermalen muss (Artikel von gestern) oder die Formel 1 die Grid Girls abschafft (Artikel von heute): Es ist eine Dynamik, die sich von den eigentlich Zielen längst verabschiedet hat und zu den wahren Problemen schweigt (siehe Zwangsverheiratungen, Genitalverstümmelungen etc.)
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