Grand Hotel van Cleef Ein Aufstand junger Männer

Das kleine Hamburger Plattenlabel Grand Hotel van Cleef gilt als beste Adresse für alternativen deutschen Gitarrenpop. Seit die Labelbetreiber jedoch die Musik für den Film "Keine Lieder über Liebe" schrieben, stehen sie auf einmal mit einem Bein im Mainstream.

Von Swantje Dake


Thees Uhlmann ist entspannt: Er fläzt in einem mit Lederimitat bezogenen Sperrmüllstuhl aus den siebziger Jahren, der weiße Schriftzug seines Labels prangt auf seinem schwarzen T-Shirt, die blonden Haare sind verstruwelt, aber per Seitenscheitel geordnet. "Ach, ich weiß doch auch nicht, wie das passiert ist", murmelt er. Uhlmann ist Sänger der Band Tomte und einer der drei Gründer der kleinen Hamburger Plattenfirma Grand Hotel van Cleef (GHvC).

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Grand Hotel van Cleef: Mit einem Bein im Mainstream
Aus dem mit Umzugskartons zugestellten und mit Tourplakaten tapezierten Büroraum auf St. Pauli haben Tomte und Marcus Wiebuschs Band Kettcar unerwartet den Sprung in die Charts geschafft. Der Schauspieler Jürgen Vogel wählte die GHvC-Musiker aus, um für seinen aktuellen Film "Keine Lieder über Liebe" die Hansen Band zu gründen. Spätestens seit Vogel im Oktober auf der "Wetten, dass ...?"-Couch saß und die Jungs vom Grand Hotel vor einem Millionenpublikum anpries, war das kleine Unternehmen aus der dunklen Ecke der Musikindustrie heraus mitten ins Rampenlicht getreten.

Dabei war die Labelgründung 2002 eine reine Verzweiflungstat. "Wir waren mit Tomte und Kettcar auf Tour und frustriert, weil niemand unsere Platten machen wollte. Wir tranken zu viel und Marcus sagte 'Dann machen wir das eben selbst'. Aber die Banken gaben kein Geld. Reimer sagte 'Meine Mama hat da noch...', wir zahlen den Kredit in einem Jahr zurück - und plötzlich war Kettcars Debüt 'Du und wie viel von deinen Freunden' Platte des Monats bei 'Visions'",

Uhlmann spult die Abfolge der Ereignisse ab wie ein Mönch, der eine ewig gleiche Litanei herunterbetet. Er hat die Erfolgsgeschichte des Grand Hotels schon oft erzählt. Greifbarer wird das Geschehene deshalb aber noch lange nicht. Vor drei Jahren wollte niemand seine Musik hören, heute wird er in die NDR-Talkshow eingeladen, flaniert bei Filmpremieren über den roten Teppich, und Hamburgs Kultursenatorin hört den Labelgründern zu, wenn es um die Proberaumsituation in der Hansestadt geht. "Das ist doch absurd", entfährt es Uhlmann, den das alles eher amüsiert als aus der Fassung bringt.

Gemacht wird, was gefällt

Zu den Inhabern von GHvC gehört neben Uhlmann und Marcus Wiebusch auch der Kettcar-Bassist Reimer Bustorff. Die Aufgaben sind klar verteilt: Bustorff kümmert sich um Formalitäten und Papierkram, Wiebusch produziert Visionen am laufenden Band und Uhlmann rührt die Werbetrommel. Grand Hotel van Cleef ist eine Firma, die von Freunden gegründet wurde.

Wie die meisten Musiker in der Hansestadt kannten sich auch die drei Labelgründer schon etwas länger: Die Kettcar-Kollegen spielten in der Hamburger Band Rantanplan, Wiebusch sang außerdem bei der Punkband ...But Alive und hatte mit BA-Records ein eigenes Label. Dort veröffentlichten Tomte ihre beiden ersten Alben. "Wenn Marcus nicht die erste Platte herausgebracht hätte, hätte es niemand gemacht", sagt Uhlmann. Wiebusch glaubte nicht an den kommerziellen Erfolg, tat aber das, was er für richtig hielt.

Diese Haltung ist auch bei GHvC zur Entscheidungsmaxime geworden: Gemacht wird, was gefällt. Kein Plattenboss muss die Verträge absegnen, lediglich die drei Musiker müssen für ihre Bilanzen gerade stehen - vor sich selbst. Und plötzlich - im Zuge der aktuellen deutschen Popwelle - kaufen und lieben die Leute das, was die drei Hamburger schon immer mit ihren Bands gemacht haben - Gitarrenmusik mit deutschen Texten, die bisher vor allem von Kritikern geschätzt wurde. Das Kettcar-Debüt verkaufte sich mehr als 30.000 Mal, Tomtes "Hinter all diesen Fenstern" setzte 35.000 Einheiten ab. Die zweite Kettcar-Platte "Von Spatzen und Tauben, Dächern und Häusern", die im Sommer dieses Jahres erschien, wurde gar ein kommerzieller Erfolg: 60.000 Mal unter die Menschen gebracht. Tomte wollen in wenigen Wochen nachziehen.

Gegengewicht zu den Charts-Eintagsfliegen

Das Grand Hotel soll aber nicht nur Heimat für die Bands der Labelgründer sein. Einen Plattenvertrag hat auch die Hamburger Band Marr mit harten Gitarrentönen und englischen Songtexten. Die hochgelobte US-Band Death Cab for Cutie veröffentlichten ihr Deutschland-Debüt bei GHvC, ist aber mittlerweile zu einem Großkonzern gewechselt. Traurig ist man wegen des Verlusts der Band in dem tristen Bürokomplex auf St. Pauli schon, aber nicht beleidigt und auf keinen Fall nachtragend. Profit ist für die Hamburger Plattenfirma nun einmal nicht maßgeblich.

Zuletzt erschien bei GHvC das zweite Album der amerikanischen Independentgruppe Maritime. Uhlmann und Co. sind überzeugt, dass sie mit dieser Band nie auf Gottschalks Sofa Platz nehmen werden. Sie kalkulieren so, dass auch mit wenigen Verkäufen Geld verdient wird, denn Samariter sind auch sie nicht. Aber als die Regisseurin Doris Dörrie mitteilte, dass sie einen Maritime-Song für ihren Film "Der Fischer und seine Frau" haben wollte, hüpfte Uhlmann drei Stunden im Büro auf und ab - sagt er.

Die Unbekümmertheit, mit der die drei in der Kneipe "Mutter" an der Stresemannstraße sitzen und Biere trinken, haben sie in das dahinsiechende Musikgeschäft getragen. "Unsere dümmliche Unschuld hat uns verdammt weit gebracht", kommentiert Uhlmann die Zweifel an der Gelassenheit. Die ist jedoch nicht grenzenlos. Wenn es um die gesellschaftlichen Auswirkungen von Musik geht, hört bei Uhlmann der Spaß auf. Er möchte ein Gegengewicht bilden zu all den Chart-Eintagsfliegen, zu den HipHoppern, die mit Fäkalausdrücken um sich schmeißen.

"Ekelhaftes Klassensprechersyndrom"

Das heißt nicht, dass die Texte von Bernd Begemann oder Olli Schulz und der Hund Marie, die ebenfalls auf GHvC veröffentlichen, hochpolitisch sind. Aber: "Bei unseren Konzerten werden die 15-jährigen Mädchen eben nicht 'Fotze' genannt." Uhlmann hält inne und schmunzelt. "Das hört sich jetzt an, wie der Aufstand der alten Männer", sagt der 31-Jährige. Trotzdem meint er es ernst. Er leide nun einmal an diesem "ekelhaften Klassensprechersyndrom". Unumwunden gibt er zu: "Ich mag es natürlich auch, hier zwischen Kartons herum zu sitzen und trotzdem im Land rumzuschreien, meine Meinung sagen zu können." Zu Uhlmanns Leidwesen bekommt Rapper Bushido aber am Ende doch mehr Aufmerksamkeit.

Uhlmann, Wiebusch und Bustorff beweisen, dass man nicht Unsummen Geld in Künstler investieren muss, um sie bekannt zu machen. Vielleicht ist die viel bemühte "Authentizität" das Erfolgsgeheimnis. Auf der Homepage preisen sie ihre Künstler so an, wie man es unter Freunden machen würde. Das kann man als Pose und Masche abwerten, man kann es auch als nervig empfinden. Man darf es ihnen aber auch getrost abnehmen.

Der nächste Gast im Grand Hotel nennt sich Home of the Lame. Dahinter steckt Felix Gebhard, Bassist der Hansen Band. Der Singer/Songwriter mit dem wuschligen Rotschopf textet auf Englisch, sein Album erscheint Anfang Dezember. Bald danach wird GHvC den schäbigen Büroraum mit Blick auf den Rummelplatz auf dem Heiligengeistfeld verlassen und gegenüber in das Musikhaus "Karostar" einziehen, einem neuen Komplex für junge Unternehmen aus der Hamburger Musikszene. Dann werden sie nicht mehr zwischen gepackten Umzugskartons mit T-Shirts, Buttons und CDs sitzen. Aber sie werden wohl immer noch im Land herumschreien. Und ab und an hört der Mainstream zu.



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